Nost­al­gi­sche Zehn­te­les­glä­ser

Of­fi­fi­fi­fi­zi­ell sind sie nicht ger­ne ge­se­hen – Doch die nost­al­gi­schen Be­hält­nis­se ha­ben vie­le An­hän­ger

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - VORDERSEITE - Von un­se­rem Re­dak­teur Ki­li­an Krauth

Klei­ne Wein­dorf-Be­cher mit Auf­druck ha­ben ei­ne gro­ße Fan­ge­mein­de.

Für an­spruchs­vol­le Ge­nie­ßer und sen­so­risch be­wan­der­te Wen­ger­ter sind sie ab­so­lut ta­bu, die klas­si­schen klei­nen Zehn­te­les­glä­ser im Be­ch­er­form, wie sie an­no da­zu­mal auf je­dem Fest in der Re­gi­on gang und gä­be wa­ren. Die Ver­an­stal­ter des Heil­bron­ner Wein­dorfs ha­ben sich schon vor Jah­ren – zu­min­dest of­fi­zi­ell – von den hand­li­chen Be­hält­nis­sen ver­ab­schie­det. Sie set­zen in­zwi­schen auf ein Ein­heits­glas mit Sti­el, ge­nau­er ge­sagt auf das Mar­kenglas Ma­de­lei­ne 41, das man in gro­ßem Stil bei der Fir­ma Böck­ling in Neu­denau be­zieht: „Weil gu­te Wei­ne an­ge­mes­se­ne Glä­ser brau­chen und die­se das ho­he Qua­li­täts­be­wusst­sein des Fes­tes zum Aus­druck brin­gen“, steht für Wen­gert­er­spre­cher Karl Sei­ter fest.

Samm­lung Trotz ab­schät­zi­ger Expertenmeinung ha­ben die alt­her­ge­brach­ten 0,1-Li­terGläs­chen nach wie vor ei­ne gro­ße Fan­ge­mein­de. Bes­ter Be­weis da­für ist ei­ne Ak­ti­on der Heil­bronn Mar­ke­ting Gm­bH (HMG). Sie hat­te im Vor­feld des 47. Heil­bron­ner Wein­dorfs da­zu ein­ge­la­den, sol­che Glä­ser bei ihr ein­zu­rei­chen. Und sie­he da: Als ein ent­spre­chen­der Ar­ti­kel in der Heil­bron­ner Stim­me er­schien, „rann­ten uns die Leu­te die Tü­re ein und die Te­le­fo­ne läu­te­ten Sturm“, be­rich­tet Ute Bau­schert. Die Lei­te­rin der im Käth­chen­haus an­ge­sie­del­ten HMG-Tou­rist-In­fo an der Kai­ser­stra­ße und ih­re zehn Mit­ar­bei­te­rin­nen be­ka­men die Glä­ser gleich kar­ton­wei­se zu­ge­tra­gen: et­wa von Hei­di Böh­mer aus Heil­bronn, von An­ne­lie­se Draht aus Lein­gar­ten oder Gott­fried Kunz aus Bad Fried­richs­hall. Das ehe­ma­li­ge Käth­chen Hei­ke Krauss stell­te sei­nen gro­ßen Fun­dus an di­ver­sen Käth­chenGlä­sern zur Ver­fü­gung. An­ne­ma­rie Jan­ke prä­sen­tier­te ih­ren 47 Jah­re al­ten „Schatz“fein­säu­ber­lich im Kü­chen­tuch ein­ge­wi­ckelt. Andrea Hoff­mann brach­te mit dem wert­vol­len Be­hält­nis ei­nen wein­bau­his­to­ri­schen be­deut­sa­men In­fo-Fly­er von 1973 mit. Bei we­ni­ger mo­bi­len äl­te­ren Herr­schaf­ten schau­ten die HMG-Da­men per­sön­lich vor­bei – und be­ka­men ne­ben den Glä­sern auch „hal­be Le­bens­ge­schich­ten“auf­ge­tischt.

In­zwi­schen hat die HMG weit über 800 sol­cher Glä­ser auf La­ger, man­che dop­pelt und drei­fach, man­che als ra­res Uni­kat – ins­ge­samt aber an die 200 ver­schie­de­ne Mo­ti­ve. Be­son­ders wert­vol­le Schät­ze sind in ei­ner Aus­stel­lungs­vi­tri­ne im Schau­fens­ter ins Sze­ne ge­setzt, ein Teil ist in Re­ga­len aus Holz­kist­chen im La­den­raum auf­ge­baut. „Dop­pel­gän­ger“la­gern in Kar­tons ver­packt in ei­nem Hin­ter­zim­mer – in di­rek­ter Nach­bar­schaft zu Maß­krü­gen vom Volks­fest. Im Ge­gen­satz zu die­sen „na­cki­gen“gro­ßen Brü­dern, tra­gen die Zehn­te­les­glä­ser Auf­dru­cke, die ei­nen Teil des je­wei­li­gen Zeit­ko­lo­rits wi­der­spie­geln. So be­grei­fen Ute Bau­schert und ih­re Mit­ar­bei­te­rin­nen ih­re Samm­lung auch als „ein Stück All­tags-, Hei­mat- und Stadt­ge­schich­te“, wie et­wa An­net­te Baumann sagt. Im Grun­de hand­le es sich nicht zu­letzt um ei­ne „sym­pa­thi­sche Bür­ger­ak­ti­on“, die auch von der Iden­ti­fi­ka­ti­on vie­ler Un­ter­län­der mit der Stadt zeu­ge. Dass da­bei nicht nur äl­te­re Herr­schaf­ten nost­al­gi­sche Ge­füh­le ent­wi­ckeln, zeigt das Bei­spiel der Er­len­ba­cher Pfad­fin­der. Sie wie­sen per E-Mail auf ein klei­nes Glas hin, das an­geb­lich mit ei­ner Son­de im Wel­tall un­ter­wegs ge­we­sen ist – wie sich aber dann zeig­te im Ver­eins­heim „ver­schütt ge­gan­gen“sei.

Die HMG-Mit­ar­bei­te­rin­nen ha­ben sich in­zwi­schen zu re­gel­rech­ten Glas-Ex­per­tin­nen ent­wi­ckelt, schließ­lich soll­te al­les sau­ber ka­ta­lo­gi­siert und ir­gend­wie sys­te­ma­ti­siert wer­den. Da wä­re zu­nächst die Form. His­to­risch ge­se­hen reicht sie von den re­la­tiv we­ni­gen Rö­mer­kel­chen über grad­li­ni­ge Be­cher, bau­chi­ge Tei­le meist oh­ne und sel­ten – wie beim schwä­bi­schen Vier­te­les­glas – mit Hen­kel über man­cher­lei Son­der­for­men bis hin zu klei­nen 0,1-Li­ter-Sti­el­glä­sern, al­so den Vor­läu­fern der heu­ti­gen Wein­dorf-Kel­che.

Viel­falt herrsch­te einst bei den Auf­dru­cken. Stark ver­tre­ten sind hier klas­si­sche Heil­bronn-Mo­ti­ve: vom einst ganz in Gold, spä­ter ziem­lich bunt ge­präg­ten Rat­haus über Käth­chen, Ki­li­ans­männ­le, Ma­jo­ret­ten bis hin zum Rit­ter mit der ei­ser­nen Faust. Ver­ein­zelt fin­den sich pas­sen­de Sprü­che wie „Al­te Reichs­stadt, jun­ge Groß­stadt“. Noch so ein Klas­si­ker: Der „Gell do glotsch!“-Frosch aus den 1980ern. Auch die Car­ne­val-Ge­sell­schaft Heil­bronn hat sich ver­ewigt, was zeigt, wie flie­ßend die Gren­zen zwi­schen ech­ten Wein­dorf-Glä­sern und reing‘schmeck­ten von je her wa­ren. Aus der Part­ner­stadt Bé­ziers schaff­te es ein Män­ne­ken Piss aufs Zehn­te­les­glas. Ei­ne Wein­kö­ni­gin von 1974 hin­ter­ließ ei­nen Nie­dern­hal­ler Di­stel­fink-Be­cher, die Lands­mann­schaft der Do­brud­scha-Deut­schen ei­nen Wap­pen­be­cher. Vom Po­li­ti­ker Thomas Strobl sind so­gar Wahl­kampf-Glä­ser er­hal­ten. Un­ter Fremd­glas läuft auch ein Be­cher aus Co­chem an der Mo­sel.

Kein Alt­glas Die gro­ße Mehr­heit der Mo­ti­ve stel­len frei­lich die Fest­be­schi­cker. Wein­gü­ter zei­gen ihr Fa­mi­li­en­wap­pen, Ge­nos­sen­schaf­ten ne­ben Orts­an­sich­ten Lo­gos oder al­ler­lei Re­ben­mo­ti­ve. Aufs Gan­ze ge­se­hen, das steht nicht nur für Bau­schert und Baumann fest, „ist das hier al­les an­de­re als ei­ne Alt­glas-Sam­mel­stel­le“. Im Ge­gen­teil: Man­che Be­cher sind so­gar zu Aus­stel­lungs­stü­cken im Haus der Stadt­ge­schich­te avan­ciert.

„Ein Stück All­tags-, Hei­mat­und Stadt­ge­schich­te.“An­net­te Baumann

Reing‘schmeck­ter Be­cher aus der Stadt Co­chem an der Mo­sel

Fa­mi­li­en­wap­pen der Wein­gärt­ner­fa­mi­lie Ro­bert Drauz.

Das Wein­gut Eber­bach-Schä­fer stand an der Loh­tor­stra­ße.

Die Kel­le­rei Göh­ring hat­te einst ei­nen Stand am Rat­haus.

Lo­go zum gro­ßen Stadt­ju­bi­lä­um 1992.

Götz von Ber­li­chin­gen mit sei­nem be­rühm­ten Spruch.

Sym­bol­fi­gur Nr. 2: das Käth­chen von Heil­bronn.

Sym­bol­fi­gur Nr. 1 auf dem Ki­li­an­sturm: das Männ­le.

Darf nicht feh­len: die Ge­nos­sen­schafts­kel­le­rei.

Die WG Lauf­fen warb lan­ge mit der Stadt­ku­lis­se.

Bön­nig­hei­mer Glas vor dem Aus- und Wie­der­ein­stieg.

Glas-Klas­si­ker mit Rat­haus und Wer­be­spruch.

Gell-do-glotsch-Wer­be-Frosch aus den 80er Jah­ren.

Er­in­ne­rung an ein in den 90ern un­ter­ge­gan­ge­nes Event.

Ein Ba­de­ner Glas hat sich ins Wein­dorf ein­ge­schli­chen.

Gig­ger-Mo­tiv der Car­ne­val-Ge­sell­schaft Heil­bronn (CGH).

Ei­ne Art Mi­schung zwi­schen Stum­per­le und Sti­el­glas.

Ein Tul­pen­glas mit dem Eti­kett ei­ner pfif­fi­gen Wein­li­nie.

Das Hen­kel­glas gibt es nicht nur als Vier­te­le.

Der Rö­mer­kelch wur­de erst im 16. Jahr­hun­dert ent­wi­ckelt.

Bau­chi­ge Form mit Heil­bron­ner Ma­jo­ret­ten-Tän­ze­rin.

Aus­ge­fal­le­ne Form aus ei­nem Tra­di­ti­ons­wein­gut.

Be­cher der Wein­gärt­ner­ge­nos­sen­schaft Nord­heim.

Der Wein­kel­ler Flein-Tal­heim ge­hört heu­te zu Heil­bronn.

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