Ris­kan­tes Heils­ver­spre­chen

Hef­ti­ger Streit über den Ein­satz von Metha­don in der Krebs­the­ra­pie – Ärz­te war­nen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - HINTERGRUND - Von un­se­rer Re­dak­teu­rin Va­le­rie Blass

Metha­don als neu­es Wun­der­mit­tel ge­gen Krebs? Der Dro­gen­er­satz­stoff wird seit dem Spät­som­mer viel­fach als Wirk­ver­stär­ker bei Che­mo­the­ra­pi­en be­ju­belt. Me­dien­be­rich­te über die schein­ba­re Al­ter­na­ti­ve zu eta­blier­ten Be­hand­lungs­me­tho­den ha­ben bei Pa­ti­en­ten Hoff­nun­gen ge­weckt. Dem Groß­teil der Krebs­me­di­zi­ner und Schmerz­the­ra­peu­ten treibt der Hy­pe um das Mit­tel je­doch die Sor­gen­fal­ten auf die Stirn. Sie war­nen, es ge­be kei­ne Be­wei­se für die The­se, dass Metha­don Krebs­zel­len zer­stö­re – aber für Pa­ti­en­ten droh­ten ei­ni­ge Ri­si­ken. Dar­um geht es:

■ TV-Be­rich­te: Das ARD-Ma­ga­zin „Plus­mi­nus“zeig­te im Som­mer ei­ne Pa­ti­en­tin mit ei­nem bös­ar­ti­gen Hirn­tu­mor, die – so die Theo­rie – dank Metha­don noch am Le­ben sei. Es folg­ten wei­te­re Be­rich­te über das Opi­oid und sei­ne po­ten­zi­el­le Funk­ti­on als Wirk­ver­stär­ker in der Che­mo­the­ra­pie. Die ver­meint­li­che Sen­sa­ti­on ver­brei­te­te sich bei Krebs­pa­ti­en­ten ra­send schnell. In­zwi­schen gibt es meh­re­re Face­book-Grup­pen, in de­nen Pa­ti­en­ten ih­re Ge­schich­ten tei­len und Ärz­te auf­lis­ten, die be­reit sind, das Prä­pa­rat zu ver­schrei­ben. Me­di­zi­ner wie der Heil­bron­ner SLKChe­fon­ko­lo­ge Pro­fes­sor Uwe Mar­tens be­rich­ten von ei­ner „Pu­b­li­ci­ty­Wel­le“, die auch ihn über­rollt ha­be. „So et­was ha­be ich noch nie er­lebt.“Über 80 Pro­zent sei­ner Pa­ti­en­ten frag­ten nach dem Mit­tel. Da­bei sei das Gan­ze „ziem­lich un­säg­lich“.

■ Ur­sprung: Die ver­meint­li­che Sen­sa­ti­ons­mel­dung geht zu­rück auf die Ar­beit ei­ner Che­mi­ke­rin am In­sti­tut für Rechts­me­di­zin der Uni­k­li­nik Ulm. In La­b­or­tests will sie ent­deckt ha­ben, dass Metha­don Krebs­zel­len zer­stö­ren kann und in Kom­bi­na­ti­on mit ei­ner Che­mo­the­ra­pie wie ein Ver­stär­ker wirkt. Seit­dem wirbt sie für die wei­te­re Er­for­schung des Dro­gen­er­satz­stoffs in der Krebs­the­ra­pie. Sol­che und ähn­li­che Hin­wei­se ge­be es stän­dig, sagt Mar­tens. „Von der Art ha­be ich zig Dok­tor­ar­bei­ten in der Schub­la­de“. Doch es brau­che jah­re­lan­ge For­schung, be­vor man sol­che Ver­mu­tun­gen be­le­gen kön­ne. „Ich weiß nicht, war­um man das so nach au­ßen trägt, ob­wohl es kei­ner­lei Be­wei­se für ei­ne Wirk­sam­keit gibt“, sagt er. Auch Fach­ge­sell­schaf­ten wie die Deut­sche Ge­sell­schaft für Hä­ma­to­lo­gie und Me­di­zi­ni­sche On­ko­lo­gie (DGHO) war­nen: Die vor­ge­leg­ten Da­ten zur Wirk­sam­keit be­ruh­ten „auf ei­ner ein­zi­gen, un­kon­trol­lier­ten Stu­die“. Auch we­gen des „Ri­si­kos ei­ner er­höh­ten Sterb­lich­keit“sei ei­ne un­kri­ti­sche An­wen­dung nicht ge­recht­fer­tigt.

„Das kann tat­säch­lich le­bens­be­droh­lich wer­den.“

Axel Men­ze­bach

■ Opi­oid: Metha­don ist ein syn­the­tisch her­ge­stell­tes Opi­oid, das haupt­säch­lich in der Dro­gen­er­satz­the­ra­pie ein­ge­setzt wird. Zu­sätz­lich kann es in der The­ra­pie von aku­ten und chro­ni­schen Schmer­zen an­ge­wen­det wer­den. Er­fah­re­ne Schmerz­me­di­zi­ner hal­ten je­doch we­nig vom Ein­satz in der Krebs­the­ra­pie. Der frü­he­re SLK-Chef­arzt Axel Men­ze­bach, jetzt Chef­arzt Anäs­the­sie und Schmerz­me­di­zin an den baye­ri­schen Do­nau-Isar-Kli­ni­ken, warnt ein­dring­lich vor Ne­ben­wir­kun­gen. Metha­don sei ein Me­di­ka­ment, das in zwei Schrit­ten über ei­nen lan­gen Zei­t­raum – bis zu 60 St­un­den, je nach in­di­vi­du­el­ler Ver­an­la­gung – wir­ke, er­klärt Men­ze­bach. „Das be­deu­tet, dass auch Ne­ben­wir­kun­gen zeit­ver­zö­gert auft­re- ten kön­nen.“In schwe­ren Fäl­len Herz­rhyth­mus­stö­run­gen oder Atem­de­pres­sio­nen. Sei­ner Mei­nung nach ist es zu ris­kant, Metha­don bei Krebs­pa­ti­en­ten in ei­nem „halb-am­bu­lan­ten Set­ting oh­ne per­ma­nen­te Über­wa­chung durch pro­fes­sio­nel­le Schmerz­me­di­zi­ner ein­zu­set­zen. Das kann tat­säch­lich le­bens­be­droh­lich wer­den.“Von min­des­tens ei­nem To­des­fall in Zu­sam­men­hang mit der Ga­be von Metha­don un­ter Che­mo­the­ra­pie be­rich­ten Ex­per­ten in­zwi­schen. Uwe Mar­tens hat schon er­lebt, dass sich ein Pa­ti­ent mit ei­ner ei­gent­lich gut the­ra­pier­ba­ren Tu­mor­er­kran­kung nicht mehr nach Leit­li­ni­en be­han­deln las­sen woll­te, weil er von der Metha­don-Theo­rie ge­hört hat­te. Mar­tens: „So­was kann rich­tig ge­fähr­lich wer­den.“

■ Miss­trau­en: Ein Vor­wurf, der in man­chen Be­rich­ten durch­schien: Die Phar­ma­in­dus­trie ha­be kein In­ter­es­se, an der Er­for­schung von Metha­don für die Krebs­the­ra­pie zu ar­bei­ten, weil das nicht lu­kra­tiv sei. Mar­tens ent­geg­net: Auch un­ab­hän­gi­ge Or­ga­ni­sa­tio­nen wie die Deut­sche Krebs­hil­fe fi­nan­zier­ten Stu­di­en. Die Bun­des­re­gie­rung stellt eben­falls Geld für die Krebs­for­schung be­reit – über 200 Mil­lio­nen Eu­ro 2017. Men­ze­bach hält die Ent­frem­dung zwi­schen Arzt und Pa­ti­ent, die durch die teils hoch­e­mo­tio­na­le Dis­kus­si­on ent­stan­den ist, für pro­ble­ma­tisch. „Ich will mei­nen Pa­ti­en­ten Metha­don nicht ver­schrei- ben, weil ich das nicht für gut und so­gar für schäd­lich hal­te“, sagt er. Doch er füh­le sich bis­wei­len emo­tio­nal un­ter Druck ge­setzt, es zu tun. „Es schwingt schnell der Vor­wurf mit, wir wür­den Pa­ti­en­ten die Me­di­ka­ti­on aus fi­nan­zi­el­len Grün­den vor­ent­hal­ten. Das un­ter­gräbt das Ver­trau­en zwi­schen Arzt und Pa­ti­ent.“

■ Stu­die: Men­ze­bachs Vor­schlag, um dem The­ma „das Mys­ti­sche“zu neh­men: Kol­le­gen, die mit Metha­don ar­bei­te­ten, soll­ten Bei­spie­le für gu­te und schlech­te Be­hand­lungs­er­geb­nis­se ver­öf­fent­li­chen und von un­ab­hän­gi­gen Ex­per­ten prü­fen las­sen. Auf die­ser Ba­sis kön­ne man Hy­po­the­sen für ei­ne sys­te­ma­ti­sche Stu­di­en­pla­nung sam­meln.

Fo­to: Archiv/Vei­gel

Metha­don wird in ers­ter Li­nie – wie hier – zur Dro­gen­sub­sti­tu­ti­on bei Sucht­kran­ken ein­ge­setzt. Jetzt wird ei­ne Nut­zung für die Krebs­the­ra­pie dis­ku­tiert.

Fo­to: Archiv

Uwe Mar­tens

Fo­to: privat

Axel Men­ze­bach

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