Die fi­na­le Amts­zeit

Neu er­fin­den wird sich die Kanz­le­rin in ih­rer drit­ten Gro­ßen Ko­ali­ti­on nicht. Mit den Nach­bes­se­run­gen an ih­rem Auf­tre­ten, an ih­rer Par­tei, wo­mög­lich so­gar an ih­rer Po­li­tik hat sie hin­ge­gen be­reits be­gon­nen. Mehr Kon­tro­ver­se wa­gen, das könn­te die Über­schri

Hohenloher Tagblatt - - HINTERGRUND - Von El­len Ha­sen­kamp

Wel­che Ket­te sie wohl tra­gen wird? Dun­k­les Ja­cket je­den­falls, so hat sie es zu­min­dest bis­her ge­hand­habt. Die bun­ten Far­ben sind eher für den po­li­ti­schen All­tag. Die­ser Mitt­woch aber wird auch für An­ge­la Mer­kel al­les an­de­re als all­täg­lich. Die Pfar­rers­toch­ter aus der Ucker­mark steht vor ih­rer vier­ten Amts­zeit als Bun­des­kanz­le­rin. In zwei Jah­ren hät­te sie Kon­rad Ade­nau­er ein­ge­holt, in vier so­gar Re­kord­kanz­ler Hel­mut Kohl.

Es klingt nach wei­ter, im­mer wei­ter. Doch Mer­kels Vier­te ist kei­ne Fort­set­zungs­ge­schich­te, sie muss ein Neu­an­fang wer­den. Das Land ist ein an­de­res ge­wor­den, seit die Kanz­le­rin das letz­te Mal die Hand zum Schwur auf die Bi­bel ge­legt hat: Die Flücht­lings­kri­se er­schüt­ter­te die Re­pu­blik, die AfD zog in den Bun­des­tag ein, die SPD – die als Part­ner die Ko­ali­ti­on und als Volks­par­tei das Land sta­bi­li­sie­ren soll – blickt in den Ab­grund. Und: Erst­mals ist das En­de der Ära Mer­kel am Ho­ri­zont er­kenn­bar.

Neu er­fin­den wird sich die Kanz­le­rin nicht, da­zu ist sie nicht der Typ. Aber sich, ih­re Par­tei und wo­mög­lich auch ih­re Po­li­tik neu jus­tie­ren wird sie. Sie hat be­reits da­mit be­gon­nen: Mehr aus­pro­bie­ren, mehr Kon­tro­ver­se wa­gen, das könn­te über der neu­en Amts­zeit ste­hen.

Spät­som­mer 2017, noch 18 Ta­ge bis zur Bun­des­tags­wahl. Mer­kel steht auf ei­ner Wahl­kampf­büh­ne in­mit­ten ei­nes hüb­schen Markt­plat­zes und be­müht sich um ein Lä­cheln. Sie hebt die Hän­de – und lässt sie gleich wie­der sin­ken. Was be­schwö­rend an­fängt, en­det re­si­gniert. Mehr wie ein Ach­sel­zu­cken. Die Kanz­le­rin wirkt hilf­los.

Über Mer­kel und die säch­si­sche Kreis­stadt Tor­gau fegt ein dop­pel­ter Sturm hin­weg. Es schüt­tet, der Him­mel ist schwarz, ei­ne Böe reißt ei­nen Laut­spre­cher­turm um. Doch das Ge­wit­ter ist noch gar nichts im Ver­gleich zu dem Ge­brüll: „Hau ab“, „Volks­ver­rä­ter“. Ein Mann hat sich gleich zwei Tril­ler­pfei­fen in den Mund ge­steckt, sei­ne Hän­de be­die­nen ei­ne oh­ren­be­täu­ben­de Trö­te. Nur mit Hil­fe der auf An­schlag ge­dreh­ten Ton­tech­nik dringt Mer­kels Stim­me zu de­nen durch, die ihr auf den Bier­bän­ken zu­sam­men­ge­kau­ert zu­hö­ren wol­len.

Pro­test­pla­ka­te und Buh-Ru­fe hat Mer­kel auch bei frü­he­ren Wahl­kämp­fen er­lebt. Aber die­ser Hass – auch wenn er teil­wei­se in­sze­niert wird – ist neu. Mer­kel hat dar­auf kei­ne Ant­wort. Ei­ne hal­be St­un­de lang re­det sie an den Schrei­häl­sen vor­bei. Spricht über Fach­kräf­te­man­gel, Eu­ro­pa, Steu­ern. Zu Mer­kels Er­folg ge­hör­te im­mer, dass sie we­der Be­geis­te­rung noch Wut weck­te. Nun po­la­ri­siert die Meis­te­rin der Mo­de­ra­ti­on.

Über Jah­re hat­te Mer­kel zwei Grund­be­dürf­nis­se vie­ler Men­schen er­füllt: In Ru­he ge­las­sen zu wer­den und sich be­schützt zu füh­len. In der Flücht­lings­kri­se for­der­te sie ihr Land plötz­lich. Man­che hat das über­for­dert. Hin­zu kam die Ve­r­un­si­che­rung durch Glo­ba­li­sie­rung und Di­gi­ta­li­sie­rung. Mer­kels Schutz­ver­spre­chen schien ge­bro­chen.

Es zu er­neu­ern, ist ei­ne der gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen in Mer­kels vier­ter Amts­zeit. Nicht im Sin­ne ei­nes Zu­rück: An Mau­ern glaubt die Kanz­le­rin nicht. Aber sie will ei­ne Ant­wort fin­den auf Ve­r­un­si­che­rung und Wut. „Ord­nen, steu­ern, be­gren­zen“, auf die­se For­de­run­gen der CSU in der Flücht­lings­po­li­tik hat sie sich längst ein­ge­las­sen. Und sie will das „Wohl­stands­ver­spre­chen“er­neu­en, wie sie es nennt. Den Men­schen die

Angst um den Ar­beits­platz und vor der Zu­kunft neh­men. Doch zu­nächst muss die Kanz­le­rin um ih­re ei­ge­ne Zu­kunft kämp­fen.

Im Spät­herbst 2017 steht Mer­kel im Foy­er der Lan­des­ver­tre­tung Ba­den-Würt­tem­berg. Ge­ra­de sind Chris­ti­an Lind­ner und die FDP hin­aus in die nass­kal­te Ber­li­ner Nacht ge­stürmt. Weg vom Ver­hand­lungs­tisch, weg von Ja­mai­ka, weg von ihr. Spit­zen­po­li­ti­ker von CDU, CSU und auch von den Grü­nen scha­ren sich um die Kanz­le­rin. Ver­las­sen wirkt sie den­noch. Als CSU-Chef Horst See­ho­fer ih­re Ver­hand­lungs­leis­tung rühmt, wehrt sie den Ap­plaus ab.

Was als Aufbruch be­gann, als mög­li­cher Neu­an­fang auch für Mer­kel, ist ge­schei­tert. Sie sei ge­schla­gen wor­den in ih­rer bes­ten Dis­zi­plin, dem Ver­han­deln, heißt es. Mer­kel sei er­schöpft. Nichts scheint mehr selbst­ver­ständ­lich. Auch nicht Mer­kels Kanz­ler­schaft. Oh­ne­hin hat­te sie dies­mal lan­ge ge­zö­gert, ehe sie sich zur vier­ten Kan­di­da­tur ent­schloss. „Ich ha­be sprich­wört­lich un­end­lich viel dar­über nach­ge­dacht“, sag­te sie bei der Be­kannt­ga­be im Herbst 2016.

„Na­tür­lich wird Mer­kel ge­trie­ben von Macht­stre­ben. Aber hat sie gro­ße Zie­le? Ei­gent­lich wis­sen wir im­mer noch nicht, was sie wirk­lich will“, sagt Ju­dy Demp­sey von der Car­ne­gie Stif­tung. Die Irin hat vor ei­ni­gen Jah­ren ein Buch über Mer­kel ge­schrie­ben. Sie glaubt, dass Mer­kel sich trotz al­ler in­nen­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen doch wie­der auf die Au­ßen­po­li­tik stür­zen wird. Zu tun gibt es ge­nug: Die USA un­ter Do­nald Trump ein­bin­den, Eu­ro­pa re­for­mie­ren, Chi­na die Stirn bie­ten.

Das Aus für Ja­mai­ka zwingt die SPD, zwingt aber auch Mer­kel wie­der in ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on. Es ist ih­re drit­te. Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit zu re­gie­ren, gibt es nicht mehr. Schwarz-Rot muss ge­lin­gen, wenn sie Kanz­le­rin blei­ben will.

Auch in der CDU will man sich er­neu­ern

Die per­so­nel­len Vor­aus­set­zun­gen sind nicht die schlech­tes­ten. Mit ih­rem SPD-Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz hat sie be­reits den ins Cha­os ent­glit­te­nen G-20-Gip­fel in Ham­burg durch­ge­stan­den. Sto­isch durch­zie­hen, auch wenn es eng wird, das kön­nen bei­de. Ver­schwö­re­ri­sche Bli­cke aus­tau­schen auch. Bei der Vor­stel­lung des Ko­ali­ti­ons­ver­trags am Mon­tag in Ber­lin füh­ren sie es vor.

Mer­kels wich­tigs­te An­sprech­part­ne­rin in der Ko­ali­ti­on wird aber Andrea Nah­les sein. Der „Vul­kan aus der Ei­fel“und die nüch­ter­ne Pro­tes­tan­tin bil­den die Ach­se der neu­en Re­gie­rung. Trotz al­ler Un­ter­schied­lich­keit dürf­te das Ge­spann funk­tio­nie­ren. Nah­les gilt als durch­set­zungs­stark und ver­läss­lich, bei­des schätzt die Kanz­le­rin.

Doch die Per­so­nen sind das ei­ne. Ei­ne Un­ter-20-Pro­zent-SPD ist auch für Mer­kel neu. „Die Kanz­le­rin wird es mit ei­ner ver­stör­ten und stör­ri­schen So­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei zu tun be­kom­men“, sagt der Lin­ken-Po­li­ti­ker Gre­gor Gy­si. „Man kann nicht gleich­zei­tig re­gie­ren und sich er­neu­ern.“Das wer­de auch Mer­kel zu schaf­fen ma­chen. Sie muss sich auf ei­nen un­be­re­chen­ba­ren Part­ner ein­stel­len.

Re­gie­ren und sich er­neu­ern – das will in­zwi­schen auch Mer­kels CDU. Ge­lin­gen soll das mit An­ne­gret Kram­pKar­ren­bau­er. Die Er­nen­nung der Saar­län­de­rin zur Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin ist ein Coup. Bei der Vor­stel­lung der Per­so­na­lie weht mit­ten im Fe­bru­ar ein Hauch von Früh­ling durch die Par­tei­zen­tra­le. Nicht nur, weil Kramp-Kar­ren­bau­ers Kleid in Pink und Oran­ge und Mer­kels Ja­cke in sat­tem Grün leuch­ten. Mer­kel spricht tat­säch­lich von ei­nem „gro­ßen Glück“.

Ein Kno­ten ist durch­schla­gen. „Ich er­le­be sie als ge­löst – und das seit dem Tag, an dem sie An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er vor­ge­schla­gen hat“, sagt der CDU-Eu­ro­pa­po­li­ti­ker El­mar Brok über Mer­kel. Er gilt als ei­ner ih­rer Ver­trau­ten. Und er kennt sich aus mit lan­gen Amts­zei­ten: Fast 13 Jah­re lang war er Vor­sit­zen­der des ein­fluss­rei­chen Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Eu­ro­pa­par­la­ment.

Ge­löst re­gie­ren könn­te Mer­kel wo­mög­lich auch noch aus ei­nem an­de­ren Grund: Wenn nicht ei­ne Sen­sa­ti­on ge­schieht, ist ih­re vier­te auch ih­re letz­te Amts­zeit. „Sie al­lein wird wis­sen, wann der rich­ti­ge Zeit­punkt für den Rück­zug ge­kom­men ist“, sagt Brok. „Und die­ses Wis­sen macht ei­nen frei.“

Am Mon­tag dann – fast 170 Ta­ge nach der Wahl – setzt Mer­kel ih­re Un­ter­schrift un­ter den Ko­ali­ti­ons­ver­trag. Die Ze­re­mo­nie bleibt kurz, die An­spra­chen auch. An­schlie­ßend trinkt sie noch ein Glas mit See­ho­fer und Scholz und Nah­les. Kei­nen Sekt, na­tür­lich nicht. Es gibt Was­ser und Saft. Dann bricht Mer­kel auf. Es kann los­ge­hen.

Am 28.Ok­to­ber 2009 be­ginnt Mer­kels zwei­te Amts­zeit. Die­ses Mal reicht es für ei­ne schwarz-gel­be Ko­ali­ti­on, die SPD geht in die Op­po­si­ti­on.

Am 22. No­vem­ber 2005 wählt der Bun­des­tag An­ge­la Mer­kel zur Bun­des­kanz­le­rin. Die Er­nen­nungs­ur­kun­de er­hält sie von Bun­des­prä­si­dent Horst Köh­ler.

Am 17. De­zem­ber 2013 nimmt Mer­kel die Er­nen­nungs­ur­kun­de von Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck ent­ge­gen. Es wird ih­re bis­lang tur­bu­len­tes­te Amts­zeit.

Fo­tos: Micha­el Kap­peler/dpa, oben Tim Bra­ke­mei­er (2), K.-D. Gab­bert/dpa

An­ge­la Mer­kel kurz vor ih­rer vier­ten Amts­zeit. Wenn nichts Spek­ta­ku­lä­res pas­siert, wird es ih­re letz­te sein.

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