„Die Leu­te ha­ben ei­ne Vi­si­on“

Hohenloher Tagblatt - - KREISGEMEINDEN - Von Gui­do Sey­er­le

Vor sechs Jah­ren war der Hirn­for­scher Ge­rald Hüt­her schon mal bei der Ge­mein­schaft Schloss Tem­pel­hof zu Gast. In der Zwi­schen­zeit ist viel pas­siert – ein Blick in die Ver­gan­gen­heit und in die Zu­kunft.

Als klar struk­tu­rier­ter Wis­sen­schaft­ler, der die mensch­li­chen Ge­füh­le in sei­ne Über­le­gun­gen ein­be­zieht und sie zum Aus­druck bringt, so of­fen­bar­te sich Pro­fes­sor Dr. Ge­rald Hüt­her bei sei­ner Rück­kehr auf den Tem­pel­hof. 2012 war er schon ein­mal zu Gast bei der Ge­mein­schaft in der Ge­mein­de Kreß­berg. „In den zu­rück­lie­gen­den sechs Jah­ren ist so viel pas­siert“, sag­te der 67-Jäh­ri­ge in der ver­gan­ge­nen Wo­che beim Sym­po­si­um zur Er­wei­te­rung der Schu­le für freie Ent­fal­tung. Da­mals gab es die Schu­le noch nicht.

Wie nimmt Hüt­her die Ge­mein­schaft Schloss Tem­pel­hof wahr? Wie hat sie sich seit sei­nem ers­ten Be­such ver­än­dert? „Ich bin mir ganz si­cher, dass hier ein Mo­dell auf­ge­baut wird, das ich mir wün­sche“, sag­te Hüt­her. „Die­se Men­schen den­ken dar­über nach, wie sie das Zu­sam­men­le­ben ge­stal­ten.“Und mit Blick auf den reich­lich vor­han­de­nen Nach­wuchs füg­te er hin­zu: „Um Kin­der groß­zu­zie­hen, da­zu braucht es ein gan­zes Dorf.“

Der Hirn­for­scher fand zu­dem lo­ben­de Wor­te für den Tem­pel­hof-Chor:

Sin­gen ist ei­ne wun­der­ba­re Sa­che. Man lernt et­was, was kei­ner al­lein schaf­fen kann.

Ge­rald Hüt­her Das möch­te er auch der heu­ti­gen Ge­ne­ra­ti­on ver­mit­teln. Da­zu ge­hört die Ar­beit als Au­tor: „Ich schrei­be Bü­cher, um mich zu zwin­gen, et­was zu En­de zu den­ken. Dann kann ich es auch er­klä­ren.“

Das Po­ten­zi­al ent­fal­ten

„Die Leu­te vom Tem­pel­hof ha­ben ei­ne Vi­si­on, ei­nen Traum“, fin­det Hüt­her. „Aus dem Be­dürf­nis her­aus ha­ben sie ei­ne Vor­stel­lung ent­wi­ckelt, die sie nun um­set­zen.“Da­bei durch­le­be das Ge­hirn ei­nen or­ga­ni­schen Pro­zess: „Wo­hin soll es ge­hen?“Ein Vor­teil des Zu­sam­men­le­bens wie auf dem Tem­pel­hof sei: „Die Men­schen kön­nen das in ih­nen an­ge­leg­te Po­ten­zi­al ent­fal­ten.“Sie sei­en nicht nur da, um Pro­ble­me zu lö­sen. „So­bald sich Men­schen als Sub­jekt be­geg­nen, ist die­se Ent­fal­tung des Po­ten­zi­als un­ver­meid­lich.“Der Pro­fes­sor ver­mu­tet, dass nur die­ser Füh­rungs­an­satz Zu­kunft hat. Strin­gen­te Füh­rung ha­be sich über­lebt.

Hüt­her, sel­ber drei­fa­cher Va­ter, mach­te sich auch zur Er­zie­hungs­ar­beit Ge­dan­ken. „Wir ge­hen in die Schu­le, weil wir die Welt ret­ten möch­ten“, mit die­sen Wor­ten zi­tier­te er ei­nen Schü­ler aus Ber­lin. Der Um­gang un­ter­ein­an­der müs­se so an­ge­legt sein, „dass Sie sich auf das Mor­gen freu­en“. Dies gel­te na­tür­lich auch für das Ar­beits­le­ben. „Frü­her ha­ben wir für Geld ge­ar­bei­tet.“Heu­te ste­he bei­spiels­wei­se durch den stark aus­ge­präg­ten so­zia­len An­satz die­ser im Mit­tel­punkt des Wir­kens.

El­tern spie­len wich­ti­ge Rol­le

Zu­rück zu den Kin­dern: „Wir müs­sen auf die Per­spek­ti­ve des Kin­des schau­en“, sag­te Hüt­her und frag­te sich: „Ist der Gestal­tungs­spiel­raum noch da? Oder ma­chen sie, was die an­de­ren er­war­ten?“Ei­ne Ant­wort gab er sel­ber: „Wir soll­ten den Kin­dern nichts er­klä­ren, son­dern die Kin­der stel­len Fra­gen.“Dies sei dann kein

Wis­sen.

„Wir müs­sen uns zum The­ma die­ser Schu­le noch ein­mal Ge­dan­ken ma­chen“, mein­te Hüt­her. Sei­ne Ide­en wür­den aber nicht be­deu­ten, „dass die Kin­der in Frei­heit ver­gam­meln. Wir müs­sen die Kin­der auf dem Weg füh­ren, da­durch wer­den sie sich nicht ge­gän­gelt füh­len.“Da­bei spie­len die El­tern ei­ne wich­ti­ge Rol­le: „Sie müs­sen bei sich blei­ben und schau­en, wel­che Be­zie­hung tut ih­nen gut?“

Of­fen­sicht­lich tat vie­len Be­woh­nern des Tem­pel­hofs die Be­zie­hung zu Hüt­her gut. Er war ein ge­frag­ter Ge­sprächs­part­ner. pas­siv an­ge­eig­ne­tes

Fo­to: Gui­do Sey­er­le

Ge­rald Hüt­her schreibt Bü­cher, „um mich zu zwin­gen, et­was zu En­de zu den­ken“. Hier si­gniert er ei­nes auf dem Tem­pel­hof.

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