Nach dem gro­ßen Völ­ker­schlach­ten

Hohenloher Tagblatt - - HINTERGRUND - Von Se­bas­ti­an Un­be­hau­en

Als am 11. No­vem­ber 1918 acht Män­ner auf ei­ner Wald­lich­tung na­he dem fran­zö­si­schen Com­pièg­ne in ei­nen Ei­sen­bahn-Sa­lon­wa­gen stie­gen, um ih­re Un­ter­schrif­ten un­ter den Waf­fen­still­stands­ver­trag zu set­zen und da­mit den Ers­ten Welt­krieg zu be­en­den, war nichts mehr so wie vier Jah­re zu­vor. Das gro­ße Völ­ker­schlach­ten von 1914 bis 1918 wird ganz zu Recht im­mer wie­der als „Ur­ka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts“be­zeich­net – weil es jahr­hun­der­te­al­te Struk­tu­ren bei­sei­te ge­wischt, ge­schos­sen, ge­bombt hat, weil Feind­schaf­ten zwi­schen Na­tio­nen ver­tieft wur­den und, vi­el­leicht am wich­tigs­ten, weil die Ge­walt­er­fah­rung ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on ei­ne En­t­hem­mung mit sich brach­te, die den Schre­cken des­sen, was da kom­men soll­te, zu­min­dest be­güns­tig­te.

Vor 100 Jah­ren ging der Ers­te Welt­krieg zu En­de und ließ er­schüt­ter­te Ge­sell­schaf­ten zu­rück. Auch mehr als 1000 jun­ge Män­ner aus dem Alt­kreis Crails­heim star­ben auf den Schlacht­fel­dern. Und je­ne, die zu­rück­ka­men, tru­gen schwer an der Ge­walt­er­fah­rung. So tau­mel­te Eu­ro­pa in die nächs­te Ver­hee­rung, die auch Ho­hen­lo­he mit al­ler Wucht tref­fen soll­te. Grund ge­nug, sich an die „Ur­ka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts“zu er­in­nern.

Von Mord­ma­schi­ne­rie ver­schluckt

Jun­ge Män­ner – auf ei­nen kur­zen, be­grenz­ten Kon­flikt ein­ge­stellt – wur­den von ei­ner hoch in­dus­tria­li­sier­ten Mord­ma­schi­ne­rie ver­schluckt. Vie­le star­ben, die Über­le­ben­den spuck­te der Ers­te Welt­krieg trau­ma­ti­siert wie­der aus. Die ei­nen wur­den zu Pa­zi­fis­ten, wie et­wa der Am­lis­ha­ge­ner Ma­ler Ot­to Al­brecht, an­de­re ver­klär­ten die exis­ten­zi­el­le Er­fah­rung an der Front, vie­le san­nen nach Ra­che – ob nun ge­gen den „Feind“im an­de­ren Schüt­zen­gra­ben oder ge­gen je­nen ima­gi­nier­ten an der „Hei­mat­front“, der der an­geb­lich im Fel­de un­be­sieg­ten Ar­mee den „Dolch­stoß“ver­setzt ha­be.

Je­den­falls schwapp­te die Ge­walt fort­an in den po­li­ti­schen All­tag der jun­gen deut­schen De­mo­kra­tie und las­te­te als schwe­re Hy­po­thek auf ihr. Die­se Ge­men­ge­la­ge ist wahr­schein­lich nie ein­drück­li­cher be­schrie­ben wor­den als in Erich Ma­ria Re­mar­ques durch Mark und Bein ge­hen­dem An­ti-Kriegs­ro­man „Im Wes­ten nichts Neu­es“: „Wir sind Flüch­ten­de“, sagt der Er­zäh­ler, ein jun­ger Sol­dat. „Wir flüch­ten vor uns. Vor un­se­rem Le­ben. Wir wa­ren acht­zehn Jah­re und be­gan­nen die Welt und das Da­sein zu lie­ben; wir muss­ten dar­auf schie­ßen. Die ers­te Gra­na­te, die ein­schlug, traf in un­ser Herz. Wir sind ab­ge­schlos­sen vom Tä­ti­gen, vom Stre­ben, vom Fort­schritt. Wir glau­ben nicht mehr dar­an; wir glau­ben an den Krieg.“

An den Krieg ge­glaubt hat auch der Crails­hei­mer De­kan Fried­rich Hum­mel, nach dem noch heu­te ein Saal im Jo­han­nes­ge­mein­de­haus be­nannt ist. 1915 schrieb er: „Nun mö­ge der Krieg, der Be­we­ger der Men­schen­her­zen, das Gu­te, Ed­le, Rei­ne wie­der em­por­we­cken, daß die Her­zen sich wie­der viel be­wuß­ter hin­wen­den zu Gott.“Sol­che Sä­bel­rass­le­rei ei­nes Kir­chen­manns macht noch heu­te sprach­los. Und sie ist um­so bit­te­rer, wenn man sich die Bi­lanz die­ses „Be­we­gers der Men­schen­her­zen“an­schaut: Zehn Mil­lio­nen to­te Sol­da­ten, sie­ben Mil­lio­nen to­te Zi­vi­lis­ten, 20 Mil­lio­nen Ver­wun­de­te. Al­lein im Alt­kreis Crails­heim star­ben 1159 jun­ge Män­ner, die Stadt Crails­heim trau­er­te um 241 ih­rer Bür­ger. Die meis­ten von ih­nen wur­den nicht in Hei­mat­er­de be­gra­ben, nur 16 fan­den im Lau­fe des Krie­ges ih­re letz­te Ru­he­stät­te auf dem Eh­ren­feld des neu­en Crails­hei­mer Fried­hofs, au­ßer­dem acht wei­te­re deut­sche, fünf ru­mä­ni­sche, sechs fran­zö­si­sche und ein ita­lie­ni­scher Sol­dat. Die Fran­zo­sen wur­den nach dem Krieg um­ge­bet­tet, wie Hob­by-His­to­ri­ker Andre­as Ma­nier re­cher­chiert hat, die an­de­ren lie­gen bis heu­te in Crails­heim. Un­ter ih­nen: Ot­to Hum­mel, der Sohn des De­kans, der mit der „Spa­ni­schen Grip­pe“von der Front heim­kehr­te und im La­za­rett starb.

Als Fried­rich Birg­han, 27 Jah­re alt, am 20. März 1915 als ers­ter Kriegs­to­ter auf dem Eh­ren­feld be­er­digt wur­de, schrieb der „Frän­ki­sche Grenz­bo­te“, die Vor­gän­ger-Zei­tung des HO­HEN­LO­HER TAGBLATTS: „Die Be­er­di­gung wur­de von der Stadt und ih­ren Ver­ei­nen als na­tio­na­les Er­eig­nis wür­de­voll be­gan­gen. Ein lan­ger Lei­chen­zug mach­te sich auf den Weg auf den neu­en Fried­hof. Vor­ne weg die Bür­g­er­wa­che, ihr folg­te die Land­sturm­kom­pa­nie, der Ve­te­ra­nen- und Krie­ger­ver­ein, der Turn­ver­ein, der Ge­s­ang­ver­ein Har­mo­nia und die Sa­ni­täts­ko­lon­ne. Acht ver­wun­de­te Ka­me­ra­den des To­ten be­glei­te­ten den Sarg zu bei­den Sei­ten. Die üb­ri­gen Ver­wun­de­ten folg­ten, so­weit sie in der La­ge wa­ren, dem Sarg. Die­ser Grup­pe folg­ten Schwes­tern und Hel­fe­rin­nen aus dem La­za­rett, die Be­am­ten der Stadt­ver­wal­tung schlos­sen sich an, ge­folgt von den bür­ger­li­chen Kol­le­gi­en und ei­ner gro­ßen An­zahl Leid­tra­gen­der aus der Ein­woh­ner­schaft. Beim Ab­sen­ken des Sar­ges in das Gr­ab feu­er­te die Ab­tei­lung der Land­sturm­kom­pa­nie, wäh­rend die Fah­nen ge­senkt wur­den, die Eh­ren­sal­ven ab. In sei­ner tie­ferns­ten Trau­er­re­de be­ton­te Pfar­rer Steh­le, dass wir al­le dem ver­stor­be­nen Hel­den Dank schul­den. Denn er gab das kost­bars­te, das er hat­te, sein jun­ges Le­ben, für uns und un­ser Va­ter­land.“

Tau­send­fa­cher Schmerz

Ja, der Krieg war – ganz im Ge­gen­satz zur Si­tua­ti­on 30 Jah­re spä­ter – weit weg von Ho­hen­lo­he, im Wes­ten, im Os­ten. Und doch rück­te er den Men­schen, wie der Zei­tungs­aus­schnitt ver­deut­licht, haut­nah auf den Leib, brach­te er tau­send­fach Schmerz über sie. Er wur­de auch sicht­bar, wenn La­za­rett­zü­ge im Crails­hei­mer Bahn­hof hiel­ten. Am 27. Au­gust 1914 stand im „Frän­ki­schen Grenz­bo­ten“: „Seit Sonn­tag kom­men hier (...) un­un­ter­bro­chen, Tag und Nacht Zü­ge mit ver­wun­de­ten Deut­schen und Fran­zo­sen so­wie mit Ge­fan­ge­nen durch. Die Schwer­ver­wun­de­ten wer­den auf der im Bahn­hofs­ge­bäu­de er­rich­te­ten Ver­band­sta­ti­on frisch ver­bun­den und zei­gen sich für die­sen Lie­bes­dienst recht dank­bar.“Man­che Ver­letz­ten wa­ren ein­fach auf der Durch­rei­se, an­de­re ka­men bei­spiels­wei­se in die Ver­eins­la­za­ret­te im Ge­mein­de­haus und in der Klein­kin­der­schu­le in Lan­gen­burg oder ins Be­zirks­kran­ken­haus und die Le­on­hard-Sachs-Schu­le in Crails­heim.

Nach dem Krieg be­gann das Ge­den­ken. Chris­toph Bit­tel hat im neu­es­ten Band der Crails­hei­mer Ge­schichts­blät­ter, her­aus­ge­ge­ben vom His­to­ri­schen Ver­ein, ei­nen über­aus le­sens­wer­ten Auf­satz zu Krie­ger­denk­ma­len im Alt­kreis Crails­heim ver­öf­fent­licht. Er zeigt dar­in die Viel­falt auf, von der Ta­fel in der Kir­che bis zur Sta­tue in der Orts­mit­te. Nur auf ei­ner Min­der­heit von ih­nen wur­de üb­ri­gens der „Hel­den­tod“be­schwo­ren be­zie­hungs­wei­se vom Tod oder vom Kampf fürs Va­ter­land schwa­dro­niert. Häu­fi­ger ging es schlicht um die „Ge­fal­le­nen“, die „ge­fal­le­nen Söh­ne“, „Brü­der“, „Krie­ger“, die „Ver­miß­ten“und die „teu­ren To­ten“.

Be­son­ders un­he­ro­isch war der Crails­hei­mer Ent­wurf für ein Denk­mal – und ent­spre­chend um­strit­ten. Der Bild­hau­er Ja­kob Wil­helm Fehr­le aus Schwä­bisch Gmünd sah „ei­nen nack­ten Jüng­ling“vor, „der durch die Not der Zeit zu­sam­men­ge­bro­chen sich vorn­über neigt und das ge­senk­te Haupt auf den lin­ken Arm stützt“. Ge­mein­de­rat Ble­zin­ger stell­te den Zu­satz­an­trag, ein „Krie­ger-Sym­bol“hin­zu­zu­fü­gen. Dar­um hält der Jüng­ling, der noch heu­te auf dem Eh­ren­fried­hof zu se­hen ist, ein kur­zes Schwert in sei­ner Rech­ten. Trotz­dem gab es wei­ter­hin vie­le Geg­ner des Denk­mals, wie Bit­tel in sei­nem Bei­trag her­aus­ge­ar­bei­tet hat. Der „Würt­tem­ber­gi­sche Front­kämp­fer­bund“et­wa be­klag­te, dass es sich um ei­ne „den Zu­sam­men­bruch ver­sinn­bild­li­chen­de Jam­mer­ge­stalt“hand­le. Da­bei sei­en am Zu­sam­men­bruch doch nicht die Front­kämp­fer und ih­re ge­fal­le­nen Ka­me­ra­den schuld ge­we­sen.

Hier schwingt sie wie­der mit, die Le­gen­de von der ver­zagt-ver­sa­gen­den Hei­mat­front, die auf dem mo­nu­men­ta­len Rei­ter­denk­mal auf dem Onolz­hei­mer Fried­hof voll­ends zum Aus­druck kam: Ein auf­rech­ter, nur mit ei­nem Stahl­helm be­klei­de­ter Sol­dat auf ei­nem von Schlan­gen in die Tie­fe ge­zo­ge­nen Pferd ist da bis heu­te zu se­hen. Die ur­sprüng­li­che In­schrift lau­te­te: „Im Fel­de un­be­siegt“.

Erst ge­kämpft, dann ver­sto­ßen

Ein auf­rech­ter Sol­dat war üb­ri­gens auch Al­bert Stein. Als ei­ner von 52 jü­di­schen Män­nern aus Crails­heim zog er in den Ers­ten Welt­krieg, mit dem Ei­ser­nen Kreuz II. Klas­se und der sil­ber­nen Mi­li­tär­ver­dienst­me­dail­le des Kö­nig­reichs Würt­tem­berg kehr­te er zu­rück. Sie­ben an­de­re Crails­hei­mer Ju­den star­ben auf den Schlacht­fel­dern für das Deut­sche Reich. Ei­ne Ge­denk­ta­fel mit ih­ren Na­men, die einst in der vor 80 Jah­ren ge­schän­de­ten Sy­nago­ge hing, ist heu­te auf dem jü­di­schen Fried­hof zu se­hen. Fünf der Nach­na­men fin­det man spä­ter auch un­ter je­nen Men­schen, die von den Na­zis de­por­tiert und er­mor­det wur­den. Al­bert Stein, der bis 1936 ei­nen Ei­sen- und Farb­wa­ren­han­del in Crails­heim be­trieb, ge­lang 1941 die Flucht nach Ar­gen­ti­ni­en. In dem Land, für das er sein Le­ben ein­ge­setzt hat­te, war kein Platz mehr für ihn.

Der Frie­den von 1918 war al­so nur ei­ne Atem­pau­se, die Saat für wei­te­re Ver­hee­run­gen lag schon in der auf­ge­wühl­ten eu­ro­päi­schen Er­de. Der Schre­cken, der dar­aus er­wuchs, über­traf al­les Da­ge­we­se­ne. 100 Jah­re da­nach lohnt es, sich dar­an zu er­in­nern – in ei­nem ver­ein­ten Eu­ro­pa, das im­mer auf dem Spiel steht.

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