Blick auf ei­nen Hei­mat­for­scher

Hohenloher Tagblatt - - VORDERSEITE - Von Bir­git Trink­le

Rot am See. Bis zu sei­nem 70. Le­bens­jahr hat Her­bert Schüß­ler halb Rot am See ei­nen Haar­schnitt ver­passt und sich ganz ne­ben­bei zum Hei­mat­for­scher aus­ge­bil­det.

Bis zu sei­nem 70. Le­bens­jahr hat Her­bert Schüß­ler halb Rot am See mit dem pas­sen­den Haar­schnitt ver­sorgt, und ganz ne­ben­bei hat er sich selbst über all die Jah­re zum Hei­mat­for­scher aus­ge­bil­det.

Her­bert Schüß­ler zeigt sei­ne Schät­ze vor. Hier ei­ne Pa­s­tell­krei­den-Ma­le­rei von Mist­lau im Win­ter, dort ein Stück Ei­sen­me­teo­rit, das vor vie­len, vie­len Jah­ren auf die Ho­hen­lo­her Ebe­ne nie­der­ging, und ein 220 Mil­lio­nen Jah­re al­tes ver­stei­ner­tes Gink­go-Stück, das nach ihm be­nannt wur­de. Ach ja: Er ar­bei­tet an ei­nem neu­en Buch und auf dem Weg zu sei­ner Samm­lung steigt er die Kel­l­er­trep­pe hin­un­ter.

Das ist des­halb so be­mer­kens­wert, weil der 78-Jäh­ri­ge noch im Früh­jahr hör­te, er wer­de den Rest sei­nes Le­bens im Roll­stuhl ver­brin­gen. Weil er zeit­wei­se nicht mal mehr sei­nen ei­ge­nen Na­men le­sen konn­te, ge­schwei­ge denn schrei­ben. Und weil um sein Le­ben ge­fürch­tet wur­de.

Wie dank­bar sind die Ehe­leu­te jetzt, wo al­les wie­der gut ist und ein gu­tes Le­ben wei­ter­ge­führt wer­den darf. Her­bert Schüß­ler, im März 1940 ge­bo­ren, hat Krieg noch be­wusst er­lebt. Er er­in­nert sich dar­an, bei der Er­mor­dung ei­nes pol­ni­schen Zwangs­ar­bei­ters hin­ter den Bahn­glei­sen in Rot ver­ständ­nis­los-ent­setz­ter klei­ner Au­gen­zeu­ge ge­we­sen zu sein: „Ich hab ein bild­haf­tes Ge­dächt­nis; in die­sem ei­nen Fall könn­te ich gut dar­auf ver­zich­ten.“Kind­heit und Ju­gend wa­ren von der Neu­gier und dem In­ter­es­se an der Welt ge­prägt, das auch den Er­wach­se­nen aus­zeich­nen soll­te. Al­len schö­nen Plä­nen und Wunsch­träu­men wa­ren frei­lich fi­nan­zi­el­le Gren­zen ge­setzt. Der Va­ter war krank und ver­letzt aus dem Krieg heim­ge­kehrt und schlug sich not­dürf­tig mit ei­nem klei­nen Fri­seur­la­den durch. „An gu­ten Ta­gen ver­dien­te er neun Mark“, er­in­nert sich der Sohn. Und dar­an, dass die Ober­schu­le in Crails­heim nicht nur 20 Mark Schul­geld be­deu­te­te, son­dern auch Kos­ten für Bü­cher und den Zug: Das Gan­ze war uto­pisch.

Drei Ge­ne­ra­tio­nen fri­siert

Al­so stieg der Bub mit 14 Jah­ren ins Fri­seur­ge­schäft ein, mit dem er dann 56 Jah­re in Rot am See ei­ne In­sti­tu­ti­on war. Vom rei­nen Her­ren­fri­seur ent­wi­ckel­te er sich eben­so wei­ter wie sei­nen Sa­lon; zeit­wei­se gab es sie­ben Be­schäf­tig­te, und Her­bert Schüß­ler war zu­frie­den, weil er die gan­ze Zeit über als Au­to­di­dakt brach­lie­gen­de Ta­len­te ent­de­cken und ent­wi­ckeln konn­te. Er be­gann zu ma­len. Als Hob­by-Geo­lo­ge und -Archäo­lo­ge lern­te er mit je­dem Samm­lungs­stück da­zu, bis er mit Hun­der­ten, ja Tau­sen­den Fun­den selbst als aus­ge­wie­se­ner Ken­ner galt. Sein Wis­sen und die Lie­be zur Hei­mat fass­te er in Bü­cher und Buch­rei­hen wie „Er­leb­tes Tau­ber­tal“, „Er­zäh­lun­gen und Bil- der aus Ho­hen­lo­he-Fran­ken“, „Mus­wie­se“, „Aus Holz wird Stein“, „Im Her­zen Ho­hen­lo­hes“oder „Un­be­kann­tes Ho­hen­lo­he-Fran­ken“. Krö­nen­des Werk dürf­te der mit präch­ti­gen Bil­dern be­stück­te Band „Ent­ste­hung und Rät­sel der Ho­hen­lo­her Feu­er­stei­ne“sein. Mit den Jah­ren hat er be­mer­kens­wer­te Fun­de mit eben­sol- chen Theo­ri­en ver­bun­den, mit de­nen sich nun die Fach­welt aus­ein­an­der­setzt. Die Ko­or­di­na­ten sei­nes Haupt­fund­orts auf der Ho­hen­lo­her Ebe­ne sind mit gu­tem Grund streng ge­hü­te­tes Ge­heim­nis. Aber auch über­all sonst hielt und hält Schüß­ler die Au­gen of­fen: „Ein Spa­zier­gang mit ihm ist schwie­rig“, hat sei­ne Frau Ani­ta im­mer ge­sagt: „Er schaut im­mer nur auf den Bo­den.“

Die Frau an sei­ner Sei­te

Apro­pos Ani­ta Schüß­ler. Sie dürf­te in die­sem Samm­ler­le­ben der größ­te Schatz sein, und Schüß­ler selbst for­mu­liert das ganz ähn­lich: „Dem Schuck­hof ha­be ich nicht nur vie­le St­ei­ne, son­dern auch mei­ne Frau zu ver­dan­ken.“Sei­ne Frau hat als Fri­seu­rin an sei­ner Sei­te ge­ar­bei­tet, sie hat sei­ne Bü­cher ge­tippt und Platz für sei­ne Samm­lun­gen ge­schaf­fen. Ge­mein­sam ha­ben sie um ei­ne Toch­ter ge­trau­ert. Und als er im Fe­bru­ar die­ses Jah­res aus bis heu­te un­ge­klär­ter Ur­sa­che geis­tig und kör­per­lich völ­lig zu­sam­men­brach, war sie es, die nie auf­ge­ge­ben hat.

Ein Aus­nah­me-Chir­urg hat schließ­lich zwei Len­den­wir­bel neu auf­ge­baut, ho­hen Kor­ti­sonDo­sie­run­gen wa­ren ers­te Ver­bes­se­run­gen zu ver­dan­ken, aber letzt­end­lich ist die Krank­heit so un­er­klär­lich ver­schwun­den, wie sie ge­kom­men ist. Und so kann Her­bert Schüß­ler heu­te wie­der sei­ne Schät­ze vor­zei­gen, ein Buch schrei­ben und die Trep­pe in den Kel­ler hin­un­ter­stei­gen.

Dem Schuck­hof ha­be ich nicht nur vie­le St­ei­ne, son­dern auch mei­ne Frau zu ver­dan­ken.

Fo­tos: Bir­git Trink­le

Her­bert Schüß­ler sam­mel­te sein Le­ben lang St­ei­ne. Nach schwe­rer Krank­heit kann er sich wie­der dar­an freu­en.

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