Re­bel­li­on in Ka­ta­lo­ni­en

Ab Sonn­tag stim­men die Ein­woh­ner über die Un­ab­hän­gig­keit der Re­gi­on von Spa­ni­en ab – Ma­drid nennt Re­fe­ren­dum il­le­gal

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - HINTERGRUND - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Ralph Schul­ze

Am Sonn­tag will die nord­ost­spa­ni­sche Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en trotz ei­nes Ver­bo­tes durch das spa­ni­sche Ver­fas­sungs­ge­richt ein ein­sei­ti­ges Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum durch­füh­ren. Spa­ni­ens Re­gie­rung ver­sucht die­sen il­le­ga­len Wahl­gang mit al­len Mit­teln zu ver­hin­dern und schick­te Tau­sen­de Po­li­zis­ten nach Ka­ta­lo­ni­en, die das Ver­bot durch­set­zen sol­len. Die wich­tigs­ten Fra­gen und Ant­wor­ten zum Un­ab­hän­gig­keits­kon­flikt.

War­um will sich Ka­ta­lo­ni­en von Spa­ni­en ab­spal­ten?

Die 7,5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner Ka­ta­lo­ni­ens, das et­wa so groß wie Nord­rhein-West­fa­len ist, pfle­gen seit Jahr­hun­der­ten ih­re ei­ge­ne Spra­che so­wie Kul­tur und poch­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ver­geb­lich auf mehr Selbst­ver­wal­tung und grö­ße­re Steu­er­ho­heit. Vie­le Ka­ta­la­nen be­grei­fen sich als ei­ge­ne Na­ti­on und füh­len sich vom spa­ni­schen Zen­tral­staat zu­neh­mend wirt­schaft­lich be­nach­tei­ligt und po­li­tisch be­vor­mun­det. Die Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung ist des­we­gen im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt ge­wach­sen. Im­mer noch ist die Er­in­ne­rung an die Un­ter­drü­ckung wäh­rend der Fran­co-Dik­ta­tur (1939-1975) wach: Da­mals wur­de Ka­ta­lo­ni­en kul­tu­rell wie po­li­tisch gleich­ge­schal­tet. Wer Ka­ta­la­nisch sprach, wur­de ver­folgt. Der letz­te ka­ta­la­ni­sche Re­gie­rungs­chef vor Be­ginn der Dik­ta­tur, Lluís Com­pa­nys, wur­de 1940 vom Fran­co-Re­gime hin­ge­rich­tet. Der ak­tu­el­le Ver­such Spa­ni­ens, das Re­fe­ren­dum am Sonn­tag mit Fest­nah­men und der Schlie­ßung von Wahl­lo­ka­len zu ver- hin­dern, wird von vie­len Ka­ta­la­nen als Fort­set­zung die­ser Re­pres­si­on emp­fun­den.

Wie steht Ka­ta­lo­ni­en wirt­schaft­lich da?

Ka­ta­lo­ni­en ist die wirt­schafts­stärks­te Re­gi­on Spa­ni­ens. „Ca­ta­lun­ya“, wie die Re­gi­on auf Ka­ta­la­nisch heißt, stellt 16 Pro­zent der spa­ni­schen Be­völ­ke­rung, trug 2016 aber 19 Pro­zent zum Brut­to­in­lands­pro­dukt bei und wuchs mit 3,5 Pro­zent stär­ker als Ge­samt­s­pa­ni­en (3,2 Pro­zent). Es ist die wich­tigs­te Tou­ris­mus­re­gi­on des spa­ni­schen Staa­tes: Na­he­zu ein Vier­tel al­ler aus­län­di­schen Spa­ni­en­ur­lau­ber ver­brach­ten hier 2016 ih­re Fe­ri­en. Ent­spre­chend trägt Ka­ta­lo­ni­en über­durch­schnitt­lich zum spa­ni­schen Steu­er­auf­kom­men bei, be­klagt sich aber, dass es fi­nan­zi­ell von der Zen­tral­re­gie­rung in Ma­drid stran­gu­liert und bei staat­li­chen In­ves­ti­tio­nen im Ver­gleich mit an­de­ren Re­gio­nen dis­kri­mi­niert wird. „Ma­drid ens ro­ba“(Ma­drid be­stiehlt uns), lau­tet ei­ner der Stan­dard­sät­ze der Un­ab­hän­gig­keits­be­für­wor­ter.

War­um ist das Re­fe­ren­dum il­le­gal?

Laut Spa­ni­ens Ver­fas­sung müs­sen Volks­ab­stim­mun­gen vom Staat ge­neh­migt wer­den. Die Re­gie­rung wie auch das Par­la­ment leh­nen ein Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum ab. Zu­dem ist in der Ver­fas­sung die „un­auf­lös­li­che Ein­heit der spa­ni­schen Na­ti­on“ver­an­kert“. Des­we­gen hat das Ver­fas­sungs­ge­richt das vom ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­par­la­ment ei­gen­mäch­tig be­schlos­se­ne Ple­bis­zit ver­bo­ten. So­mit ist die recht­li­che Si­tua­ti­on in Ka­ta­lo­ni­en an­ders als in Schott­land, wo die Bür­ger 2014 ganz le­gal über die Un­ab­hän­gig­keit ab­stim­men durf­ten. Spa­ni­ens Ver­fas­sungs­ge­richt stell­te aber fest, dass es prin­zi­pi­ell nicht il­le­gal sei, wenn Ka­ta­lo­ni­en ei­nen ei­ge­nen Staat an­stre­be. Aber dies müs­se rechts­staat­lich ge­sche­hen – al­so nicht ein­sei­tig, son­dern im Dia­log mit der spa­ni­schen Zen­tral­re­gie­rung.

War­um will Ka­ta­lo­ni­en sich dem Ver­bot nicht beu­gen? Ka­ta­lo­ni­ens Re­gie­rungs­chef Carles Pu­ig­de­mont ver­weist dar­auf, dass al­le Ver­su­che, mit der spa­ni­schen Re­gie­rung in Ma­drid ei­ne le­ga­le Ab­stim­mung aus­zu­han­deln, ge­schei­tert sei­en. Des­we­gen ha­be man kei­nen an­de­ren Weg ge­se­hen, als oh­ne die Er­laub­nis des spa­ni­schen Staa­tes ei­nen Volks­ent­scheid an­zu­set­zen. Pu­ig­de­mont: „Das ist kein Un­ge­hor­sam“. Viel­mehr er­fül­le er den Auf­trag des ka­ta­la­ni­schen Par­la­men­tes, wel­ches mit ab­so­lu­ter Mehr­heit das Re­fe­ren­dum be­schlos­sen ha­be.

Was sa­gen die Ka­ta­la­nen da­zu? Al­len Um­fra­gen stim­men dar­in über­ein, dass ei­ne gro­ße Mehr­heit der ka­ta­la­ni­schen Be­völ­ke­rung ein Re­fe­ren­dum grund­sätz­lich un­ter­stützt. Da­bei sind die Zu­stim­mungs­wer­te bei ei­nem le­ga­len – al­so mit der Ma­dri­der Re­gie­rung ab­ge­stimm­ten – Ab­stim­mung deut­lich hö­her (72 bis 82 Pro­zent), als bei ei­nem ein­sei­tig vom ka­ta­la­ni­schen Par­la­ment be­schlos­se­nen Re­fe­ren­dum (38 bis 39 Pro­zent). Hin­sicht­lich der Un­ab­hän­gig­keit Ka­ta­lo­ni­ens ist die Be­völ­ke­rung der Re­gi­on ge­spal­ten. Nach der letz­ten ver­füg­ba­ren Er­he­bung des ka­ta­la­ni­schen Um­fra­ge­insti­tuts Cent­re d’Estu­dis d’Opi­nió von Ju­li sind nur 41 Pro­zent für ei­ne Ab­spal­tung und 49 Pro­zent da­ge­gen. Aber die neus­ten Stra­ßen­um­fra­gen spa­ni­scher Me­di­en er­ge­ben ein an­de­res Bild. Da­nach be­kann­ten zwi­schen 50 und 70 Pro­zent der Be­frag­ten, die trotz Ver­bo­tes am Re­fe­ren­dum teil­neh­men wol­len, mit Ja zu stim­men. Den Er­he­bun­gen zu­fol­ge wol­len 40 bis 50 Pro­zent das Ver­bot re­spek­tie­ren und nicht wäh­len ge­hen.

Wie geht es nach dem 1. Ok­to­ber wei­ter?

Ka­ta­lo­ni­ens Re­gie­rung er­klär­te, dass un­ab­hän­gig von der Wahl­be­tei­li­gung bei ei­nem Sieg der Be­für­wor­ter um­ge­hend die Ab­spal­tung von Spa­ni­en ein­ge­lei­tet wer­de. Spa­ni­ens Re­gie­rung kün­dig­te für die­sen Fall an, dass man auch dar­auf mit der Keu­le des Ge­set­zes ant­wor­ten wer­de: Der ka­ta­la­ni­schen Re­gie­rung droht dann die Amts­ent­he­bung, die Re­gi­on könn­te un­ter spa­ni­sche Ver­wal­tung ge­stellt wer­den.

Fo­to: dpa

In Bar­ce­lo­na for­mie­ren sich im­mer mehr Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen, wie hier am Don­ners­tag von Stu­den­ten, ge­gen die Po­li­tik der spa­ni­schen Re­gie­rung.

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