Sta­bi­le Zweck­ehe

Hohenloher Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Ul­rich Be­cker

Ge­schafft! 171 Ta­ge nach der Bun­des­tags­wahl am 24. Sep­tem­ber en­det das In­ter­re­gnum der ge­schäfts­füh­ren­den Bun­des­kanz­le­rin und ih­res Ka­bi­netts. Soll­te es in­ner­halb der SPD-Frak­ti­on kei­nen blitz­ar­ti­gen Sin­nes­wan­del mehr ge­ben, wer­den An­ge­la Mer­kel und ih­re Mi­nis­ter heu­te den Amts­eid ab­le­gen.

Als Me­ne­te­kel und Ab­ge­sang auf die De­mo­kra­tie ha­ben Ex­per­ten die­se Re­kord­dau­er ei­ner Re­gie­rungs­bil­dung in Deutsch­land be­zeich­net. Sie sei Zei­chen für ei­ne ero­die­ren­de De­mo­kra­tie und den Nie­der­gang un­se­res deut­schen Par­tei­en­sys­tems.

Ist das tat­säch­lich so? Oder ist der heu­ti­ge Tag nicht viel mehr ein An­lass, die­se De­mo­kra­tie zu wür­di­gen und der Bun­des­re­pu­blik zu at­tes­tie­ren, dass sie nun end­gül­tig, 69 Jah­re nach ih­rer Grün­dung, ei­ne ge­fes­tig­te De­mo­kra­tie ist?

Si­cher, der Weg zu den Un­ter­schrif­ten un­ter den Ko­ali­ti­ons­ver­trag zwi­schen Uni­on und SPD hat die Ner­ven der Be­ob­ach­ter auf die Pro­be ge­stellt. Dar­an hat­ten al­le Par­tei­en ih­ren An­teil. Das En­de der Ja­mai­ka-Ver­hand­lun­gen, der ge­plan­te Show­down des FDP-Chefs Chris­ti­an Lind­ner war eben­so un­nö­tig wie das Ge­eie­re der So­zi­al­de­mo­kra­ten. Erst nein, dann ja, dann bit­te­schön mit neu­em Per­so­nal: Ver­trau­en in die Hand­lungs­fä­hig­keit in ein Par­tei­en­sys­tem ent­steht so nicht. Zu­mal, wenn über dem gan­zen Cha­os ei­ne Kanz­le­rin thront, die den Pro­zess nur schwach mo­de­riert und in kei­ner Wei­se ge­führt hat.

Und den­noch: Auch wenn der Weg zum Er­geb­nis holp­rig war, be­weist die pu­re Exis­tenz die­ser Re­gie­rung – auf der Grund­la­ge des vor­zeig­ba­ren, 177 Sei­ten star­ken Ko­ali­ti­ons­ver­tra­ges – dass die De­mo­kra­tie in Deutsch­land hand­lungs­fä­hig ist. Wir sind weit ent­fernt von ita­lie­ni­schen Ver­hält­nis­sen, Ver­glei­che gar mit den letz­ten Ta­gen der Wei­ma­rer Re­pu­blik sind ab­strus und his­to­ri­scher Un­sinn.

Ent­schei­dend ist nun, ob der Ei­ni­gung Hand­lungs­fä­hig­keit folgt. Und dar­in liegt die Crux des Bünd­nis­ses, das, so Olaf Scholz, von Be­ginn an „kei­ne Lie­bes­hei­rat“ge­we­sen sei. Al­le drei Part­ner sind in Er­neue­rungs­pro­zes­se und Macht­kämp­fe ver­strickt, die die Um­set­zung des Ko­ali­ti­ons­ver­tra­ges schwie­rig ma­chen. In der CDU

Die SPD muss be­wei­sen, dass sie un­ter Mut­tis wei­tem Man­tel nicht wei­ter an Pro­fil ver­liert.

bro­delt längst die Fra­ge, wer An­ge­la Mer­kel nach­folgt, in der CSU treibt die im Herbst an­ste­hen­de Land­tags­wahl die Par­tei nach rechts Rich­tung AfD und ver­brei­tert den Gr­a­ben zur SPD noch. Und die SPD schließ­lich muss be­wei­sen, dass sie un­ter Mut­tis wei­tem Man­tel nicht wei­ter an Pro­fil ver­liert – an­de­ren­falls droht die Par­tei zwi­schen GroKo-Be­für­wor­tern und ih­ren Kri­ti­kern zu zer­bre­chen.

Kei­ne leich­te Aus­gangs­la­ge für die kom­men­den drei­ein­halb Jah­re. Aber nicht kom­pli­zier­ter als die Kon­stel­la­tio­nen, un­ter de­nen an­de­re De­mo­kra­ti­en seit Jahr­zehn­ten ar­bei­ten und funk­tio­nie­ren. Der Kampf um Kom­pro­mis­se und Mehr­hei­ten ist das kon­sti­tu­ie­ren­de We­sen un­se­res po­li­ti­schen Sys­tems. Wer es ein­fa­cher mag, kann sich die­ser Ta­ge ger­ne in Chi­na in­for­mie­ren. Dort sind dem Prä­si­den­ten al­le Mehr­hei­ten si­cher – ge­nau­so wie die Ho­heit über das, was das Volk zu den­ken hat. Dann lie­ber doch ei­ne schwarz-ro­te Zweck­ehe.

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