Tes­la ge­gen den Rest der Welt

Mehr als ei­ne hal­be Mil­li­on Men­schen ha­ben das „Mo­del 3“des US-Au­to­bau­ers vor­be­stellt. Jetzt wur­den die ers­ten 30 Fahr­zeu­ge an ih­re Be­sit­zer über­ge­ben. Und da­mit geht die Ar­beit für das Un­ter­neh­men erst rich­tig los

Illertisser Zeitung - - Wirtschaft - And­rej So­ko­low, dpa

Elon Musk weiß, wie man ei­nen Rock­star-Auf­tritt hin­legt. Zu lau­ter Mu­sik rast der Tes­la-Chef in ei­nem ro­ten Ex­em­plar des Mo­del 3 an, springt raus und lässt sich im Schein­wer­fer­licht von sei­nen Mit­ar­bei­tern fei­ern. Der An­lass ist ein Mei­len­stein für Tes­la: Die ers­ten 30 Au­tos aus der neu­en, güns­ti­ge­ren Se­rie wer­den an ih­re Be­sit­zer über­ge­ben. Die ers­ten 30 von mehr als ei­ner hal­ben Mil­li­on Vor­be­stel­lun­gen, die Tes­la erst ein­mal lan­ge ab­ar­bei­ten muss.

Die Ze­re­mo­nie am Tes­la-Werk im ka­li­for­ni­schen Fre­mont läu­tet ein neu­es Ka­pi­tel in ei­nem der span­nends­ten Du­el­le ein, die heu­te die Wirt­schaft zu bie­ten hat: Tes­la ge­gen den Rest der Au­to­in­dus­trie. Ei­ne Fir­ma aus dem Si­li­con Val­ley, die früh kom­plett auf Elek­tro­mo­bi­li­tät setz­te und von Au­to­bos­sen zu­nächst als Exot mit mick­ri­gen Pro­duk­ti­ons­zah­len im für die weit­aus meis­ten Men­schen un­er­schwing­li­chen Lu­xus­seg­ment ab­ge­tan wur­de. Statt­des­sen hieß es von ih­nen stets, der Ver­bren­nungs­mo­tor ha­be sein Po­ten­zi­al noch nicht aus­ge­schöpft.

Doch in­zwi­schen weht in der Bran­che ein an­de­rer Wind. Nach­dem der als Ef­fi­zi­enz­wun­der ge­prie­se­ne Die­sel mit dem Ab­gas­skan­dal in Ver­ruf ge­riet, wird of­fen­sicht­lich, dass die stren­gen Um­welt­vor­ga­ben für die Fahr­zeug­flot­ten oh­ne mehr E-Au­tos kaum zu schaf­fen sind.

Vol­vo geht als ers­te der tra­di­tio­nel­len Mar­ken so­gar so weit, ab 2019 über­haupt kei­ne neu­en Mo­del­le oh­ne Elek­tro­mo­tor mehr zu bau­en. Das dürf­ten zu­nächst zwar haupt­säch­lich Hy­bri­de mit bei­den An­triebs­ar­ten sein. Aber die Mar­sch­rich­tung für die ge­sam­te Bran­che ist ge­setzt, glau­ben Ex­per- ten wie Axel Schmidt von der Un­ter­neh­mens­be­ra­tung Ac­cen­ture.

Für Tes­la wird es al­so künf­tig nicht mehr dar­um ge­hen, mit ei­ni­gen zehn­tau­send Wa­gen im Jahr zah­lungs­kräf­ti­ge En­thu­si­as­ten zu be­geis­tern, son­dern ge­gen die ge­ball­te Kraft der Au­to­in­dus­trie mit ih­rer Viel­zahl an Mo­del­len, De­si­gn­Va­ri­an­ten und der tra­di­tio­nel­len Mar­ken­bin­dung an­zu­tre­ten.

Das Mo­del 3 ist der Wa­gen, der Tes­la in ei­nen brei­te­ren Markt brin­gen soll. Und an­ge­sichts der Vor­rei­ter­rol­le der Ka­li­for­ni­er dürf­te auch der Fort­schritt der Elek­tro­mo­bi­li­tät am Er­folg die­ses Fahr­zeugs ge­mes­sen wer­den. Mil­li­ar­den steck­te Musk in den Aus­bau der Pro­duk­ti- ons­an­la­gen und der Bat­te­rie­fer­ti­gung. Ei­ne rie­si­ge Wet­te. Wenn sie auf­geht, wird Tes­la in Fre­mont jähr­lich ei­ne hal­be Mil­li­on Mo­del3-Wa­gen und rund 100 000 der grö­ße­ren und teu­re­ren bis­he­ri­gen Fahr­zeu­ge Mo­del S und Mo­del X bau­en. In Ar­beit ist auch ein Last­wa­gen, der noch die­ses Jahr prä­sen­tiert wer­den soll. An­le­ger glau­ben an Musk: Tes­la ist trotz über­schau­ba­rer Stück­zah­len der wert­volls­te US-Au­to­her­stel­ler an der Bör­se.

„Es war nie un­ser Ziel, teu­re Wa­gen zu bau­en“, be­tont Musk. Das ha­be sich nur so er­ge­ben, weil die Elek­tro­wa­gen zu­nächst nicht güns­ti­ger zu pro­du­zie­ren ge­we­sen sei­en. Und jetzt fi­nan­zier­ten die Käu­fer von Mo­del S und Mo­del X das güns­ti­ge­re neue Mo­dell mit. Die 35 000 Dol­lar als Grund­preis des Mo­del 3 sind aber erst der An­fang. Bucht man al­le Ex­tras, kom­men fast 60 000 Dol­lar zu­sam­men.

Das ist kein Schnäpp­chen mehr, ent­schei­dend ist im Mo­ment aber den­noch vor al­lem die Fra­ge, ob Tes­la den mas­si­ven Pro­duk­ti­ons­sprung von rund 84000 Fahr­zeu­gen 2016 auf 500 000 im kom­men­den Jahr sau­ber hin­be­kommt. „Die Nach­fra­ge ist hier nicht das Pro­blem“, merkt Musk tro­cken mit Blick auf die hal­be Mil­li­on Vor­be­stel­lun­gen für das Mo­del 3 an. Im ers­ten Pro­duk­ti­ons­mo­nat Ju­li wur­den 50 Fahr­zeu­ge ge­baut, 20 von ih­nen be­hält Tes­la für Tests ein. Im Sep­tem­ber sol­len 1500 Wa­gen pro­du­ziert wer­den, auch mit 20 000 Fahr­zeu­gen im Mo­nat zum De­zem­ber wird es lan­ge dau­ern, die War­te­lis­te ab­zu­ar­bei­ten. Wer jetzt be­stellt, muss bis En­de 2018 war­ten, sagt Musk. Nach Deutsch­land dürf­te es kaum ein Mo­del 3 vor dem kom­men­den Jahr schaf­fen.

Um den Pro­duk­ti­ons­schub zu meis­tern, ließ Musk die Kon­struk­ti­on des Mo­del 3 dras­tisch ver­ein­fa­chen. Musks De­vi­se war: „Es gibt in dem Au­to nichts, was dort nicht un­be­dingt sein muss.“Kei­ne her­aus­fah­ren­den Tür­grif­fe, wie beim gro­ßen Bru­der Mo­del S. Zu­nächst ein­mal kei­ne Op­ti­on ei­nes Vier­rad­an­triebs, der ei­nen zwei­ten Elek­tro­mo­tor braucht.

Dank al­ler An­pas­sun­gen kön­ne man ein Mo­del 3 fünf­mal schnel­ler als ei­nes der S-Flagg­schif­fe bau­en, sagt Musk. Das Hoch­fah­ren der Pro­duk­ti­on sei trotz­dem auch dies­mal wie­der wie „durch die Höl­le zu ge­hen“. Vor Mo­na­ten schon er­zähl­te der Mil­li­ar­där, dass er ei­nen Schlaf­sack in sei­nem Bü­ro in der Fa­b­rik ha­be, für die Aben­de, an de­nen es mal län­ger wird.

Mit dem Vor­stoß in ei­ne neue Grö­ßen­ord­nung muss sich Tes­la auch stär­ker als bis­her den ty­pi­schen Pro­ble­men der Vo­lu­men­her­stel­ler stel­len. So wä­ren bei ei­nem Rück­ruf nicht mehr zehn­tau­sen­de, son­dern hun­dert­tau­sen­de Wa­gen be­trof­fen. Um das künf­ti­ge Ser­vice-Auf­kom­men zu be­wäl­ti­gen, will Tes­la auch Tech­ni­ker in Re­pa­ra­tur-Lie­fer­wa­gen di­rekt zu den Kun­den schi­cken. Schließ­lich will Musk auch be­wei­sen, dass Elek­tro­wa­gen deut­lich ein­fa­cher zu war­ten sind als Ver­bren­ner.

Fo­to: And­rej So­ko­low, dpa

Al­le Au­gen (und Smart­pho­nes) auf Tes­la: Fir­men­chef Elon Musk lässt sich bei der Vor­stel­lung des Mo­del 3 im ka­li­for­ni­schen Fre mont auf der Büh­ne fei­ern.

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