Grün-Schwarz ver­stol­pert sich

Ko­ali­ti­ons­part­ner sind sich un­eins über Fahr­ver­bo­te

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - BADEN-WÜRTTEMBERG - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Peter Rein­hardt

Ei­gent­lich si­gna­li­sier­te der Zeit­plan ei­nen schnel­len Kom­pro­miss: Ei­ne Stun­de ist für die Be­ra­tung der Ko­ali­ti­ons­spit­ze über den Um­gang mit dem Fahr­ver­bots-Ur­teil des Stutt­gar­ter Ver­wal­tungs­ge­richts ein­ge­plant. Dann wol­len Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) und sein CDU-Vi­ze Tho­mas Strobl die Jour­na­lis­ten in­for­mie­ren, ob man das Ur­teil an­nimmt und ab Ja­nu­ar bei Fe­in­stau­balarm in Stutt­gart äl­te­re Die­sel­au­tos aus­ge­bremst wer­den, oder ob Fahr­ver­bo­te durch den Gang in die nächs­te In­stanz ver­tagt sind. Dann aber ste­hen sich ges­tern die Jour­na­lis­ten in der Staats­kanz­lei die Bei­ne in den Bauch. Nach ins­ge­samt drei­ein­halb St­un­den flüch­ten die Un­ter­händ­ler. Re­gie­rungs­spre­cher Ru­di Hoogv­liet muss das Schei­tern ver­kün­den: „Die Ver­hand­lun­gen sind er­geb­nis­of­fen ver­tagt.“

Streit

Erst­mals in ih­rer ein­ein­halb­jäh­ri­gen Zu­sam­men­ar­beit ze­le­brie­ren Grü­ne und CDU ei­nen Streit vor den Au­gen der Öf­fent­lich­keit. Ein we­nig er­in­nert das Tau­zie­hen die Be­ob­ach­ter an Ta­rif­ver­hand­lun­gen. Mal sit­zen al­le an ei­nem Tisch, mehr­fach tren­nen sich die bei­den Grup­pen für se­pa­ra­te Be­ra­tun­gen. Den Jour­na­lis­ten wer­den der­weil an den Steh­ti­schen Kek­se ser­viert.

Die Fron­ten sind nur schwer zu er­ken­nen. Bei den Grü­nen gibt es zwei Mei­nun­gen: In der Land­tags­frak­ti­on ver­lan­gen vie­le, das Ur­teil an­zu­neh­men. Schließ­lich wür­de mit der Um­set­zung der Maß­nah­men die Luft in der Stutt­gar­ter In­nen­stadt bes­ser. Auf der an­de­ren Sei­te ste­hen Kret­sch­mann und sein Staats­mi­nis­ter Klaus-Peter Mu­raw­ski, die bei­de Fahr­ver­bo­te ver­mei­den wol­len. Ein Grü­ner meint aber, die hef­ti­ge De­bat­te in der Frak­ti­ons­sit­zung am Di­ens­tag ha­be „bei Kret­sch­mann sehr viel Ein­druck hin­ter­las­sen“.

Die CDU-Frak­ti­on hat ei­nen ein­stim­mi­gen Be­schluss, der ih­ren Un­ter­händ­lern aber Spiel­raum gibt. Die Christ­de­mo­kra­ten wol­len mög­lichst viel Zeit ge­win­nen und plä­dier­ten des­halb für ei­ne Be­ru­fung beim Ver­wal­tungs­ge­richts­hof in Mann­heim. Ak­zep­tie­ren wür­den sie aber auch ei­ne Sprung­re­vi­si­on, die gleich zum Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt gin­ge und ei­nen Auf­schub von et­wa ei­nem Jahr brin­gen wür­de. Das höchs­te Ver­wal­tungs­ge­richt muss sich am 22. Fe­bru­ar oh­ne­hin mit der The­ma­tik be­schäf­tig­ten: Da geht es um Fahr­ver­bo­te für Düs­sel­dorf. Nie­mand weiß, ob die­se Ent­schei­dung Aus­wir­kun­gen für Stutt­gart ha­ben wird.

Sprung­re­vi­si­on

All­ge­mein war da­mit ge­rech­net wor­den, dass sich Grün-Schwarz auf ei­ne Sprung­re­vi­si­on ver­stän­digt. Die Ko­ali­ti­ons­spit­ze hat­te am Mitt­woch ver­ein­bart, den Grü­nen das mit ei­nem Maß­nah- men­pa­ket für Luft­ver­bes­se­run­gen in Stutt­gart schmack­haft zu ma­chen. Of­fen­bar hat der fe­der­füh­ren­de Ver­kehrs­mi­nis­ter Win­fried Her­mann (Grü­ne) groß­zü­gig Ide­en ge­sam­melt, die fast 300 Mil­lio­nen Eu­ro kos­ten wür­den. Ein Vor­schlag: Ein kos­ten­lo­ses Job­ti­cket für al­le Lan­des­be­am­te. 50 Mil­lio­nen Eu­ro sind al­lein da­für ver­an­schlagt. Bei der CDU ist die Em­pö­rung groß, als das Pa­pier am Tag vor dem Tref­fen bei den Me­di­en lan­det. Ges­tern Mor­gen mer­ken die Strip­pen­zie­her, dass sich ein Sturm zu­sam­men­braut.

Hoogv­liet sagt auf die Fra­ge, ob ei­ne Ko­ali­ti­ons­kri­se vor­liegt, mit fes­ter Stim­me „Nein“. Doch die Si­tua­ti­on er­scheint aus­weg­los. Nicht ein­mal ein neu­er Ter­min wird ver­ein­bart. Um halb Fünf geht man aus­ein­an­der, weil Kret­sch­mann nach Berlin muss. Dort soll er hel­fen, in der ei­ge­nen Par­tei die Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on mit vor­zu­be­rei­ten. Der Stutt­gar­ter Re­gie­rungs­chef gilt als ei­ner, der Kon­flik­te lö­sen kann. Den er­hoff­ten Nach­weis in Sa­chen Luf­t­rein­hal­tung schafft er aber im ei­ge­nen La­den nicht.

Fo­to: dpa

Die Ent­schei­dung der grün-schwar­zen Ko­ali­ti­on zum Um­gang mit dem Stutt­gar­ter Fahr­ver­bots-Ur­teil für dre­cki­ge Die­sel soll­te ei­gent­lich am Frei­tag fal­len, wur­de aber über­ra­schend ver­tagt.

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