Jetzt geht’s ans Werk

Die Äm­ter sind ver­teilt, nun müs­sen sich die Ko­ali­tio­nä­re der Sach­ar­beit zu­wen­den. Es war­ten heik­le The­men auf sie.

Hohenloher Tagblatt - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Von un­se­ren Haupt­stadt-Kor­re­spon­den­ten

Es wird ja auch lang­sam Zeit: Nach ei­nem hal­ben Jahr be­kommt Deutsch­land heu­te wie­der ei­ne or­dent­li­che Re­gie­rung. Sie steht vor et­li­chen drän­gen­den Auf­ga­ben. Un­se­re Haupt­stadt-Re­dak­teu­re ha­ben acht Schwer­punk­te für die neue Gro­ße Ko­ali­ti­on zu­sam­men­ge­tra­gen.

Haus­halt

Die drin­gends­te Auf­ga­be ist der Bun­des­haus­halt. Noch nie, auch nicht nach Bun­des­tags­wah­len, wur­de der Etat so spät ver­ab­schie­det. Soll es bis zur Som­mer­pau­se ge­lin­gen, müs­sen Mi­nis­te­ri­um und Par­la­ment nun kräf­tig Gas ge­ben. Im Ju­li könn­te der Haus­halt durch Bun­des­tag und Bun­des­rat ge­hen. Ihn auf­zu­stel­len, ist rasch er­le­digt: Schon das al­te Ka­bi­nett hat­te ei­nen Ent­wurf be­schlos­sen – samt sämt­li­chen Ge­set­zes­än­de­run­gen, die bis da­hin fest­stan­den. Sehr vie­le zu­sätz­li­che Ge­set­ze dürf­te die neue Ko­ali­ti­on kaum rea­li­sie­ren kön­nen. Das macht es auch leicht, die Schwar­ze Null zu hal­ten. dik

Eu­ro­pa

Schon kom­men­de Wo­che will Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel nach Pa­ris flie­gen. Der zü­gi­ge An­tritts­be­such beim Nach­barn ist Tra­di­ti­on, aber dies­mal drängt es wirk­lich. Vie­le wich­ti­ge Re­form­pro­jek­te Eu­ro­pas, die Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron ge­mein­sam mit Deutsch­land vor­an­trei­ben will, sind seit der Wahl lie­gen ge­blie­ben: die wei­te­re Gestal­tung der Eu­ro­zo­ne zum Bei­spiel, die Voll­en­dung der Ban­ken­uni­on und der ge­plan­te Aus­bau des Eu­ro-Ret­tungs­fonds ESM zu ei­nem Eu­ro­päi­schen Wäh­rungs­fonds. Auch Fra­gen wie die Flücht­lings­steue­rung in der EU oder die ge­mein­sa­me Ver­tei­di­gungs­po­li­tik har­ren ei­ner Lö­sung. Nicht „je­de Fa­cet­te der Eu­ro­zo­ne der nächs­ten 20 Jah­re sei schon aus­buch­sta­biert“, sag­te Mer­kel. Im Ko­ali­ti­ons­ver­trag steht das Ka­pi­tel Eu­ro­pa ganz vorn. kg

Flücht­lin­ge

Der Früh­ling naht, und mit stei­gen­den Tem­pe­ra­tu­ren wer­den auch wie­der mehr Men­schen die Flucht übers Mit­tel­meer wa­gen. In die­sem Jahr ha­ben schon fast 12 000 Flüch­ten­de die­sen ge­fähr­li­chen Weg ge­wählt. Hin­zu kommt: Die Bal­kan­rou­te ist nach An­ga­ben des Bun­des­nach­rich­ten­diensts noch längst nicht so dicht, wie Po­li­ti­ker sich das er­hofftt hat­ten. An­ge­la Mer­kel hat an­ge­kün­digt, mit den EU-Part­nern nach Lö­sun­gen zu su­chen. Auch der neue Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer soll sich um das The­ma küm­mern. Er hat be­reits ei­nen „Mas­ter­plan“für schär­fe­re Asyl­ver­fah­ren und schnel­le­re Ab­schie­bun­gen an­ge­kün­digt. Ob sich das al­les mit dem Part­ner SPD so leicht um­set­zen lässt, ist aber nach wie vor frag­lich. mpu

Kli­ma und Um­welt

Wenn Grü­nen-Che­fin An­na­le­na Ba­er­bock auf den Ko­ali­ti­ons­ver­trag schaut, sieht sie vor al­lem „gro­ße Lü­cken“. Was die Um­welt­und Kli­ma­schutz­po­li­tik an­ge­he, sei der Ver­trag „ein Rück­schritt“im Ver­gleich zur letz­ten GroKo. Da­bei ist der Hand­lungs­be­darf in­zwi­schen rie­sig: Deutsch­land bleibt deut­lich hin­ter den selbst ge­steck­ten Kli­ma­zie­len zu­rück, das Jahr­hun­dert­pro­jekt Ener­gie­wen­de hakt. Die Städ­te lei­den un­ter schmut­zi­gen Die­seln. Im Ver­trag ver­spre­chen die Ko­ali­tio­nä­re „wirk­sa­me Maß­nah­men“– zur Luf­t­rein­hal­tung, zum Um­welt­und Kli­ma­schutz. Wel­che, las­sen die Ko­ali­tio­nä­re weit­ge­hend of­fen. Auch das Da­tum für das Er­rei­chen der Pa­ri­ser Kli­ma­schutz­zie­le ist sehr va­ge. Ob Um­welt­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze die Her­aus­for­de­run­gen zei­tig an­packt, ist frag­lich. Glaubt man dem Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Ge­ro Neu­ge­bauer, sitzt jetzt ei­ne SPD-Po­li­ti­ke­rin an der Spit­ze des Um­welt­mi­nis­te­ri­ums, „die noch meint, auf Koh­le set­zen zu müs­sen“. tock

Zu­sam­men­halt

Das star­ke Ab­schnei­den der AfD bei der Bun­des­tags­wahl und die Schmel­ze der Volks­par­tei­en ha­ben die Ko­ali­ti­ons­part­ner auf­ge­schreckt. Ih­re Dia­gno­se: Ein Teil der Be­völ­ke­rung fühlt sich nicht aus­rei­chend ver­tre­ten, das Ver­trau­en sinkt. Das Ge­gen­mit­tel soll ein Hei­mat­mi­nis­te­ri­um sein. Mi­nis­ter See­ho­fer ver­spricht ei­ne „Hei­mat­stra­te­gie, um den Halt und die Ge­bor­gen­heit zu ge­währ­leis­ten, die die Leu­te su­chen“. Doch für kon­kre­te Maß­nah­men sind al­le ge­fragt: Bun­des­agrar­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner, die sich um den länd­li­chen Raum küm­mert, eben­so Bil­dungs­mi­nis­te­rin An­ja Kar­lic­zek und Jus­tiz­mi­nis­te­rin Ka­ta­ri­na Bar­ley. Dass das Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um von Fran­zis­ka Gif­fey ge­führt wird, ist ein dop­pel­tes Zei­chen: Mit ihr nimmt nun ei­ne Mi­nis­te­rin aus dem Os­ten am Ka­bi­netts­tisch Platz und zu­gleich auch ei­ne Frau, die sich als Ex-Bür­ger­meis­te­rin von Neu­kölln mit so­zia­len Pro­ble­men aus­kennt. mpu

Di­gi­ta­les

Über Di­gi­ta­li­sie­rung wird in der Re­gie­rung auf bay­risch ge­spro­chen: Wäh­rend Do­ro­thee Bär als Staats­mi­nis­ter­i­nim Kanz­ler­amt oh­ne Be­fug­nis­se, aber mit sehr viel Fan­ta­sie di­gi­ta­le Im­pul­se set­zen soll, muss Kol­le­ge Andre­as Scheu­er als Mi­nis­ter für In­fra­struk­tur den über­fäl­li­gen Aus­bau der Breit­band­ver­sor­gung vor­an­trei­ben. Al­le sei­ne Vor­gän­ger sind mit die­sem Un­ter­fan­gen ge­schei­tert. Ge­nau­so wie mit al­len Ver­su­chen, die deut­sche Ver­wal­tung zu di­gi­ta­li­sie­ren. Nun ver­ant­wor­tet In­nen­mi­nis­ter See­ho­fer die­se Auf­ga­be. Die gro­ße Fra­ge ist aber, wel­che Per­spek­ti­ve je­ne Men­schen er­hal­ten wer­den, de­ren Ar­beits­platz durch Ro­bo­ter und Al­go­rith­men er­setzt wird. SPD und Uni­on wol­len ein „Recht auf Wei­ter­bil­dungs­be­ra­tung“. Dass aber aus ei­ner Kas­sie­re­rin kei­ne Pro­gram­mie­re­rin mehr wird, ist wohl auch Ar­beits­mi­nis­ter Hu­ber­tus Heil (SPD) klar. Wie al­so macht man die Men­schen fit fürs di­gi­ta­le Zeit­al­ter? Ei­ne über­zeu­gen­de Ant­wort steht noch aus. igs

Ar­beits­markt

Die deut­sche Wirt­schaft brummt – aber bleibt das auch so? Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz weiß um die Ge­fahr ei­nes Kon­junk­tur­ab­schwungs. Er will ihn mil­dern, in­dem er die Bin­nen­nach­fra­ge an­kur­belt – mit Ar­beits­markt­po­li­tik. Uni­on und SPD wol­len bis zu 150 000 Lang­zeit­ar­beits­lo­se in Lohn und Brot brin­gen, in­dem sie Ar­beits­plät­ze be­zu­schus­sen und ei­nen so­zia­len Ar­beits­markt schaf­fen. Noch 2018 soll das nö­ti­ge Geld da­für be­reit­ge­stellt wer­den. dik/ mpu

Pfle­ge

In Deutsch­land herrscht Pfle­ge­not­stand. 60 000 Stel­len feh­len in den Pfle­ge­ein­rich­tun­gen, sagt Dia­ko­nie-Prä­si­dent Ul­rich Li­lie. Die Gro­ße Ko­ali­ti­on geht das Pro­blem an, in­dem sie erst ein­mal 8000 Stel­len schafft – als So­fort­maß­nah­me. Spä­ter will die künf­ti­ge Re­gie­rung die Ar­beits­be­din­gun­gen so at­trak­tiv ma­chen, dass aus­rei­chend Men­schen den Pfle­ge­be­ruf er­grei­fen. Ei­ne „kon­zer­tier­te Ak­ti­on Pfle­ge“ist an­ge­kün­digt. Da­zu ge­hö­ren An­rei­ze für ei­ne Rück­kehr von Teil­zeit- in Voll­zeit­jobs und ei­ne bes­se­re Ge­sund­heits­vor­sor­ge für die Mit­ar­bei­ter die­ser Bran­che. Auch die Be­zah­lung soll „so­fort und spür­bar“ver­bes­sert wer­den. Wie das aus­se­hen soll, ist noch of­fen. Zu­min­dest nen­nen die Ko­ali­ti­ons­part­ner bis­lang noch kei­ne De­tail da­zu. koe

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