Die Al­ten grei­fen nach der Macht

Hohenloher Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von Micha­el Ga­bel

Sie wächst und wächst: die Ge­nen­rad­ti­on 60plus. In Zu­kunft könn­te sie in Ab­stim­mun­gen ih­re In­ter­es­sen im­mer öf­ter ge­gen Jün­ge­re durch­set­zen. Im Wahl­kampf sind Auf­trit­te in Hei­men des­halb Pflicht für Po­li­ti­ker.

ri­ka Schol­ten war be­geis­tert. Die Be­woh­ne­rin des Se­nio­ren­heims der Ar­bei­ter­wohl­fahrt im rhei­ni­schen Mo­ers war da­bei, als der SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz in ih­rem Wohn­heim vie­le Hän­de schüt­tel­te und ver­sprach, die Sor­gen der äl­te­ren Men­schen ernst­zu­neh­men. „Er ist herz­lich. Er kommt bei den Leu­ten gut an“, sag­te sie nach dem Be­such.

Auf­trit­te in Al­ters­hei­men sind für Po­li­ti­ker Pflicht. Bei der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber wer­den 36,1 Pro­zent der Wahl­be­rech­tig­ten der Ge­ne­ra­ti­on der ab 60-Jäh­ri­gen an­ge­hö­ren. Je­der zwei­te Wahl­be­rech­tig­te ist über 52, die Wäh­ler sind so alt wie nie zu­vor. Frank St­auss, Ex­per­te für po­li­ti­sche Kam­pa­gnen, ist über­zeugt, dass der Wahl­kampf des­halb so schlep­pend ver­läuft: „Wir er­le­ben den ers­ten Wahl­kampf für das ver­grei­sen­de Deutsch­land.“Wich­ti­ge Zu­kunfts­the­men spiel­ten kei­ne Rol­le. „Das Land ist re­gel­recht ver­stopft von Be­sitz­stands­wah­rern, di­gi­ta­len Angst­ha­sen, ana­lo­gen Nost­al­gi­kern und rech­ten Heul­su­sen“, sag­te er „Zeit On­li­ne“. „Und die Po­li­tik durch­bricht den Kreis­lauf nicht, son­dern gibt dem Af­fen auch noch Zu­cker.“

Die zah­len­mä­ßi­ge Über­macht der Äl­te­ren könn­te die Ent­wick­lung hin zu ei­ner Ge­ron­to­kra­tie – der Herr­schaft der Äl­te­ren – be­schleu­ni­gen. Ent­ge­gen steht die­ser Ten­denz al­ler­dings, dass vie­le der Ge­ne­ra­ti­on 60plus selbst El­tern oder Groß­el­tern sind. Und sie des­halb auch das Wohl­er­ge­hen ih­rer Kin­der und En­kel im Blick ha­ben.

Der frü­he­re Land­wirt Hans St­auf­fer (76) steht für vie­le, wenn er sagt: „Ich wür­de nie­mals ei­ne Par­tei wäh­len, nur weil sie ver­spricht, et­was für Rent­ner zu tun.“Wel­che Par­tei er be­vor­zugt, ver­rät er nicht. Aber: „Sie muss die Pro­ble­me der ge­sam­ten Ge­sell­schaft im Blick ha­ben.“

Die Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Bet­ti­na Mu­ni­mus sagt, ei­ne sol­che Ein­stel­lung sei die Re­gel. Zwar wach­se der An­teil der Rent­ner an der Wahl­be­völ­ke­rung. „Trotz­dem geht das Kal­kül, die Men­schen mit mehr Ren­te zu kö­dern, nicht auf. Die CDU et­wa ver­liert ste­tig bei der Ge­ne­ra­ti­on 60plus.“Den wich­tigs­ten Grund da­für sieht sie in der he­te­ro­ge­nen Struk­tur der äl­te­ren Wäh­ler­schaft. Bloß weil je­mand äl­ter sei, wäh­le er nicht au­to­ma­tisch bür­ger­lich-kon­ser­va­tiv. „Au­ßer­dem sind die Äl­te­ren nicht völ­lig ego­is­tisch. Em­pa­thie für die Jün­ge­ren ist da.“Dass Jün­ge­re zu­dem an po­li­ti­scher Macht ver­lie­ren, liegt aber auch dar­an, dass sie in ge­rin­ge­rem Ma­ße wäh­len ge­hen als die Äl­te­ren. Bei der Bun­des­tags­wahl 2013 ga­ben nur 64,3 Pro­zent der un­ter 40-Jäh­ri­gen ih­re Stim­me ab, bei den ab 60-Jäh­ri­gen wa­ren es hin­ge­gen 76,3 Pro­zent.

Bei­spiel Br­ex­it

Die Ge­ne­ra­ti­on 60plus könn­te da­ge­gen schon bald so­gar zah­len­mä­ßig die ab­so­lu­te Mehr­heit stel­len. Drei Trends trei­ben den de­mo­gra­fi­schen Wan­del an. Zum ei­nen wer­den ver­gleichs­wei­se we­ni­ge Kin­der ge­bo­ren. Zum an­dern rü­cken die ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge – 1955 bis 1969 – in der Al­ters­py­ra­mi­de nach oben. Ein wei­te­rer Grund: Die Deut­schen le­ben im­mer län­ger; lag das durch­schnitt­li­che Ster­be­al­ter 1990 bei et­wa 75 Jah­ren, so sind es heu­te nach An­ga­ben des deut­schen Ver­si­che­rer-Ver­bands 81 Jah­re.

Ein dra­ma­ti­sches Bei­spiel für das Ver­sa­gen der Jün­ge­ren bei ei­nem Ur­nen­gang ist der Br­ex­it. Wä­ren die über­wie­gend EU-freund­li­chen jün­ge­ren Bri­ten ähn­lich zu­ver­läs­sig zur Ab­stim­mung ge­gan­gen wie die Äl­te­ren, hät­te es wohl kei­ne Mehr­heit für ei­nen Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens aus der EU ge­ge­ben.

Wer kann sa­gen, ob sich sol­che Si­tua­tio­nen in Zu­kunft nicht häu­fen wer­den? Der staat­li­che Zu­schuss zur Ren­te wird bis 2020 über die Mar­ke von jähr­lich 100 Mil­li­ar­den Eu­ro stei­gen. „Nicht nur bei der Ren­te, auch bei der Pfle­ge wer­den die Leis­tun­gen der­zeit aus­ge­wei­tet“, be­klagt der Chef des Ifo-In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, Cle­mens Fu­est. „Die Ver­su­chung für Po­li­ti­ker ist groß, Wahl­ge­schen­ke zu ver­tei­len, denn die Kos­ten fal­len vor al­lem in der Zu­kunft an.“

Um ei­ner Ent­wick­lung hin zu ei­ner mög­li­chen Ge­ron­to­kra­tie jeg­li­chen Bo­den zu ent­zie­hen, macht der CDU-Po­li­ti­ker Jens Spahn (37) ei­nen ra­di­ka­len Vor­schlag. Er plä­diert für ein Fa­mi­li­en­wahl­recht, bei dem El­tern stell­ver­tre­tend für ih­re noch nicht wahl­be­rech­tig­ten Kin­der das Wahl­recht aus­üben. Sei­ne Be­grün­dung: „Wenn Fa­mi­li­en mehr Stim­men ha­ben, be­kom­men ih­re The­men auch mehr Ge­wicht in der po­li­ti­schen De­bat­te.“

Dos­sier: Um­fra­gen, Hin­ter­grün­de und Vi­de­os zur Bun­des­tag­wahl un­ter swp.de/btw17

Fo­to: dpa

Se­nio­ren sind auf dem Vor­marsch in der Ge­sell­schaft. Das bil­det sich auch in den Wah­l­er­geb­nis­sen ab.

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