War­um Deutsch­land pas­siv bleibt

Bun­des­re­gie­rung be­grüßt west­li­che Luft­schlä­ge, ver­weist aber auf feh­len­des UN-Man­dat – Auch mi­li­tä­risch gibt es Män­gel

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - POLITIK - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Mar­tin Ferber

Deutsch­land wur­de erst gar nicht ge­fragt. Als US-Prä­si­dent Do­nald Trump, der fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron und die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May am Wo­che­n­en­de ih­ren Sol­da­ten den Ein­satz­be­fehl ga­ben, als Ver­gel­tung für den mut­maß­li­chen Ein­satz von Che­mie­waf­fen in der Stadt Du­ma durch das As­sad-Re­gime Zie­le in Sy­ri­en an­zu­grei­fen, die mit dem Che­mie­waf­fen­pro­gramm des Herr­schers in Zu­sam­men­hang ste­hen, un­ter­blieb der An­ruf bei Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel. Er wä­re auch zweck­los ge­we­sen.

Im Wei­ßen Haus, im Ély­sée-Pa­last und in Dow­ning Street war man sich über die Po­si­ti­on der Bun­des­re­gie­rung oh­ne­hin im Kla­ren. Zum ei­nen hat­te Mer­kel schon am Don­ners­tag de­fi­ni­tiv ei­ne deut­sche Be­tei­li­gung an ei­nem Luft­schlag ge­gen mi­li­tä­ri­sche Zie­le in Sy­ri­en ka­te­go­risch aus­ge­schlos­sen, zum an­de­ren hät­te die Kanz­le­rin we­gen des Par­la­ments­vor­be­halts gar kei­nen Ein­satz der Bun­des­wehr an­ord­nen kön­nen. Das kann nach den Vor­ga­ben des Ver­fas­sungs­ge­richts aus­schließ­lich der Bun­des­tag. Und der tritt erst in die­ser Wo­che wie­der zu sei­nen re­gu­lä­ren Sit­zun­gen zu­sam­men.

Pa­ra­dox So blieb es bei der pa­ra­do­xen Si­tua­ti­on, dass sich die Bun­des­re­gie­rung zwar de­mons­tra­tiv an die Sei­te der Ver­bün­de­ten und Part­ner stell­te und die Luft­an­grif­fe als „er­for­der­lich und an­ge­mes­sen“be­zeich­ne­te, an­sons­ten aber un­tä­tig blieb, was so­wohl im In­land wie im Aus­land auf hef­ti­ge Kri­tik stieß. So kri­ti­sier­te der frü­he­re SPD-Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el bei sei­ner An­tritts­vor­le­sung an der Uni­ver­si­tät Bonn, wo er in die­sem Som­mer­se­mes­ter als Gast­do­zent tä­tig ist, dass Eu­ro­pa wie­der ein­mal oh­ne ge­mein­sa­me Li­nie agiert ha­be. „Die­se Spal­tung ist wirk­lich ge­fähr­lich, weil sie an­de­re Mäch­te da­zu er­mun­tert, uns zu tes­ten“, sag­te er. Noch deut­li­che­re Wor­te fand der frü­he­re CSU-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theo­dor zu Gu­ten­berg. „Wenn Men­schen ab­ge­schlach­tet wer­den, muss man auch ein­mal an­grei­fen“, sag­te der Ex-Mi­nis­ter der „Bild“-Zei­tung. Die Bun­des­re­gie­rung ma­che es sich zu leicht, wenn sie sa­ge, „die Drecks­ar­beit ma­chen die an­de­ren für uns“.

In Berlin wird da­ge­gen auf die recht­li­chen wie mi­li­tä­ri­schen Pro­ble­me hin­ge­wie­sen. Bei den Luft­an­grif­fen ha­be es sich we­der um ei­nen Na­to-Ein­satz ge­han­delt noch lie­ge ein Man­dat des UN-Si­cher­heits­ra­tes vor. Der Frak­ti­ons­chef der Lin­ken, Diet­mar Bartsch, spricht da­her auch of­fen da­von, dass der Luft­an­griff ge­gen das Völ­ker­recht ver­sto­ße. Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert ver­weist hin­ge­gen dar­auf, dass es sich bei dem Che­mie­waf­fen­ein­satz durch das As­sad-Re­gime um ei­nen „ele­men­ta­ren Bruch des Völ­ker­rechts“ge­han­delt ha­be, „der in kei­ner Wei­se hin­nehm­bar ist“. Der UN-Si­cher­heits­rat sei in der Sy­ri­enFra­ge zum wie­der­hol­ten Ma­le durch Russ­land blo­ckiert wor­den. In­so­fern be­grü­ße es die Re­gie­rung, dass die USA, Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en als stän­di­ge Mit­glie­der des Si­cher­heits­ra­tes Ver­ant­wor­tung über­nom­men hät­ten.

Ge­gen­über un­se­rer Zei­tung wei­sen Mi­li­tär­ex­per­ten dar­auf hin, dass ei­ne Be­tei­li­gung der Bun­des­wehr nicht nur we­gen des feh­len­den Man­dats des Bun­des­tags nicht mög­lich war, son­dern auch aus mi­li­tä­ri­schen Grün­den. So sind zwar der­zeit vier „Tor­na­do“-Auf­klä­rungs­flug­zeu­ge in Jor­da­ni­en sta­tio­niert, um Stel­lun­gen des IS in Sy­ri­en und Nord­irak zu er­mit­teln, doch für die Be­kämp­fung der Zie­le in Sy­ri­en wä­ren sie nicht in­fra­ge ge­kom­men, da die für die An­grif­fe be­nö­tig­ten Marsch­flug­kör­per in Deutsch­land ge­la­gert wer­den. Deut­sche Euro­figh­ter wie­der­um hät­ten auf dem lan­gen Luft­weg von Deutsch­land nach Sy­ri­en mehr­fach in der Luft be­tankt wer­den müs­sen, wie es die Fran­zo­sen of­fen­bar ge­macht ha­ben. Oder sie hät­ten zu­erst nach Zy­pern flie­gen müs­sen und von dort aus wei­ter nach Sy­ri­en, wie es die Bri­ten mach­ten. Die Ma­schi­nen der US-Luft­waf­fe konn­ten da­ge­gen von ei­nem Flug­zeug­trä­ger im Mit­tel­meer aus star­ten.

„Die­se Spal­tung ist ge­fähr­lich, weil sie an­de­re Mäch­te da­zu er­mun­tert, uns zu tes­ten.“Sig­mar Ga­b­ri­el, SPD

Fo­to: dpa

Men­schen im zer­stör­ten Du­ma, wo es ei­nen Gift­gas­an­griff ge­ge­ben ha­ben soll. Dar­auf ha­ben west­li­che Län­der mi­li­tä­risch re­agiert.

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