Katz-und-Maus-Spiel geht wei­ter

Was wird aus Ju­li­an Ass­an­ge nach En­de der schwe­di­schen Er­mitt­lun­gen?

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - HINTERGRUND - Von Ca­ro­li­ne Bock und Julia Wä­schen­bach, dpa

STOCK­HOLM/LON­DON Al­le war­ten auf Ju­li­an Ass­an­ge. Aber am Frei­tag guckt erst­mal nur die Bot­schafts­kat­ze, die ei­nen mit Her­zen ver­zier­ten Schlips trägt, aus dem Fens­ter. Die Bür­ger­stei­ge sind vol­ler Jour­na­lis­ten, die Po­li­zei ist da, di­rekt ne­ben­an liegt das Kauf­haus Har­rods. Vor fast fünf Jahren hat sich der Wi­ki­leak­sG­rün­der in die ecua­do­ria­ni­sche Bot­schaft in Lon­don ge­flüch­tet. Setzt er ei­nen Fuß vor die Tür, wird ihn Scot­land Yard fest­neh­men.

Jah­re­lang hat­ten sich schwe­di­sche Staats­an­wäl­te ein ju­ris­ti­sches Tau­zie­hen mit Ass­an­ges An­wäl­ten ge­lie­fert. In Schwe­den soll der Aus­tra­li­er 2010 ei­ne Frau ver­ge­wal­tigt ha­ben. Wei­te­re Vor­wür­fe des se­xu­el­len Miss­brauchs ge­gen Ass­an­ge sind be­reits ver­jährt. Der be­teu­er­te sei­ne Un­schuld und ver­such­te im­mer wie­der, ei­ne Auf­he­bung des Haft­be­fehls zu er­rei­chen.

Freu­de Nach fast sie­ben Jahren geht es am Frei­tag­mor­gen plötz­lich Schlag auf Schlag: Die schwe­di­schen Be­hör­den ver­kün­den, die Er­mitt­lun­gen ge­gen den 45-Jäh­ri­gen sei­en be­en­det. Der Ver­dacht ge­gen ihn sei zwar nicht aus der Welt, macht An­klä­ge­rin Ma­ri­an­ne Ny am Frei­tag klar. Doch oh­ne, dass Ass­an­ge sich in Schwe­den ei­nem Pro­zess stellt, tre­ten die Staats­an­wäl­te in dem Fall auf der Stel­le: „Wir se­hen kei­ne Mög­lich­kei­ten, die Er­mitt­lun­gen wei­ter vor­an­zu­trei­ben.“

„Ernst­haft? Oh mein Gott“, freut sich Ass­an­ge nach An­ga­ben sei­nes An­walts. Da­zu twit­tert er ein Bild von sich, auf dem er in die Ka­me­ra strahlt. Doch das heißt nicht, dass er ein frei­er Mann ist.

Denn kurz dar­auf stellt die Lon­do­ner Po­li­zei klar: Ass­an­ge wird im­mer noch ge­sucht – aber we­gen ei­nes „viel we­ni­ger schwe­ren“Ver­ge­hens. Da­mit dürf­te ein Ver­stoß ge- gen die Auf­la­gen ge­meint sein, die der Aus­tra­li­er 2012 hat­te. Da­mals war er auf Kau­ti­on frei.

Vor fünf Jahren war Ass­an­ge in die Bot­schaft ge­flüch­tet, weil er fürch­te­te, dass Schwe­den ihn an die USA aus­lie­fern könn­te. In Wa­shing­ton gab es zu­letzt Spe­ku­la­tio­nen da- rü­ber, dass die ame­ri­ka­ni­schen Be­hör­den we­gen der Ent­hül­lun­gen sei­ner Platt­form Wi­ki­leaks ei­ne An­kla­ge ge­gen ihn vor­be­rei­ten könn­ten. Sie ma­chen ihn da­für ver­ant­wort­lich, dass bri­san­te Do­ku­men­te aus den Krie­gen in Af­gha­nis­tan und im Irak an die Öf­fent­lich­keit ge­lang­ten. Auf seinem Twit­ter-Ac­count nennt sich Ass­an­ge „Flücht­ling“und lässt sein Gast­land hoch­le­ben: „Vi­va el Ecua­dor!“

Ak­ti­vist Die ei­nen hal­ten Ass­an­ge für ei­nen Auf­klä­rer und Ro­bin Hood der In­ter­net­welt, die an­de­ren für ei­nen Selbst­dar­stel­ler, der mit Wi­ki­leaks so­gar das Le­ben von Men­schen aufs Spiel ge­setzt hat.

Nach Me­dien­be­rich­ten lebt Ass­an­ge in seinem Exil auf zwan­zig Qua­drat­me­tern. Ge­mein­sam mit der Kat­ze, die ihm sei­ne Kinder ge­schenkt ha­ben, wie die bri­ti­sche BBC be­rich­tet. Gut geht es dem Wi­ki­leaks-Grün­der dort aber laut sei­ner Mut­ter nicht: „Sein Kör­per gibt lang­sam auf, er hat schon Herz­pro­ble­me, ei­ne chro­ni­sche Lun­gen­ent­zün­dung und schwe­re Schul­ter­schmer­zen“, hat­te sie dem aus­tra­li­schen Rund­funk­sen­der ABC im Fe­bru­ar 2016 ge­sagt.

Da­zu, ob und wann Ass­an­ge nach der Ent­schei­dung vom Frei­tag die Bot­schaft ver­las­sen wird, will sein schwe­di­scher An­walt Per E. Sa­mu­el­son aber nichts sa­gen. „Ich weiß nur, dass Schwe­den ihn nicht dar­an hin­dert, das zu tun. Schwe­den ist aus dem Spiel.“Es scheint, dass der Fall für die Skan­di­na­vi­er da­mit ab­ge­schlos­sen ist. Doch das Katz- und Maus-Spiel geht wei­ter.

„Ernst­haft? Oh mein Gott.“Ass­an­ges Re­ak­ti­on auf die Nach­richt aus Schwe­den

Kampf­an­sa­ge: Ass­an­ge auf dem Bal­kon der Bot­schaft von Ecua­dor.

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