Ro­man

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - ROMAN -

Wenn ich jetzt nicht ge­he Von Ma­ría Du­e­ñas Aus dem Spa­ni­schen von Pe­tra Zick­mann © 2017 In­sel Ver­lag 13. Fort­set­zung

Dann stell­te er si­cher, dass ein paar Frau­en bei den Kin­dern blie­ben, und setz­te die Lü­ge in Um­lauf, die Ver­bre­cher sei­en durchs Fens­ter ge­flüch­tet. Als sich die Neu­gie­ri­gen dar­auf­hin ver­zo­gen, such­te er in der Dun­kel­heit nach dem Jun­gen.

»Da drin sind zwei Män­ner, ich weiß nicht, ob le­ben­dig oder tot. Schaff sie über den Hin­ter­hof raus und sieh zu, dass du sie los­wirst.«

»Was, wenn ich da­für sor­ge, dass sie für im­mer still und brav sind, und sie ne­ben die Fried­hofs­mau­er le­ge?«

»Beeil dich, mach schon.« Und so war San­tos Hu­e­sos Que­ve­do Cal­derón in sein Le­ben ge­tre­ten; von die­sem Mo­ment an hör­te der In­dio mit der Ar­beit un­ter Ta­ge auf und wur­de zu Mau­ro Lar­re­as Schat­ten.

Und wäh­rend der jun­ge Mann an je­nem Mor­gen sei­ne ers­te Mis­si­on er­füll­te, ritt Mau­ro Lar­rea zu Elías And­ra­de, der sich da­mals be­reits um die Buch­füh­rung und das Per­so­nal küm­mer­te. Zwei Auf­trä­ge er­teil­te er ihm, nach­dem er ihn aus dem Schlaf ge­ris­sen hat­te: Del­fi­na mit ei­nem Beu­tel Sil­ber als nutz­lo­se Ent­schä­di­gung für den Ver­lust ih­rer Un­schuld zu ih­ren El­tern zu­rück­zu­brin­gen und Mau­ro und sei­ne Fa­mi­lie noch in der­sel­ben Nacht auf Nim­mer­wie­der­se­hen aus dem Dorf zu schaf­fen.

Aber die Hoch­zeit von Ni­colás und Te­re­si­ta ist doch be­schlos­se­ne Sa­che, oder nicht?« Die Fra­ge stell­te, Jah­re spä­ter, die­sel­be Ma­ria­na, die da­mals in ih­rem schmut­zi­gen Nacht­hemd in die Ka­le­sche ge­klet­tert war und de­ren Leib sich jetzt un- ter ei­nem be­stick­ten Mus­se­lin­kleid wölb­te, wäh­rend sie aus ei­ner Perl­mutt­scha­tul­le ei­ne Zi­ga­ret­te nahm.

Un­ter­des­sen setz­te sich die Haus­räu­mung fort: auf­ge­reg­tes Ge­schrei, Hast, Tu­mult und Lärm zwi­schen den Ma­gno­li­en und den Brun­nen des Gar­tens. Tragt die­ses raus, packt je­nes ein, macht das hier fer­tig. Be­eilt euch, ihr Töl­pel, la­det die Vi­tri­nen auf ei­nen an­de­ren Kar­ren, passt um Him­mels wil­len mit die­sen Ala­bas­ter­so­ckeln auf. Selbst Pfan­nen und Tie­gel wur­den mit­ge­nom­men, um sie zu ver­pfän­den oder zu ver­kau­fen, sie schleu­nigst ir­gend­wie zu Geld zu ma­chen, mit dem ers- te Lö­cher ge­stopft wer­den könn­ten. Es war And­ra­de, der die Be­feh­le er­teil­te; Va­ter und Toch­ter un­ter­hiel­ten sich wei­ter im schwa­chen Licht, das in die ran­ken­über­wu­cher­te Per­go­la si­cker­te. Sie saß in ei­nem Ses­sel, den je­mand vor dem Ver­la­den ge­ret­tet hat­te, die Hän­de auf ih­rem run­den Bauch. Er stand vor ihr.

»Ich fürch­te, die Ver­lo­bung kann auf Wunsch von je­dem der bei­den ge­löst wer­den. Erst recht, wenn es da­für ei­nen gu­ten Grund gibt.«

Seit fast sie­ben Mo­na­ten wuchs ein neu­es Le­ben in Ma­ria­nas Schoß, eben­so lan­ge wie El­vi­ra mit Ni­colás schwan­ger ge­we­sen war, als er vor­zei­tig zur Welt kam, zart wie ein Vö­gel­chen, in die­sem Spa­ni­en, in das kei­ner von ih­nen je zu­rück­ge­kehrt war. Das Dorf im Nor­den von Alt­kas­ti­li­en, die jun­ge Frau mit dem herz­haf­ten La­chen, die dann, ver­krümmt, in Schweiß und Blut ge­ba­det, auf ei­nem Stroh­l­a­ger von ih­nen ge­gan­gen war; das Ei­sen­kreuz im Schlamm des Kirch­hofs an ei­nem ne­bel­ver­han­ge­nen Mor­gen. Die Be­stür­zung, die Fas­sungs­lo­sig­keit, die Ver­zweif­lung: lau­ter Er­in­ne­rungs­fet­zen, die ih­nen nur noch sel­ten in den Sinn ka­men.

Die me­xi­ka­ni­sche Haupt­stadt war jetzt ihr Uni­ver­sum, ihr All­tag, ein An­ker­platz für die drei. Und Ni­co war kein mick­ri­ger Knirps mehr, son­dern zu ei­nem stür­mi­schen jun­gen Mann ge­wor­den, ei­nem ge­bo­re­nen Ver­füh­rer, der eben­so vor Charme strotz­te, wie er zu Leicht­sinn und Über­mut neig­te, wes­halb sie auf ihn ein­ge­wirkt hat­ten,ei­ne Zeit lang nach Eu­ro­pa zu ge­hen, um ihn bis zu sei­ner Ver­mäh­lung mit ei­ner der bes­ten Par­ti­en der Stadt von Dumm­hei­ten ab­zu­hal­ten.

»Vor­ges­tern ha­be ich Te­re­si­ta und ih­re Mut­ter ge­trof­fen, als ich ge­ra­de bei Por­ta Coeli be­zahl­te«, sag­te Ma­ria­na und blies Rauch aus. »Vor ih­nen lag Ge­nue­ser Samt und flä­mi­sche Spit­ze. Die Hoch­zeits­ge­wän­der sind schon mal in Ar­beit.«

Te­re­sa Go­ros­tiza Fa­goaga war der Na­me von Ni­cos Ver­lob­ter, Spross ei­ner Ver­bin­dung von zwei ro­bus­ten Stamm­bäu­men aus den Zei­ten des Vi­ze­kö­nigs. We­der be­son­ders hübsch noch be­son­ders an­mu­tig, aber aus­ge­spro­chen sym­pa­thisch. Und klug. Und ver­liebt bis über bei­de Oh­ren. In Mau­ro Lar­re­as Au­gen ge­nau das Rich­ti­ge für sei­nen Sohn: ei­ne Lei­ne, ei­ne Si­cher­heit, die Ni­colás zur Ver­nunft brin­gen und zu­gleich den ge­sell­schaft­li­chen Sta­tus der Fa­mi­lie fes­ti­gen wür­de. Das vie­le fri­sche Geld ei­nes Mi­nen­be­trei­bers ver­eint mit dem Glanz ei­ner alt­ein­ge­ses­se­nen spa­ni­schen Sip­pe. Ei­ne bes­se­re Par­tie war gar nicht denk­bar. Nur dass das al­les ge­ra­de ins Wan­ken ge­riet. Den Go­ros­tiz­as blieb im­mer ih­re um­fang­rei­che Ah­nen­ta­fel, aber das Ver­mö­gen der Lar­re­as hat­te sich in den Wir­ren ei­nes frem­den Krie­ges in nichts auf­ge­löst.

Und oh­ne ei­nen tla­co in der Ta­sche, oh­ne Kre­dit beim bes­ten Schnei­der der Cal­le Cordo­ba­nes, oh­ne zu Kaf­fee­ein­la­dun­gen, Tanz­aben­den und Bäl­len in ei­ner sa­tin­ge­pols­ter­ten Kut­sche vor­zu­fah­ren, oh­ne ein feu­ri­ges Pferd, um sich vor den Mäd­chen auf­zu­spie­len, und oh­ne die Cha­rak­ter­stär­ke sei­nes Va­ters war Ni­colás ein Nie­mand. Ein net­ter Jun­ge oh­ne Be­ruf und Ein­künf­te, der Sohn ei­nes rui­nier­ten Sil­ber­schür­fers, der arm ge­kom­men war und arm wie­der ging, nichts wei­ter.

»Die Go­ros­tiz­as dür­fen nichts da­von er­fah­ren«, mur­mel­te er, den Blick ins Lee­re ge­rich­tet.

Fort­set­zung folgt

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