Der Rast­lo­se

Gün­ter Wall­raff wird die­sen Sonn­tag 75 Jah­re alt

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - KULTUR - Von Yu­ri­ko Wahl-Im­mel, dpa

Gün­ter Wall­raff war als Kind am liebs­ten In­dia­ner. „Die an­de­ren woll­ten im­mer die Cow­boys sein, die Hel­den. Ich ha­be mich schon da­mals mit den Un­ter­drück­ten iden­ti­fi­ziert.“Da­mals, das war vor sechs, sie­ben Jahr­zehn­ten. Wall­raff ist heu­te in­ter­na­tio­nal be­kann­ter Au­tor, re­nom­mier­ter Un­der­co­ver-Jour­na­list.

Er schlüpf­te in die Rol­le des Fließ­band-Ma­lo­chers, des tür­ki­schen Gas­t­ar­bei­ters Ali, wur­de zum „Bild“-Re­dak­teur Hans Es­ser, Pa­ket­schlep­per, Ob­dach­lo­sen. Die da­bei selbst er­dul­de­ten Miss­stän­de pran­ger­te er dann öf­fent­lich an, um Ver­bes­se­run­gen zu er­zwin­gen. Da will Wall­raff auch künf­tig nicht nach­las­sen. Die­sen Sonn­tag wird der Schrift­stel­ler 75 Jah­re alt – und geht zu die­sem An­lass auf ei­ne Zei­t­rei­se.

Im ber­gi­schen Ört­chen Oden­thal-Ble­cher, 40 Ki­lo­me­ter von Köln ent­fernt, sucht er das Häu­schen, in dem er als klei­ner Jun­ge bis 1946 un­ter­ge­schlüpft war. „Mein Va­ter war Ford-Arbeiter, muss­te sich so durch­schla­gen. Mei­ne Mut­ter war Päd­ago­gin, sehr lie­be­voll.“Die Woh­nung der El­tern in Köln war durch Bom­ben un­be­wohn­bar ge­wor­den, so wur­den die drei als Flücht­lin­ge bei ei­ner Fa­mi­lie in Ble­cher ein­quar­tiert. Wall­raff steht vor ei­nem et­was ver­fal­le­nen Fach­werk­haus. „Idyl­lisch. Plötz­lich kommt al­les wie­der.“

Die Groß­mut­ter wohn­te am Ort­sen­de, er­in­nert sich der Au­tor, den Best­sel­ler wie „Der Auf­ma­cher“(1977) oder „Ganz un­ten“(1985) be­rühmt mach­ten. „Sie hat­te ei­ne An­den­ken­bu­de auf dem Weg zum Al­ten­ber­ger Dom. Auf dem Rück­weg ha­be ich ihr im­mer ge­hol­fen, die Sa­chen hoch­zu­schlep­pen.“Die Oma spiel­te ei­ne wich­ti­ge Rol­le. „Mei­ne El­tern ha­be ich ei­gent­lich im­mer nur krank er­lebt.“

Kin­der­heim Zwi­schen­durch muss Gün­ter ei­ni­ge gräss­li­che Mo­na­te ins Kin­der­heim. In Köln geht er nach dem Krieg zur Schu­le. Das Gym­na­si­um bricht er mit 16 ab, als der Va­ter stirbt. Er muss Geld ver­die­nen, macht ei­ne Buch­händ­ler­leh­re.

Was be­deu­tet ihm Fa­mi­lie heu­te? „Sie gibt Halt.“Sei­ne Frau und sei­ne fünf er­wach­se­nen Töch­ter zwi­schen 19 und 50 Jah­ren sind für ihn „groß­ar­ti­ge Frau­en, oh­ne die ich das al­les nicht ge­schafft hät­te.“An dem „be­las­ten­den Ge­denk­tag“– dem 75. Ge­burts­tag – wird er wie­der ein­mal ver­schwin­den. Er plant für 1. Ok­to­ber ei­ne „sinn­vol­le An­ge­le­gen­heit, die am En­de mit Ri­si­ko ver­bun­den ist“.

Wall­raff, drah­tig, fast ha­ger, er­zählt: „Ich konn­te mir nie vor­stel­len, so alt zu wer­den. Jetzt ge­be ich mir im­mer noch zwei Jah­re und er­le­be die­se sehr be­wusst, als Ge­schenk.“Und: „Der Tod hat für mich kei­nen Schre­cken, nur das Siech­tum.“Der als Kind zu­erst evan­ge­lisch, dann ka­tho­lisch um­ge­tauf­te Au­tor nennt sich ei­nen „be­ken­nen­den Agnos­ti­ker“, schätzt aber zu­gleich die „So­zi­al­be­kun­dun­gen“von Papst Fran­zis­kus. „Ich muss auf­pas­sen, dass ich nicht auf mei­ne al­ten Ta­ge noch zum gläu­bi­gen Men­schen wer­de, da­vor be­wah­re mich Gott.“

Wall­raff gilt vie­len als mo­ra­li­sche In­stanz. Aber er hat sich durch sei­ne Re­cher­chen un­ter fal­scher Iden­ti­tät auch Fein­de ge­macht. Sei­ne Ar­beits­wei­se war lan­ge als ver­werf­lich kri­ti­siert wor­den, vie­le sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen wur­den ju­ris­tisch an­ge­foch­ten. Zer­mür­ben­de Pha­sen kennt er. Ak­tu­ell en­ga­giert sich Wall­raff für in­haf­tier­te Kol­le­gen in der Tür­kei. Der Rast­lo­se mischt sich auch ein für Flücht­lin­ge. Sein Selbst­ur­teil ist streng. „Ich emp­fin­de eher ein Un­ge­nü­gend – was ich noch al­les hät­te ma­chen müs­sen und kön­nen. Manch­mal ha­be ich auch ver­sagt.“

Fo­to: dpa

Gün­ter Wall­raff vor dem Fach­werk­haus, in dem er bis 1946 wohn­te. Am Sonn­tag fei­ert der Va­ter von fünf Töch­tern sei­nen 75. Ge­burts­tag.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.