Erst­auf­nah­me bleibt in Sigmaringen

Hohenloher Tagblatt - - SÜDWESTUMSCHAU -

We­ni­ger Plät­ze als ge­plant und ein neu­er Po­li­zei­pos­ten: Land, Kreis und Stadt han­deln ei­nen Ver­trag aus.

Sigmaringen. Stadt, Land­kreis und das Land ha­ben sich auf den Wei­ter­be­trieb der Lan­des­erst­auf­nah­me­stel­le für Flücht­lin­ge in Sigmaringen ge­ei­nigt. Die Graf-St­auf­fen­berg-Ka­ser­ne am Stadt­rand soll wei­ter ge­nutzt wer­den. Im Re­gel­fall sol­len höchs­tens 875 Asyl­be­wer­ber un­ter­ge­bracht wer­den. Der Land­kreis muss im Ge­gen­zug we­ni­ger Flücht­lin­ge auf­neh­men, die Stadt ist bei der An­schluss­un­ter­brin­gung kom­plett drau­ßen. Das Po­li­zei­re­vier wird „la­ge­be­dingt per­so­nell ver­stärkt“und es kommt ein Po­li­zei­pos­ten aufs LEA-Ge­län­de. Für die Kon­ver­si­on, den Um­bau zum Zi­vil­stand­ort, gibt es mehr Hil­fe.

„Al­le Ver­hand­lungs­part­ner sind sich glei­cher­ma­ßen ent­ge­gen ge­kom­men“, sag­te Bür­ger­meis­ter Tho­mas Schä­rer. „Die Ver­ein­ba­rung ist im Er­geb­nis für die Stadt zu­frie­den­stel­lend.“Am 27. Sep­tem­ber ent­schei­det der Ge­mein­de­rat über den Ver­trag.

Das Land will lang­fris­tig ein zen­tra­les Auf­nah­me­zen­trum und da­zu ei­ne Erst­auf­nah­me­stel­le in je­dem Re­gie­rungs­be­zirk, in Frei­burg, Karlsruhe, Ell­wan­gen und Sigmaringen, da­zu Au­ßen­stel­len in Tü­bin­gen und Gi­en­gen mit ins­ge­samt 8000 Plät­zen statt heu­te 34 000 in zehn Erst­auf­nah­me­stel­len. Sigmaringen soll­te 1250 Plät­ze bie­ten.

Das kam in der Stadt nicht gut an: Zehn Pro­zent Asyl­be­wer­ber bei 12 500 Ein­woh­nern im Kern­ort sei­en zu viel. Höchs­tens 500 Per­so­nen ge­hen, sag­te der Ge­mein­de­rat. Er for­der­te auch die Schlie­ßung der LEA zum 31. Ju­li 2020, die Be­le­gung mit Per­so­nen mit „ho­her Blei­be­per­spek­ti­ve“und ei­nen ei­ge­nen Po­li­zei­pos­ten.

Ka­ta­log mit For­de­run­gen

Ei­ne Re­ak­ti­on auf Pro­ble­me in der Ver­gan­gen­heit. Zweit­wei­se war die Po­li­zei mas­siv be­schäf­tigt mit De­lik­ten wie Dieb­stäh­le, Kör­per­ver­let­zun­gen, Dro­gen. Die Haupt­tä­ter ka­men aus ei­ner Grup­pe von 40 bis 50 Ma­rok­ka­nern. Lei­den muss­ten dar­un­ter auch an­de­re Flücht­lin­ge, weil vie­le Sig­ma­rin­ger auf die LEA schimpf­ten. Heu­te sei die La­ge im Ver­gleich ein­deu­tig ru­hi­ger, sag­te ein Po­li­zei­spre­cher.

556 Asyl­be­wer­ber le­ben der­zeit in der LEA. Zum Hö­he­punkt des Flücht­lings­zu­stroms wa­ren es viel mehr: 2400 im De­zem­ber 2015. Fast 98 000 Men­schen such­ten 2015 Asyl im Süd­wes­ten. Im ers­ten Halb­jahr 2017 wa­ren es nur noch 8700.

Stimmt der Ge­mein­de­rat wie er­war­tet zu, kann das In­nen­mi­nis­te­ri­um wei­ter am Stand­ort­kon­zept ar­bei­ten. Falls die Flücht­lings­zah­len wei­ter zu­rück­ge­hen, sol­len Sigmaringen und Ell­wan­gen als ers­te LEA de­ak­ti­viert und bei wie­der stei­gen­den Flücht­lings­zah­len als letz­te wie­der ak­ti­viert wer­den. 2022 soll die Ver­ein­ba­rung dann neu ver­han­delt wer­den.

Zeit­punkt noch. Sie war je­doch schwer ver­letzt und starb noch in der Nacht im Kran­ken­haus an den Schuss­ver­let­zun­gen. Da nicht klar war, ob der Tä­ter noch vor Ort war, durch­such­ten spe­zi­ell aus­ge­rüs­te­te und ge­schütz­te Be­am­te die Woh­nung. Der Tä­ter war be­reits ge­flüch­tet. Die Mut­ter des ge­tö­te­ten Jun­gen hat­te sich nach drau­ßen ret­ten kön­nen, auch ein klei­nes Mäd­chen über­leb­te.

Der Tä­ter sei über den Gar­ten und die Ter­ras­se zum Haus ge­langt. Dann ha­be er wahr­schein­lich un­ver­mit­telt das Feu­er er­öff­net. „Die Per­so­nen dürf­ten kei­ne Chan­ce ge­habt ha­ben, zu ent­kom­men“, sag­te Rolf St­raub, Lei­ter der Son­der­kom­mis­si­on bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz ges­tern Nach­mit­tag. Der Tä­ter soll mit ei­ner Lang­waf­fe ge­schos­sen ha­ben, die ver­mut­lich aus dem Ar­mee-Be­stand des frü­he­ren Ju­go­sla­wi­en stammt. Wie vie­le Schüs­se fie­len, sei noch nicht klar. We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter hät­ten An­woh­ner aus dem na­he­ge­le­ge­nen Wald er­neut Schüs­se ge­hört. Ob die­se mit der Tat zu­sam­men­hin­gen, sei un­klar.

Po­li­zei­lich be­kannt

„Wir müs­sen da­von aus­ge­hen, dass der Tat­ver­däch­ti­ge die Waf­fe mit sich führt“, sag­te St­raub und ver­si­cher­te, die Po­li­zei wer­de al­les tun, um die Be­völ­ke­rung zu schüt­zen. Der 40-jäh­ri­ge Ver­däch­ti­ge sei po­li­zei­lich be­kannt we­gen Kör­per­ver­let­zungs- und Be­dro­hungs­de­lik­ten. Er ist der Va­ter des ge­tö­te­ten Kin­des und frü­he­rer Ehe­mann der 39-jäh­ri­gen Mut­ter. Der ge­tö­te­te 34-jäh­ri­ge Mann war der neue Le­bens­ge­fähr­te der Frau, das 24-jäh­ri­ge Op­fer war des­sen Cou­si­ne. Sie hat­ten zu­sam­men die Ein­schu­lung des Jun­gen ge­fei­ert. Die Po­li­zei geht von ei­ner Be­zie­hungs­tat aus. Die Mut­ter sei in fach­ärzt­li­cher Be­hand­lung und ge­sund­heit­lich sta­bil. Auch das drei­jäh­ri­ge Mäd­chen, das sich wäh­rend der Tat in der Woh­nung ver­steckt hat­te, sei wohl­auf.

Die Po­li­zei ha­be in Rott­weil ei­ne Son­der­kom­mis­si­on „Hoch­wald“ein­ge­rich­tet, mög­li­che Auf­ent­halts­or­te des Ver­däch­ti­gen über­prüft und „un­zäh­li­ge Ob­jek­te“un­ter­sucht, wie St­raub sag­te. Zu­nächst er­folg­los: Bis zum gest­ri­gen Abend war der Ver­däch­ti­ge wei­ter­hin auf frei­em Fuß. „Wir sind schon sehr weit, aber zau­bern kön­nen wir auch nicht“, sag­te St­raub. In Villingendorf und Um­ge­bung war die Po­li­zei ges­tern mit 250 Kräf­ten un­ter­wegs. „Auf­grund der Di­men­si­on der Tat“sei der Fall sei zu ei­nem Groß­ein­satz ge­wor­den. Es sei­en Spezialeinheiten im Ein­satz. Au­ßer­dem sei­en die Nach­bar­b­un­des­län­der, ins­be­son­de­re Bay­ern, mit ein­ge­bun­den und die Kol­le­gen in Ös­ter­reich, Frank­reich, der Schweiz so­wie in Slo­we­ni­en, der Slo­wa­kei und in Kroa­ti­en ver­stän­digt, um die Gren­zen ver­stärkt zu über­prü­fen. Be­reits in der Nacht auf Frei­tag hat­te die Po­li­zei Ver­kehrs­kon­trol­len durch­ge­führt, um den Tä­ter auf sei­nem mög­li­chen Weg Rich­tung Kroa­ti­en ab­zu­fan­gen. Das mut­maß­li­che Flucht­fahr­zeug, ein grü­ner Seat Ibi­za mit Kon­stan­zer Kenn­zei­chen, fan­den die Be­am­ten im Nach­bar­ort Her­ren­zim­mern.

In der Grund- und Werk­re­al­schu­le in Villingendorf ist der Un­ter­richt aus. Es ist Frei­tag­mit­tag. Auf­fal­lend vie­le El­tern war­ten auf dem Schul­hof auf ih­re Kin­der. „Mei­ne bei­den Töch­ter ge­hen nor­ma­ler­wei­se al­lein nach Hau­se“, sagt ei­ne Mut­ter, „aber heu­te woll­te ich sie lie­ber ab­ho­len. An­sons­ten kann man im Mo­ment nur be­ten, dass nicht noch et­was pas­siert.“Am Mor­gen, als die Kin­der das Haus ver­lie­ßen, ha­be sie noch nichts von der Tat ge­wusst. „Die Leu­te sind ver­un­si­chert“, sagt die Ver­käu­fe­rin in ei­nem klei­nen Ge­schäft an der Haupt­stra­ße. Mor­gens ha­be ihr ei­ne Kol­le­gin be­rich­tet, dass vie­le Po­li­zis­ten oben in der Stra­ße sei­en. Sie ha­be die Fa­mi­lie ge­kannt. Wie wohl al­le Men­schen in dem 3300-Ein­woh­ner-Ort ist auch sie er­schüt­tert: „Dass ein Mensch auf sein ei­ge­nes Kind schießt, das kann man doch nicht ver­ste­hen, oder?“

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