Der mit dem Kör­per Kunst macht

Hohenloher Tagblatt - - CRAILSHEIM - Von Ralf Man­gold

Se­bas­ti­an Stamm zeigt toll­küh­ne Kunst­stü­cke am chi­ne­si­schen Mast. Sei­ne Kar­rie­re hing nach ei­ner schwe­ren Ver­let­zung am sei­de­nen Fa­den. Doch der 32-Jäh­ri­ge ist zu­rück auf den gro­ßen Büh­nen.

Mit sei­ner Show be­geis­tert Se­bas­ti­an Stamm die Büh­nen Deutsch­lands. „Zur Zeit tre­te ich in Stutt­gart im Fried­richs­bau-Va­rie­té auf “, so der Crails­hei­mer, der sei­nen Wohn­sitz nun in Ber­lin hat. In­zwi­schen tritt er nicht nur am chi­ne­si­schen Mast auf, son­dern hat sein Spek­trum um ei­ne Stra­pa­ten-Show er­wei­tert. Al­ler­dings kam es da­zu nicht ganz frei­wil­lig.

„Es war am 21. März 2017“, kann sich Stamm noch ge­nau an das Da­tum er­in­nern, an dem sich sein Le­ben grund­le­gend ver­än­dert hat. Bei der Ge­ne­ral­pro­be zu ei­nem Auf­tritt in Kas­sel hat er sich die Achil­les­seh­ne ge­ris­sen. „Das war ein rie­si­ger Schock. Der Arzt hat mir ge­sagt, dass ich wohl min­des­tens ein Jahr aus­fal­len wür­de.“Und so war ur­plötz­lich nichts mehr wie vor­her. „Ich ha­be al­les in mei­nen Be­ruf ge­steckt und dann wird ei­nem al­les ab­rupt ge­nom­men. Der Büh­nen­rausch ist vor­bei, vom Ap­plaus in die Stil­le“, be­schreibt der 32-Jäh­ri­ge sei­ne da­ma­li­ge Ge­fühls­welt.

Stamm hat­te sich ei­gent­lich viel vor­ge­nom­men für die nächs­ten Mo­na­te, „nun muss­te ich nach der Ope­ra­ti­on erst ein­mal wie­der rich­tig lau­fen ler­nen. Als ich wie­der zu­rück in Ber­lin war, ha­be mich nur in mei­nem Zim­mer ver­kro­chen und mich im­mer wie­der ge­fragt, wie geht es wei­ter?“Fi­nan­zi­ell war er zwar durch ei­ne Un­fall­ver­si­che­rung ab­ge­si­chert, doch sei­ne Psy­che war mehr als an­ge­kratzt. Er droh­te, in ein tie­fes Loch zu fal­len. „Mir fehl­te nicht nur die Büh­ne, son­dern mein gan­zes so­zia­les Um­feld mit der Ar­tis­ten­schu­le war auf ein­mal weg. Doch das gan­ze Ge­dan­ken­ka­rus­sell brach­te mich nicht wei­ter.“

Ge­fal­len an neu­en Hob­bys

So hat er sich ent­schie­den, die Si­tua­ti­on an­zu­neh­men und ver­sucht, so schnell wie mög­lich wie­der auf die Büh­ne zu kom­men. An­fangs konn­te er je­doch nicht viel ma­chen. „Ich muss­te krea­tiv wer­den, et­was zu ma­chen, oh­ne dass der Kör­per funk­tio­niert.“Fo­to­gra­fie und Bild­be­ar­bei­tung woll­te er schon frü­her in An­griff neh­men, doch er hat­te ja nur we­nig Frei­zeit ne­ben dem Trai­ning und den Auf­trit­ten. Schnell fand er Ge­fal­len an sei­nem neu­en Hob­by. „Au­ßer­dem ha­be ich mir Did­ge­ri­doo und Kla­ri­net­te spie­len selbst bei­ge­bracht.“Und dann hat Stamm auch noch Woll­müt­zen ge­hä­kelt.

Spä­ter ging es in die Re­ha, fünf St­un­den voll­ge­packt mit Übun­gen wa­ren täg­lich an­ge­sagt, und bald kam ihm die Idee mit dem Trai­ning an den Stra­pa­ten. Das sind in der Luf­t­akro­ba­tik ver­wen­de­te Bän­der, die an der De­cke be­fes­tigt wer­den. Schnell hat er ei­ne ei­ge­ne Num­mer krei­ert, mit der er auf die Büh­ne kann. „Mei­ne Mo­ti­va­ti­on war, bis zu den Shows in Leip­zig wie­der fit zu wer­den.“Dort hat­te er ei­nen Ver­trag un­ter­schrie­ben für ei­ne Free­sty­leS­treet-Art-Show. „Das war ge­nau mein Ding, da woll­te ich un­be­dingt da­bei sein.“Nach rund zehn Mo­na­ten stand Stamm wie­der auf der Büh­ne bei ei­nem letz­ten Test, und er hat es dann tat­säch­lich mit un­bän­di­gem Wil­len bis zum Sai­son­start im Fe­bru­ar ge­schafft. In Leip­zig konn­te er dann so­gar mit zwei Shows das Pu­bli­kum be­geis­tern, denn in­zwi­schen konn­te Stamm ja auch mit den Stra­pa­ten glän­zen.

„Der ers­te Auf­tritt nach mei­nem Un­fall war mehr als Ner­vo­si­tät. Das wa­ren kei­ne Ver­sa­gens­ängs­te, son­dern ich war mir ein­fach nicht mehr si­cher, ob sich in den ver­gan­ge­nen zehn Mo­na­ten nicht et­was in mir ver­än­dert hat und ich den Auf­tritt gar nicht mehr ge­nie­ßen kann.“

Als die Zwei­fel nach ei­nem ge­lun­ge­nen Auf­tritt be­sei­tigt wa­ren, kam al­les aus ihm her­aus: „Ich muss­te mich erst ein­mal rich­tig aus­heu­len. Aber nicht nur aus Er­leich­te­rung, son­dern weil ich ein­fach das er­lö­sen­de Ge­fühl hat­te, ich bin wie­der zu­rück.“Zehn Mo­na­te Ar­beit hat­ten in die­sem al­ler­ers­ten Auf­tritt ge­steckt.

„Ich hat­te zu­vor das An­ge­bot, als Trai­ner zu ar­bei­ten – und das will ich spä­ter viel­leicht auch mal ma­chen. Aber es war wäh­rend mei­ner Ver­let­zungs­zeit ein­fach noch nicht der rich­ti­ge Zeit­punkt da­für.“Zu­kunfts­angst sei nicht der rich­ti­ge Mo­tor für solch ei­ne Ent­schei­dung. „Ich hat­te drei Jah­re vor­her al­les auf­ge­ge­ben, um mei­nen Traum zu er­fül­len und bin im­mer noch viel zu süch­tig nach der Büh­ne.“

2011 war Stamm Halb­fi­na­list beim „Su­per­ta­lent“. „Das war zwar ein gu­tes Sprung­brett für mich, aber die­se Pseu­do­re­fe­renz hat im Va­rie­té kei­ner­lei Be­deu­tung.“Stamm de­fi­niert sich als Künst­ler mit dem Kör­per. „Ich will mei­ne Emo­tio­nen ins Pu­bli­kum trans­por­tie­ren.“Wich­tig sei ihm – an­ders als beim Kunst­tur­nen – auf die be­glei­ten­de Mu­sik ein­zu­ge­hen und sie ent­spre­chend sei­ner Show zu in­ter­pre­tie­ren. So will er je­des Mal aufs Neue ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen Darstel­ler und Zu­schau­er schaf­fen.

Sei­ne Show am chi­ne­si­schen Mast hat sich in den letz­ten drei Jah­ren ei­gent­lich kaum ver­än­dert, „doch der Act wächst mit je­dem Auf­tritt, und im­mer wie­der ver­bes­se­re ich noch Fein­hei­ten.“An­ders sein Auf­tritt an den Stra­pa­ten, „da bin ich auch schon mal in Le­der­ho­sen un­ter­wegs. Die­ser Act hat ei­ne ganz an­de­re Emo­ti­on, fröh­li­cher und auch selbst­iro­nisch.“

Noch bis Mit­te No­vem­ber tritt Stamm in Stutt­gart auf. Sei­ne En­ga­ge­ments dau­ern in der Re­gel zwei bis drei Mo­na­te, ein­mal wä­re er mit sei­ner Show so­gar bei­na­he auf ei­nem Kreuz­fahrt­schiff ge­lan­det. „Es ist schön, mal wie­der in der Nä­he mei­ner Hei­mat­stadt zu sein. Da kann ich öf­ters bei mei­ner Fa­mi­lie vor­bei­schau­en.“Vie­le so­zia­le Kon­tak­te hat Stamm nicht mehr in Crails­heim, „ich freue mich aber im­mer, wenn ich Be­kann­te tref­fe.“Wäh­rend ei­nes En­ga­ge­ments lebt er meist in ei­ner WG zu­sam­men mit an­de­ren Künst­lern, an­sons­ten hat er ei­ne Woh­nung in Ber­lin. „Für mich ist es reiz­voll, im­mer wie­der neue Leu­te ken­nen­zu­ler­nen. Ich le­be sehr si­tua­tiv und kann mich schnell an­de­ren Men­schen öff­nen.“

Sein nächs­tes En­ga­ge­ment steht mit Bochum auch schon fest. Da will er dann sein Ge­lern­tes an der Kla­ri­net­te in sei­ne Büh­nen­show mit ein­bau­en und so­gar sin­gen. Die Show läuft bis März, da­nach ist ein län­ge­rer Tau­ch­ur­laub an­ge­sagt. „Ich lie­be mei­ne Un­ab­hän­gig­keit und das Büh­nen­le­ben, aber ich will auch, dass es so bleibt.“Des­halb will er sich in Zu­kunft öf­ter ei­ne Aus­zeit gön­nen. Was da­nach kom­me, wis­se er noch nicht. „Ein En­ga­ge­ment im Aus­land wä­re si­cher­lich auch mal reiz­voll.“Vor­stel­len könn­te er sich auch, ein ge­mein­sa­mes Show­pro­jekt zu­sam­men mit Künst­ler­kol­le­gen selbst zu ent­wi­ckeln. Und dann reizt es Stamm schon ganz lan­ge, auch mal beim Crails­hei­mer Kul­tur­wo­chen­en­de auf­zu­tre­ten.

Ich war mir nicht si­cher, ob sich in den ver­gan­ge­nen zehn Mo­na­ten et­was in mir ver­än­dert hat. Ich muss­te krea­tiv wer­den, et­was zu ma­chen, oh­ne dass der Kör­per funk­tio­niert.

Fo­tos: Alex­an­dra Klein

Se­bas­ti­an Stamm am chi­ne­si­schen Mast: Hier ist enor­mes Kör­per­ge­fühl und vor al­lem viel Kraft ge­for­dert.

Se­bas­ti­an Stamm bei sei­nem Kraft­akt mit den Stra­pa­ten.

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