Aus­ge­brannt und ab­ge­mel­det

Fährt der Die­sel aufs Ab­stell­gleis?

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - AUTOSTIMME - Von Tho­mas Gei­ger, dpa

Im­mer we­ni­ger Neu­wa­gen­käu­fer las­sen sich vom Ver­brauchs­vor­teil des Die­sel­mo­tors über­zeu­gen. Zu groß sind die Un­wäg­bar­kei­ten, die mit dem Selbst­zün­der nach dem Ab­gas­skan­dal ver­bun­den sind. Und nur die we­nigs­ten Mo­to­ren sind wirk­lich zu­kunfts­fest – was nun tun?

Di­ckes Mi­nus 21,3 Pro­zent Mi­nus al­lein im Sep­tem­ber und ei­nen Markt­an­teil von nur noch 36,3 Pro­zent – die Die­sel­zu­las­sun­gen in Deutsch­land sind nach An­ga­ben des Kraft­fahrt­bun­des­amts in Flens­burg im frei­en Fall. Der eins­ti­ge Lieb­ling von Spa­rern und Viel­fah­rern ver­liert zu­se­hends sei­nen Glanz: Gu­te zwei Jah­re, nach­dem der Ab­gas­skan­dal von VW ruch­bar wur­de, ha­ben die Dis­kus­sio­nen um Schad­stoff­grenz­wer­te, Nach­rüs­tun­gen und Fahr­ver­bo­te die Ver­brau­cher of­fen­bar so sehr ver­un­si­chert, dass der Selbst­zün­der aus­ge­brannt und ab­ge­mel­det ist. Kein Wun­der, wenn durch die Dis­kus­si­on um Ein­fahrts­be­schrän­kun­gen und Blaue Plaketten nach An­ga­ben des ADAC rund 13 Mil­lio­nen deut­schen Au­to­fah­rern zu­min­dest lo­ka­le und tem­po­rä­re Fahr­ver­bo­te dro­hen.

Kau­fen oder nicht? Soll ich mir jetzt über­haupt noch ei­nen Die­sel kau­fen? Wer die­se Fra­ge stellt, der wird ak­tu­ell nur we­nig Er­mun­te­rung ern­ten: Beim ADAC lobt man zwar auch wei­ter­hin den ge­rin­ge­ren Sprit­ver­brauch und nied­ri­ge­ren

CO2-Aus­stoß. Und dank des güns­ti­ge­ren Steu­er­sat­zes auf Die­sel hat man auch die Mehr­kos­ten für die Fahr­zeug­an­schaf­fung noch im­mer schnell wie­der her­ein­ge­fah­ren. „Doch wer wei­ter­hin in städ­ti­sche Um­welt­zo­nen fah­ren möch­te, in de­nen neue Fahr­ver­bo­te dro­hen, soll­te sich für ei­ne Al­ter­na­ti­ve zum Die­sel ent­schei­den“, tritt der Au­to­mo­bil­club auf die Brem­se, „oder aber mit dem Kauf noch war­ten, bis Fahr­zeu­ge mit dem Ab­gas­stan­dard Eu­ro

6d-TEMP oder Eu­ro 6d in aus­rei­chen­der Mo­dell­viel­falt ver­füg­bar sind.“

Die­se neue Norm, bei der un­ter an­de­rem die Emis­sio­nen nicht nur auf dem Prüf­stand, son­dern auch re­al auf der Stra­ße ge­mes­sen wer­den, kann bei der Typ­ge­neh­mi­gung neu­er Au­tos seit Sep­tem­ber 2017 als

6d-TEMP zur An­wen­dung kom­men, ver­bind­lich vor­ge­schrie­ben ist sie als 6d aber erst ab 2020.

Stadt oder Land? Der Ver­brau­cher­zen­tra­le Bun­des­ver­band in Ber­lin sieht al­ler­dings mehr Fra­gen als Ant­wor­ten und kann den Die­sel „der­zeit nicht mit ru­hi­gem Ge­wis­sen emp­feh­len“. Au­to­mo­bil­wirt­schaft­ler Fer­di­nand Du­den­höf­fer von der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Es­sen rät so­gar da­zu, sei­nen Die­sel lie­ber heu­te als mor­gen zu ver­kau­fen – zu­min­dest bei ent­spre­chen­dem Be­we­gungs­pro­fil: „Es kommt dar­auf an, wo man wohnt und für was man das Au­to nutzt. Wenn je­mand auf dem Land wohnt, ist es un­er­heb­lich – au­ßer er fährt in Groß­städ­te.“Wenn man in ei­ner Groß­stadt oder ei­nem Bal­lungs­ge­biet wohnt und täg­lich sein Au­to braucht, sei es ein deut­li­ches Han­di­cap.

Her­stel­ler Die ein­zi­gen, die dem Die­sel fest die Treue hal­ten, sind die Au­to­her­stel­ler selbst. So­gar Mar­ken wie Vol­vo, die bis­lang am lau­tes- ten in den Ab­ge­sang auf den Ver­bren­ner ein­ge­stimmt und zu­min­dest künf­ti­ge Neu­ent­wick­lun­gen aus­ge­schlos­sen ha­ben, kom­men um die Tech­nik noch nicht her­um, räumt Lutz Stieg­ler aus der Mo­to­ren­ent­wick­lung in Gö­te­borg ein. „Oh­ne den Die­sel sind un­se­re CO2Vor­ga­ben nicht zu schaf­fen.“

Bei Au­di, Mer­ce­des oder VW hört man nichts an­de­res. Das will Du­den­höf­fer nicht gel­ten las­sen: „Es gibt Erd­gas, es gibt die neu­en 48 Volt-Hy­bri­de für Ben­zi­ner mit CO2Aus­stoß auf Die­sel­hö­he und es gibt na­tür­lich im­mer mehr Elek­tro­au­tos“, sagt er. „Die Au­to­bau­er müs­sen um­steu­ern oder flä­chen­de­ckend Eu­ro-6d-Die­sel an­bie­ten.“

Erd­gas Um dem Stim­mungs­wan­del im Land zu be­geg­nen und ih­re CO2Wer­te halb­wegs im Zaum zu hal­ten, pro­pa­gie­ren die Au­to­her­stel­ler al­ler­dings ge­ra­de mal wie­der Erd­gas als Al­ter­na­ti­ve. „Erd­gas ist das neue Die­sel“, sagt To­bi­as Block aus der Au­di-Ab­tei­lung für „Nach­hal­ti­ge Pro­dukt­ent­wick­lung“. Er rühmt die bei Au­di G-Tron ge­nann­ten Mo­del­le als glei­cher­ma­ßen gut für die Um­welt und für den Geld­beu­tel. Denn der CO2-Aus­stoß sei 25 Pro­zent ge­rin­ger als bei ei­nem Ben­zi­ner, und dank ei­nes bis 2026 ver­län­ger­ten Steu­er­bo­nus kos­tet Com­pres­sed Na­tu­ral Gas (CNG) als Kraft­stoff mit sei­nem hö­he­ren Ener­gie­ge­halt nur et­wa halb so viel. Trotz­dem muss man ge­nau rech­nen, mahnt der ADAC und sieht in CNG-Mo­del­len nur ei­ne Al­ter­na­ti­ve für Viel­fah­rer.

SCR-Ka­ta­ly­sa­tor Wer sich al­len Un­ken­ru­fen zum Trotz für ei­nen Die­sel ent­schei­det, der soll­te nach Ein­schät­zung von Hans-Ge­org Mar­mit von der Sach­ver­stän­di­gen­or­ga­ni­sa­ti­on KÜS auf je­den Fall ein Fahr­zeug mit ei­nem so ge­nann­ten SCRKa­ta­ly­sa­tor kau­fen. Dort wird ei­ne Harn­stoff­lö­sung na­mens AdBlue ins Ab­gas ge­spritzt, die Stick­oxi­de durch ei­ne che­mi­sche Re­ak­ti­on in un­ge­fähr­li­chen Stick­stoff und Was­ser­stoff um­wan­delt.

Fo­to: Bo­do Marks

Die Un­si­cher­heit der Au­to­käu­fer beim The­ma Die­sel ist groß, wie sin­ken­de Zu­las­sungs­zah­len be­wei­sen.

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