Ge­denk­fei­er zur Reichs­po­grom­nacht

Hohenloher Tagblatt - - VORDERSEITE - Von Bir­git Trink­le

Crails­heim. Vor 80 Jah­ren wur­den jü­di­sche Men­schen und Ein­rich­tun­gen an­ge­grif­fen; auch Crails­heim war be­trof­fen. Da­zu gab es ges­tern Abend ei­ne Ge­denk­fei­er.

Crails­hei­mer bli­cken auf die Po­grom­nacht vor 80 Jah­ren zu­rück, ge­den­ken der Op­fer und sa­gen je­der Form von Men­schen­feind­lich­keit den Kampf an.

Knapp sechs Jah­re alt war Crails­hei­mer Nor­bert Ha­e­se, als er vor 80 Jah­ren bei Dan­zig vor zer­schla­ge­nen Schei­ben stand, vor halb zer­stör­ten Ge­bäu­den, und wein­te, weil er be­griff, dass da Schlim­mes ge­sche­hen war. Ein Freund sei­ner El­tern, so er­zähl­te er ges­tern, war da­mals ent­setzt, weil die Brän­de nicht ge­löscht wer­den durf­ten. Stadt­ar­chi­var Fol­ker Förtsch be­stä­tig­te das: Auch in St­ein­bach bei Hall ha­be es ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen SA und Feu­er­wehr ge­ge­ben. Es liegt nicht in der Na­tur von Men­schen, nicht zu hel­fen. Da muss schon furcht­bar viel

schief­ge­hen.

Nach­dem die Glo­cken der Jo­han­nes­kir­che das Ge­den­ken der „In­itia­ti­ve Er­in­ne­rung und Ver­ant­wor­tung“und un­ge­wöhn­lich vie­ler Teil­neh­mer an die vom Ter­ror be­trof­fe­nen Crails­hei­mer Ju­den ges­tern buch­stäb­lich ein­ge­läu­tet hat­ten, zeig­te Pe­ter Er­ler auf, dass wie­der ei­ni­ges schief­läuft. „Wie oft ha­ben wir ge­sagt, dass sich so et­was nicht wie­der­ho­len darf, und nun müs­sen wir fest­stel­len, es wie­der­holt sich doch.“Er­ler ging auf ei­ne Viel­zahl von Vor­fäl­len und Ent­wick­lun­gen im zu En­de ge­hen­den Jahr ein, „schreck­li­che Din­ge, wenn auch nicht in dem Aus­maß wie vor 80 Jah­ren“. Auf den NSU und „den Deutsch­land­hut, der zur Iko­ne des rechts­dump­fen Pro­tests wur­de, be­vor der Hit­ler­gruß aus Chem­nitz ihn ab­lös­te“. Auf Auf­mär­sche und Hass­pa­ro­len, ei­ne „Dra­ma­tur­gie wie aus dem Lehr­buch“und ei­ne Po­li­zei, die ei­ne frag­wür­di­ge Fi­gur ab­ge­ge­ben ha­be: „Der Mob ist wie­der da, das häss­li­che Deutsch­land ist zu­rück.“ Vor der Spal­tung der Ge­sell­schaft warn­te Er­ler dann; er sprach von der Be­deu­tung und der Macht der Lie­be. Und er ap­pel­lier­te: „De­mo­kra­tie ge­schieht, in­dem wir uns ein­set­zen.“

Blick auf die Op­fer

Schü­le­rin­nen des Al­bert-Schweit­zer-Gym­na­si­ums gin­gen in ei­nem Pro­to­koll des Schre­ckens auf die Jah­re ein, in de­nen al­les so schief­ging wie nur mög­lich. Sie er­zähl­ten von schlei­chen­der Ent­rech­tung, von zu­nächst klei­nen Ver­än­de­run­gen, Ver­ord­nun­gen, Ge­set­zen. Von der gel­ben Park­bank, dem gel­ben Stern, dem Haus­tier­und dem Be­rufs­ver­bot, dem für 23 St­un­den am Tag gel­ten­den Aus­gangs­ver­bot und im­mer wei­ter ge­kürz­ten Es­sens­ra­tio­nen für jü­di­sche Kin­der. Von der „Ju­den­au­s­peit­schung“und Jo­sef Böhm war die Re­de, der an die­sem Tag zer­bro­chen ist, und von drei gro­ßen De­por­ta­tio­nen, nach de­nen die Stadt „ju­den­frei“war. Von 111 jü­di­schen Crails­hei­mern, die die Hei­mat ver­las­sen ha­ben, von 44, die er­mor­det wur­den. 45, wenn Jo­sef Böhm mit­ge­rech­net wird. Pe­ter Pfit­zen­mai­er, frü­he­rer De­kan und eben­falls Spre­cher der In­itia­ti­ve, sag­te, die­se Ka­ta­stro­phe sei nicht aus dem Nichts ge­kom­men. Er ging vor al­lem der Fra­ge nach, war­um ge­schwie­gen wur­de, als noch Wi­der­spruch mög­lich war. „Wir ha­ben heu­te gut re­den, kön­nen ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus auf die Stra­ße ge­hen und pro­tes­tie­ren.“Ei­nes sei si­cher: Man müs­se dem Rad in die Spei­chen grei­fen, be­vor es sich zu dre­hen be­gin­ne, müs­se auf lei­se Tö­ne der Men­schen­ver­ach­tung hö­ren, nicht erst auf die scham­lo­sen Pa­ro­len. Bö­ses ha­be in sich den Drang, sich aus­zu­wei­ten.

Doch auch Gu­tes wir­ke wei­ter. Es wir­ke, wenn vie­le auf die Stra­ße gin­gen, da­mit An­ti­se­mi­tis­mus nicht neue Nor­ma­li­tät wer­de. „Wenn ein Ober­bür­ger­meis­ter öf­fent­lich sagt, Hans Scholl sei jetzt in der Mit­te un­se­rer Stadt an­ge­kom­men, oder die Mer­lins vor 800 Schü­lern über In­te­gra­ti­on spre­chen“. Er dür­fe die Ge­denk­stun­de mit Hoff­nung be­schlie­ßen.

De­mo­kra­tie wird uns nicht ge­ge­ben. Sie ge­schieht, in­dem wir uns ein­set­zen. Pe­ter Er­ler Mit-Or­ga­ni­sa­tor

Fo­tos: Bir­git Trink­le

Vor 80 Jah­ren, in der Nacht auf den 10. No­vem­ber 1938, wur­de auch in Crails­heim die Sy­nago­ge ver­wüs­tet. An die­sen Be­ginn or­ga­ni­sier­ter Ju­den­ver­fol­gung er­in­ner­te Hans Kumpf, der mit sei­ner Kla­ri­net­te Va­ria­tio­nen der „Moor­sol­da­ten“spiel­te.

Die ASG-Schü­le­rin­nen Sas­kia Bau­er, An­na Kunz, Vi­vi­en Schmidt und Mi­na Pusch ha­ben ei­ne Chro­no­lo­gie des Schre­ckens er­ar­bei­tet.

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