Wahr­hei­ten dank Glüh­würm­chen und Co.

Deut­sche und chi­ne­si­sche Fo­to­kunst in der Ga­le­rie

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - KULTUR REGIONAL - Von Leo­no­re Wel­zin

Die Auf­ga­be, Aus­schnit­te aus der Wirk­lich­keit zu re­pro­du­zie­ren und zu do­ku­men­tie­ren, ist die an­ge­wand­te Sei­te der Fo­to­gra­fie. Ihr ge­gen­über ver­sucht sich die freie Fo­to­gra­fie zu be­haup­ten – als Fo­to­kunst „Jen­seits des Do­ku­men­ta­ri­schen“. Das ist auch der Ti­tel ei­ner Aus­stel­lung in der Städ­ti­schen Ga­le­rie, de­ren kon­zep­tu­el­ler Reiz im in­ter­kul­tu­rel­len Ver­gleich liegt: DieWer­ke von sechs chi­ne­si­schen Künst­lern (Ji­a­xi Yang, Shan Fei­ming, Jiang Pen­gyi, Xu Yong, Wang Ning­de, Zjang Wei) ste­hen de­nen von sechs deut­schen (Sa­mu­el Hen­ne, Andre­as Ge­fel­ler, Micha­el Schna­bel, Micha­el Reisch, Kris Scholz, Co­ri­na Gertz) ge­gen­über.

Por­träts Rie­si­ge Schwarz-weiß-Por­traits von Ed­ward Snow­den, Mao Tse Dong, Che Gue­va­ra und Aung San Suu Kyi: Was auf den ers­ten Blick aus­sieht wie pu­re Do­ku­men­ta­ti­on sind rein fik­tio­na­le Bil­der. Zhang Wei hat sie aus di­gi­ta­len De­tails von hun­der­ten von Fo­tos an­ony­mer Chi­ne­sen mon­tiert. „Ar­ti­fi­ci­al Thea­t­re“(Künst­li­ches Thea­ter) nennt Wei die Se­rie, in der un­be­kann­te Ge­sich­ter zu Tei­len von Stars wer­den, bei­de un­trenn­bar zu ei­nem Bild ver­schmel­zen. Eben­falls an die­ser Schnitt­stel­le be­wegt sich Andre­as Ge­fel­ler. Sei­ne Nacht­auf­nah­men von Groß­städ­ten, Au­to­bahn­kreu­zen und In­dus­trie­ge­bie­ten sind so ex­trem über­be­lich­tet, dass sich be­leuch­te­te Stel­len auf­lö­sen, wäh­rend dunk­le Par­ti­en als pas­tell­far­bi­ge Ak­zen­te und Li­ni­en­kon­struk­tio­nen ge­ra­de noch sicht­bar sind. An der Gren­ze des Sicht­ba­ren strah­len Micha­el Schna­bels Se­ri­en „Stil­le Ber­ge“und „Wei­ßes Land“ei­ne mo­nu­men­ta­le Ru­he aus. Er zeigt Berg­mas­si­ve und Land­schaf­ten nicht vom Licht be­schie­nen, son- dern von der Dun­kel­heit ge­zeich­net. Durch ei­ne Be­lich­tungs­zeit von et­wa ei­ner Stun­de sam­melt sei­ne Groß­bild-Ka­me­ra ge­nau die nö­ti­ge Licht­men­ge, um die Er­schei­nung ei­nes Ber­ges in leicht auf­ge­hell­ter Dun­kel­heit fest­zu­hal­ten.

Obskur Rät­sel gibt die Se­rie „Dark Ad­dic­tion“von Jiang Pen­gyi auf: Was sind das für ob­sku­re Licht­punk­te, die in Spi­ra­len und Schlan­gen­li­ni­en durch die Fins­ter­nis mä­an­dern? Pen­gyi nutzt die Tech­nik des Fo­to­gramms. Für die­se ge­heim­nis­vol­len Bil­der über­lässt er den krea­ti­ven Pro­zess der Na­tur in Form von Glüh­würm­chen, die in ei­nem Kar­ton den Film be­lich­ten. Blin­ken und die Flug­be­we­gun­gen hin­ter­las­sen Spu­ren ei­ner na­tür­li­chen Cho­reo­gra­fie.

Ob ana­log oder di­gi­tal, fi­gu­ra­tiv oder abs­trakt, schwarz-weiß oder far­big, ob mit oder oh­ne Ver­wen­dung ei­nes Fo­to­ap­pa­rats, die Wer­ke öff­nen neue Bli­cke auf die Rol­le der Fo­to­gra­fie im post­fak­ti­schen Zeit­al­ter. Es geht den Künst­lern nicht dar­um, den Be­trach­ter hin­ters Licht zu füh­ren, son­dern dar­um, Wahr­hei­ten ans Licht zu brin­gen.

Aus­stel­lungs­dau­er Städ­ti­schen Ga­le­rie Bie­tig­heim-Bissingen. Bis 3. Ok­to­ber. Frei­tag 14 bis 18 Uhr, Sams­tag, Sonn­tag und am Fei­er­tag 11 bis 18 Uhr. Ein­tritt frei.

Fo­to: Wel­zin

„Dark Ad­dic­tion“ist der Ti­tel des Fo­to­gramms von Jiang Pen­gyi.

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