MAR­TI­NI­QUE

Ku­li­na­rik und Kar­ne­val auf der Ka­ri­bik­in­sel

Holiday & Lifestyle - - ERSTE SEITE - TEXT: UL­RI­KE PASSOTH; FOTOS: ATOUT FRAN­CE, CO­MITÉ MARTINIQUAIS DU TOU­RIS­ME (CMDT), ROLF KROMB­HOLZ, FO­TO­LIA

Mein Da­te ist ge­platzt. Ich sit­ze al­lein im Stra­ßen­ca­fé und hal­te mich an mei­nem Bier fest. Um mich her­um tan­zen Men­schen in knall­bun­ten Ko­s­tü­men und be­we­gen sich zum Rhyth­mus der Mu­sik. Das lau­te Trom­meln spü­re ich bis tief in den Ma­gen. Al­le la­chen und tan­zen aus­ge­las­sen im Kar­ne­val auf Mar­ti­ni­que. Nur lei­der scheint es, dass er oh­ne mich statt­fin­det. Mein be­trüb­tes Ge­sicht muss wohl ei­nem der Tan­zen­den auf­ge­fal­len sein. Er winkt mich zu sich: „Im Kar­ne­val bleibt nie­mand al­lein! Hast du Lust, uns im Kar­ne­vals­zug durch Fort-de-Fran­ce zu be­glei­ten?“Ir­gend­je­mand zau­bert pin­kes Farb­spray, ei­ne Fe­der­boa und ei­nen Wes­tern­hut her­vor und im Nu

bin auch ich be­reit für die gro­ße Par­ty. Micha­el und sei­ne Grup­pe tra­gen sehr fan­ta­sie­vol­le Ko­s­tü­me in Pink, die von gro­ßen Bast­flü­geln, brei­ten Arm­rei­fen, vio­let­ten Stie­feln, oran­ge­far­be­nen Pe­rü­cken und ro­sa Tüll­röck­chen ge­krönt wer­den. Es über­rascht mich kaum, dass sie seit fast ei­nem Jahr ih­re auf­wen­di­gen Out­fits vor­be­rei­tet ha­ben. Am heu­ti­gen Sonn­tag geht es schlicht­weg bunt zu, am Ro­sen­mon­tag tra­gen Män­ner Frau­en­klei­der und Frau­en mas­ku­li­ne Out­fits, am Di­ens­tag geht man in Rot/Schwarz und der Ascher­mitt­woch schließt dann mit Schwarz/ Weiß ab. Und plötz­lich bin ich mit­ten­drin: in der lau­ten Mu­sik, den Tan­zen­den und den se­xy Out­fits. Wir zie­hen mit Tau­sen­den Kar­ne­va­lis­ten stun­den­lang durch die Stra­ßen der Haupt­stadt, un­er­müd­lich wird ge­trom­melt. Völ­lig Un­be­kann­te tan­zen, re­den und la­chen mit­ein­an­der. Die Fröh­lich­keit ist an­ste­ckend: So un­be­schwert ha­be ich mich sel­ten ge­fühlt. Und mein ge­platz­tes Da­te ha­be ich dar­über glatt ver­ges­sen.

DOCH VIER TA­GE Kar­ne­val zeh­ren an den Kräf­ten. Am Sonn­tag muss ich drin­gend ei­nen Strand­tag ein­le-

„Je wei­ter man sich vom Vul­kan Mont Pelée im Nor­den ent­fernt, um­so hel­ler wer­den die Strän­de. An der At­lan­tik­küs­te ist Was­ser­sport sehr be­liebt.“

gen. Mit Micha­el, Da­ni­el­le, Ce­cil­le, Axell und Lyn­da tref­fe ich mich im Nor­den der In­sel, kurz vor St. Pier­re an der An­se Tu­rin. Tür­kis­blau­es Was­ser leuch­tet mir ent­ge­gen. Micha­el ver­rät: „Die­ser Strand ist mein Ge­heim­tipp. Ich lie­be die Ru­he, den silb­rig schim­mern­den Sand und das tür­kis­blaue Meer. Sonst ist das Meer im Nor­den eher dun­kel­blau. Die Traum­strän­de mit schnee­wei­ßem Sand und tür­kis­far­be­nem Was­ser fin­dest du nur im Sü­den, bei­spiels­wei­se in Les An­ses-d’Ar­let oder bei Sain­te An­ne an der Gran­de An­se des Sa­li­nes. Je wei­ter man sich von dem Vul­kan Mont Pelée im Nor­den ent­fernt, um­so hel­ler wer­den üb­ri­gens die Strän­de. An die At­lan­tik­küs­te hin­ge­gen fährt man nicht zum Ba­den, dort ist die Strö­mung viel zu stark. Aber Was­ser­sport ist dort sehr be­liebt.“Bald ist Lunch­ti­me und wir keh­ren ein im Beach Re­stau­rant Les Pêcheurs in Le Car­bet. Mar­ti­ni­que gilt als die In­sel mit den meis­ten Strand­re­stau­rants der Ka­ri­bik. Wir star­ten mit ei­nem „Ti Punch“– der

Drink aus wei­ßem Rum, Rohr­zu­cker und Li­met­te ist zu je­der Ta­ges­zeit be­liebt. Mit den Fü­ßen im Sand ver­tie­fe ich mich in die Spei­se­kar­te. Beim Pêcheur, dem Fi­scher, kommt nur Fri­sches auf den Tisch: Fisch­ge­rich­te wie Ka­bel­jau, Schwert­fisch, Thun­fisch, Cre­vet­ten und Steak de Lam­bi la­chen mich an. Auch kreo­li­sche Fleisch­spe­zia­li­tä­ten wie Pou­let bou­ca­né, ge­grill­tes Huhn, oder Co­lom­bo de pou­let, Huhn in ei­ner Curry-Sau­ce, möch­te ich so­fort kos­ten. Da­zu isst man ger­ne Ac­cras, in Öl ge­bra­te­ne Klöß­chen aus Fi­schen, Lan­gus­ten oder Kreb­sen, die kräf­tig ge­würzt sind. Am En­de ent­schei­de ich mich für ein Steak de Lam­bi – die

Mee­res­schne­cken wer­den mit wür­zi­ger Sau­ce créo­le, Chris­to­phi­ne und Koch­ba­na­nen ser­viert. Die Chris­to­phi­ne äh­nelt ei­ner gro­ßen Kar­tof­fel: Sie wird hal­biert, aus­ge­höhlt, mit dem Chris­to­phi­nen-Pü­ree ge­füllt und dann über­ba­cken. Ein­fach köst­lich! Um uns her­um spie­len Kin­der am Strand, ih­re El­tern sit­zen in Grüpp­chen und re­den. Kein Stress, kei­ne lau­ten Wor­te, die Welt auf Mar­ti­ni­que scheint ent­spannt an ei­nem Sonn­tag am Strand. Noch be­vor die Son­ne un­ter­geht, will Micha­el wei­ter nach Scho­el­cher, ei­nen Vo­r­ort von Fort-de-Fran­ce: „Das Lo­kal Boule de Nei­ge di­rekt am Meer ist mein per­fek­ter Ort für ei­nen Sun­dow- ner.“Mit Blick auf das Meer trin­ken wir ei­nen Plan­teur. Für den Long­drink aus brau­nem Rum und Frucht­saft hat je­der Bar­kee­per sein ei­ge­nes Re­zept – aber gut sind sie al­le.

MIT BLICK AUF mei­nen Drink fra­ge ich mich: Wie vie­le Rum-De­stil­le­ri­en braucht ei­gent­lich ei­ne Ka­ri­bik­in­sel, die nur un­we­sent­lich grö­ßer ist als Rü­gen? Die Ant­wort gibt mir am nächs­ten Tag Sté­phan: „Auf Mar­ti­ni­que ha­ben wir neun De­stil­le­ri­en und 17 Mar­ken, die welt­weit sehr ge­schätzt sind.“Und er muss es wis­sen. Der sym­pa­thi­sche Mitt­fünf­zi­ger führt mich durch die De­stil­le­rie von Neis­son in Le Car­bet. Be­reits von wei­tem

weht mir der sü­ße Duft des Zu­cker­rohrs ent­ge­gen, als hoch be­la­de­ne Last­wa­gen den stau­bi­gen Sand­weg ent­lang­fah­ren. In fast his­to­risch an­mu­ten­den Ma­schi­nen und glän­zen­den Kup­fer­kes­seln wird das Zu­cker­rohr ver­ar­bei­tet. Die De­stil­le­ri­en ver­kau­fen acht­zig Pro­zent des Rums als wei­ßen Rum. Der Rest wird an­schlie­ßend für min­des­tens drei Mo­na­te in Holz­fäs­sern ge­la­gert und nimmt so ei­ne Bern­stein-Far­be an. Ihn be­zeich­net man als „Rhum vieux“. „Kauf am bes­ten den ‚Rhum vieux ag­ri­co­le‘, der kommt oh­ne zu­sätz­li­che Aro­men aus“, ver­rät mir Sté­phan. „Un­se­ren Rum von Neis­son ex­por­tie­ren wir nicht, nicht ein­mal nach Frank­reich. Die klei­ne Men­ge, die wir pro­du­zie­ren, tei­len wir näm­lich un­gern“, fügt er mit ei­nem Au­gen­zwin­kern hin­zu. Nach­dem ich ver­schie­de­ne Sor­ten ver­kos­tet ha­be, kann ich ihn ver­ste­hen. Die­ses köst­li­che Aro­ma ge­nießt man bes­ser für sich. Wie gut, dass ich mein Au­to am Strand von Le Car­bet ge­parkt ha­be: Nach ei­nem kur­zen Fuß­weg kann ich noch am Meer re­la­xen, be­vor ich auf Emp­feh­lung von Sté­phan im Le Pe­ti­bo­num zu Mit­tag es­se. Das Strand­re­stau­rant ge­nießt ei­nen ex­zel­len­ten Ruf. Dort könn­te ich wei­te­ren Rum pro­bie­ren und mir Mar­ti­ni­que noch schö­ner trin­ken. Muss ich aber gar nicht. Statt­des­sen ge­he ich ein­fach schön es­sen.

1| Les Sa­li­nes im Sü­den der In­sel gilt mit sei­nem schnee­wei­ßem Sand als der Traum­strand schlecht­hin. Hier fin­det man mit et­was Glück so­gar noch ein­sa­me Buch­ten. 2| Fri­sches Obst wird nicht nur auf dem Grand Mar­ché in Fort-de-Fran­ce ver­kauft, son­dern auch oft an Stra­ßen­stän­den an­ge­bo­ten.

1| Auf dem Weg nach Ba­la­ta pas­siert man die­se Kir­che im ty­pisch ka­ri­bi­schen Stil. Sie ist ein­ge­bet­tet in tro­pi­schen Re­gen­wald, der sich auch im Bo­ta­ni­schen Gar­ten von Ba­la­ta fort­setzt. 2| Tau­cher ent­de­cken auf Mar­ti­ni­que ei­ne be­ein­dru­cken­de Un­ter­was­ser­welt. 3| Die Bour­bon-Va­nil­le, die übe­r­all auf den Märk­ten an­ge­bo­ten wird, stammt di­rekt von der In­sel. Sie gilt als be­lieb­tes Mit­bring­sel. 4| In Sain­te-Ma­rie an der Ost­küs­te ist die See rau­er als am Ka­ri­bi­schen Meer im Wes­ten. 5| Be­au­ty-Queen mit sü­ßem La­chen, gro­ßen Kul­ler­au­gen und klei­nen Zöpf­chen.

1| Die Bi­b­lio­thek Scho­el­cher in Fort-deFran­ce wur­de als zer­leg­ba­rer Me­tall­ske­lett­bau er­rich­tet. Nach dem glei­chen Prin­zip ließ der Ar­chi­tekt Pier­re-Hen­ri Picq auch die Ka­the­dra­le Saint-Lou­is bau­en. 2 & 3| Zu­cker­rohr­müh­len wur­den frü­her von Dampf­ma­schi­nen an­ge­trie­ben. Die­ses Mo­dell kann man noch heu­te in der De­stil­le­rie De­paz be­wun­dern. 4| Die kreo­li­sche Kü­che kom­bi­niert ger­ne def­ti­ge und sü­ße Nuan­cen. 5| Aus­nah­me­zu­stand Kar­ne­val: Tau­sen­de zie­hen fei­ernd durch die Haupt­stadt. 6| Ka­kao ge­deiht be­son­ders gut im Nor­den der In­sel.„Wir zie­hen mit Tau­sen­den Kar­ne­va­lis­ten stunden­lang durch die Stra­ßen der Haupt­stadt Fort-de-Fran­ce, un­er­müd­lich wird ge­trom­melt.“

1| Blaue Plas­tik­sä­cke prä­gen das Bild der Ba­na­nen­plan­ta­gen: Sie sol­len Schäd­lin­ge von den Früch­ten fern­hal­ten. 2| It’s par­ty ti­me: Auf Mar­ti­ni­que gibt es im­mer ei­nen An­lass zum Fei­ern. 3| Die ro­man­ti­sche Fi­scher­ge­mein­de Les An­ses-d’Ar­let im äu­ßers­ten Süd­wes­ten ist be­kannt für ih­re vie­len Sand­strän­de.

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