„Er­folg völ­lig of­fen“

Hohenloher Tagblatt - - POLITIK - Von Ste­fan Ke­gel

Li­be­ra­len-Chef Chris­ti­an Lind­ner sieht vie­le Hin­der­nis­se für ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on. Vor al­lem die un­ter­schied­li­chen Vor­stel­lun­gen in der Flücht­lings­po­li­tik könn­ten die Ge­sprä­che brem­sen.

Wenn am Mitt­woch die Son­die­run­gen für ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on be­gin­nen, dann ist ein Er­folg noch nicht aus­ge­macht. Das er­klärt Chris­ti­an Lind­ner, FDP-Par­tei- und Frak­ti­ons­chef.

57 Pro­zent der Deut­schen sind für ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on, bei den FDP-Wäh­lern 81 Pro­zent. Wor­aus speist sich die­se Be­geis­te­rung? Chris­ti­an Lind­ner:

Aus abs­trak­ter Be­richt­er­stat­tung. Die Par­tei­en, die dort ver­han­deln, ha­ben je­weils ei­nen ei­ge­nen Wäh­ler­auf­trag. Die­se vier Wäh­ler­auf­trä­ge sind zum Teil wi­der­sprüch­lich. Die gro­ße Fra­ge ist, ob man dar­aus ei­ne ge­mein­sa­me Platt­form für vier Jah­re ma­chen kann. Ich ge­be kei­ne Ga­ran­tie ab, dass das ge­lingt. Ich hal­te das zur­zeit noch für völ­lig of­fen.

Wo sit­zen die Schmerz­punk­te der Li­be­ra­len?

Die FDP hat zehn Trend­wen­den be­schlos­sen, die als Zie­le ernst ge­meint sind. Wir wol­len zum Bei­spiel mehr tun für Bil­dung, wir wol­len die Di­gi­ta­li­sie­rung be­schleu­ni­gen, ei­ne ge­ord­ne­te, ge­re­gel­te Ein­wan­de­rungs­stra­te­gie schaf­fen, wir wol­len den Ge­dan­ken der Ei­gen­ver­ant­wor­tung und der Haf­tung stär­ken und die Bür­ger stär­ker ent­las­ten statt be­las­ten. Über die We­ge kann man mit­un­ter ver­han­deln, aber die Zie­le kann man nicht ge­gen­ein­an­der aus­spie­len.

CDU und CSU ha­ben ei­nen Kom­pro­miss zur Ein­wan­de­rung ge­fun­den. Ha­ben Sie noch Be­ra­tungs­be­darf?

Es stimmt, die Uni­on hat ei­ni­ge un­se­rer lang­jäh­rig er­ho­be­nen Vor­schlä­ge auf­ge­nom­men. Das be­grü­ße ich, ins­be­son­de­re die Be­reit­schaft von Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel, sich in die­ser Fra­ge zu be­we­gen. Den­noch ist das Kon­zept noch nicht hin­rei­chend kon­se­quent. Mir fehlt die kla­re zeit­li­che Be­schrän­kung des Auf­ent­halts für Kriegs­flücht­lin­ge in Deutsch­land. Für uns sind dies so­wie die Aus­wei­sung von il­le­ga­len Ein­wan­dern und ei­ne for­dern­de In­te­gra­ti­ons­po­li­tik grund­le­gen­de Ele­men­te. So wol­len wir et­wa für Kriegs­flücht­lin­ge ei­nen ei­ge­nen Rechts­sta­tus schaf­fen, da­mit sie nicht al­le das Asyl­ver­fah­ren durch­lau­fen müs­sen. Au­ßer­dem fehlt die of­fen­si­ve Ein­la­dung für Fach­kräf­te, un­bü­ro­kra­tisch in un­se­rem Land ei­nen Ar­beits­platz zu über­neh­men.

Be­son­ders das Rück­kehr­ge­bot für Flücht­lin­ge dürf­te für die Grü­nen schwer zu schlu­cken sein.

Bei Flücht­lin­gen ist das Ziel nicht die In­te­gra­ti­on in Deutsch­land, son­dern nach dem En­de des Krie­ges die Rück­kehr in die al­te Hei­mat, um die­se wie­der auf­zu­bau­en. Das sind na­tür­lich Zu­mu­tun­gen für die Grü­nen, das weiß ich. Aber ich hal­te das für er­for­der­lich, da­mit die gro­ße Mehr­heit der Deut­schen das Ver­trau­en in den Rechts­staat zu­rück­ge­winnt.

Die FDP will ei­ne Fle­xi­bi­li­sie­rung des Ar­beits­mark­tes. Die IG Me­tall for­dert nun ei­ne 28-St­un­den-Wo­che. Was hal­ten Sie da­von?

In Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zung mi­sche ich mich prin­zi­pi­ell nicht ein. Ich kann nur abs­trakt da­vor war­nen zu glau­ben, dass die deut­sche Wirt­schaft un­ver­wund­bar sei, weil wir so gu­te Be­schäf­ti­gungs­zah­len ha­ben. Wir er­le­ben fun­da­men­ta­le Än­de­run­gen durch den de­mo­gra­fi­schen Wan­del und durch die Di­gi­ta­li­sie­rung. Maß und Mit­te zu be­hal­ten in al­len Fra­gen scheint mir die bes­te Ga­ran­tie da­für zu sein, dass wir un­se­re wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­tät bis ins nächs­te Jahr­zehnt wei­ter­tra­gen kön­nen.

Wolf­gang Schäu­b­le ist mit sei­nem Man­tra der schwar­zen Null bald nicht mehr Fi­nanz­mi­nis­ter. Ist die Zeit güns­tig für Ko­ali­ti­ons­wün­sche?

Die schwar­ze Null ist kein Schäu­b­le-Man­tra, son­dern es war ein Ziel, das noch in der da­ma­li­gen Ko­ali­ti­on aus CDU, CSU und FDP vor­ge­ge­ben wor­den ist. Die FDP war die ers­te Par­tei mit ei­ner Schul­den­brem­se in ei­nem Wahl­pro­gramm, lan­ge be­vor sie im Grund­ge­setz ver­an­kert wur­de. Des­halb wird es mit der FDP kei­ne Haus­halts­po­li­tik ge­ben kön­nen, die die schwar­ze Null in­fra­ge stellt. Das wä­re auch ein fa­ta­les Si­gnal für un­se­re eu­ro­päi­schen Part­ner hin­sicht­lich ih­rer fi­nan­zi­el­len So­li­di­tät. Das Geld, das jetzt zu­sätz­lich dem Staat zur Ver­fü­gung steht, soll­te nicht ver­schos­sen wer­den wie beim Ern­te­dank­fest. Son­dern wir soll­ten es nut­zen, um die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger bei den Steu­ern und So­zi­al­ab­ga­ben zu ent­las­ten. Denn de­ren fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on hat sich nicht so po­si­tiv ent­wi­ckelt wie die­je­ni­ge des Staa­tes. Und zum zwei­ten müs­sen wir aus den zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln In­ves­ti­tio­nen in Bil­dung, di­gi­ta­le In­fra­struk­tur und ei­ne mo­der­ne staat­li­che Ver­wal­tung stär­ken.

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Fo­to: dpa

Der FDP-Vor­sit­zen­de Chris­ti­an Lind­ner sieht den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen mit den Uni­ons­par­tei­en und den Grü­nen mit Span­nung ent­ge­gen. Für ihn sind die Ge­sprä­che kein Selbst­läu­fer.

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