Wenn ich jetzt nicht ge­he

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - - ROMAN -

Wie dem auch sein moch­te, es hat­te kei­nen Sinn mehr, über die Ur­sa­chen und Fol­gen all des­sen nach­zu­grü­beln, was zwi­schen der Me­xi­ka­ne­rin und ihm ge­sche­hen war, seit er sie auf je­nem Fest im ha­van­ne­si­schen El Cer­ro ken­nen­ge­lernt hat­te. Jetzt, da sie in ih­rer mehr als be­schei­de­nen Schiffs­ka­bi­ne un­ter­ge­bracht war, blieb nur noch ei­ne ein­zi­ge Sa­che zu re­geln. Wäh­rend Fa­tou und der Ka­pi­tän auf der Kom­man­do­brü­cke die letz­ten Ein­zel­hei- ten be­spra­chen, rief Mau­ro San­tos Hu­e­sos zur Sei­te. Der Die­ner tat, als hät­te er ihn nicht ge­hört, und setz­te sich am Bug auf ei­nen Hau­fen Taue. Er rief ihn noch ein­mal, oh­ne Er­folg. Sechs Schrit­te, und er pack­te ihn und zwang ihn auf­zu­ste­hen.

»Willst du end­lich hö­ren, du Mist­kerl?«

Sie stan­den ein­an­der ge­gen­über, breit­bei­nig, um das Gleich­ge­wicht zu hal­ten, ob­wohl der nächt­li­che At­lan­tik völ­lig ru­hig war. Der Die­ner hielt die Au­gen hart­nä­ckig ge­senkt. »Sieh mich an, San­tos.«

Er wich Mau­ros Blick aus und schau­te über das schwar­ze Was­ser. »Sieh mich an.«

Nie­mals in all den Jah­ren, die er nun schon sein Schat­ten war, hat­te er ihm den Ge­hor­sam ver­wei­gert. Bis auf die­ses Mal.

»Fällt es Ih­nen wirk­lich so schwer, mich mal für ei­nen Mo­ment in Frie­den zu las­sen?«

»Wie du willst. Dann in­ter­es­siert es dich al­so gar nicht, dass die Me­xi­ka­ne­rin Wort ge­hal­ten hat.«

Dar­auf­hin hob der Indio den Blick und schau­te ihn aus glän­zen­den Au­gen an.

»Das Mäd­chen ist frei«, sag­te Mau­ro und klopf­te mit der Hand auf die Stel­le sei­nes Geh­rocks, wo er in der In­nen­ta­sche das Blatt Pa­pier ver­wahr­te. »Ich wer­de dem Ka­pi­tän das ent­spre­chen­de Schrei­ben mit­ge­ben, und er wird es Don Ju­lián Cal­afat zu­kom­men las­sen.«

Im Na­men Got­tes des All­mäch­ti­gen, amen. Ich, Ma­ría Ca­ro­la Go­ros­tiza y Arel­la­no de Za­yas, zum Zeit­punkt der Nie­der­le­gung die­ses Schrift­stücks im Voll­be­sitz mei­ner geis­ti­gen Kräf­te, ent­las­se Ma­ría de la San­tí­si­ma Tri­ni­dad Cum­bá (oh­ne zwei­ten Fa­mi­li­en­na­men) aus je­der Art von Ver­pflich­tung, Ge­fan­gen­schaft und Di­enst­bar­keit und schen­ke ihr un­ent­gelt­lich und oh­ne je­de Be­din­gung die Frei­heit, da­mit sie als frei­er Mensch ih­re Rech­te wahr­neh­men und nach ei­ge­nem Gut­dün­ken über sich be­stim­men kann.

Das war die Wil­lens­er­klä­rung, die Mau­ro Ca­ro­la Go­ros­tiza ge­nö­tigt hat­te, am Se­kre­tär ih­res Zim­mers nie­der­zu­schrei­ben: den Frei­brief für das Mäd­chen, dem das Herz sei­nes Ge­treu­en San­tos Hu­e­sos ge­hör­te.

»Wir wä­ren dann so weit, Mau­ro.« Fa­tous Stim­me er­klang in ih­rem Rü­cken, noch ehe San­tos re­agie­ren konn­te.

»Be­ei­le dich, und sag Tri­ni­dad, sie soll nach ih­rer An­kunft in Ha­van­na schleu­nigst zum Haus des Ban­kiers ge­hen«, füg­te Mau­ro lei­ser hin­zu. »Wenn er die­ses Do­ku­ment ge­se­hen hat, wird er sie an­wei­sen, was sie tun muss.«

Der Die­ner war wie be­täubt und voll­kom­men sprach­los.

»Und wir über­le­gen uns, wie wir euch wie­der­ver­ei­nen, wenn es an der Zeit ist«, schloss er und klopf­te ihm kräf­tig 546 auf die Schul­ter, um ihn aus sei­ner Er­star­rung zu ho­len.

»Und jetzt lauf, da­mit wir hier weg­kom­men.«

Ob­wohl nie­mand am Kai sein soll­te, war­te­te dort ei­ne dunk­le Sil­hou­et­te mit ei­ner La­ter­ne auf sie. Ein jun­ger Bur­sche, wie sie beim Nä­her­kom­men er­kann­ten. Ein Las­ten­trä­ger auf der Jagd nach dem letz­ten Auf­trag des Ta­ges oder ein Stra­ßen­jun­ge oder ein Ver­lieb­ter, der auf die schwar­ze Bucht hin­aus­blick­te, wäh­rend er sei­ner ver­lo­re­nen Lie­be nach­trau­er­te; si­cher­lich hat­te sei­ne An­we­sen­heit nichts mit ih­nen zu tun. Doch als sie aus dem Boot stie­gen, rief er sie an.

»Heißt ei­ner von Ih­nen Lar­rea?« »Was gibt’s?«, er­wi­der­te Mau­ro, kaum dass er fes­ten Bo­den un­ter den Fü­ßen hat­te.

»Man ver­langt im Gast­haus Las

Cua­tro Na­cio­nes nach Ih­nen. Sie sol­len so­fort hin­kom­men.«

Ysa­si hat­te ir­gend­wel­che Schwie­rig­kei­ten mit dem En­g­län­der, Mau­ro brauch­te nicht nach­zu­fra­gen.

»Hier wer­den wir uns vor­erst ver­ab­schie­den müs­sen, mein Freund«, sag­te er und hielt Fa­tou has­tig die Hand hin. »Ich bin Ih­nen un­end­lich dank­bar für Ih­re Groß­zü­gig­keit.«

»Vi­el­leicht soll­te ich Sie be­glei­ten.«

»Ich ha­be Sie schon ge­nug aus­ge­nutzt, ich soll­te Sie bes­ser wie­der nach Hau­se las­sen. Tun Sie mir je­doch den Ge­fal­len, Frau Clay­don Be­scheid zu ge­ben. Und jetzt bit­te ich Sie, mich zu ent­schul­di­gen, ich muss mich spu­ten, denn ich fürch­te, es geht um et­was Wich­ti­ges.«

Hier ent­lang, sag­te der Jun­ge un­ge­dul­dig und schwenk­te die Lam­pe. Fort­set­zung folgt

Von Ma­ría Du­e­ñas Aus dem Spa­ni­schen von Pe­tra Zick­mann © 2017 In­sel Ver­lag 174. Fort­set­zung

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