KABARETT Lasst die Pup­pen tanzen

Fa­schings­sau­se, Ka­ter­stim­mung und be­herz­tes Wei­ter-La­chen

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Er ist der größ­te Kauz der Münch­ner Ka­ba­rett­sze­ne. Und er hat gleich in zwei­fa­cher Hin­sicht zu fei­ern: Nicht nur dass Jo­sef Pret­te­rer, Er­fin­der, Bast­ler und Zum-Le­ben-Er­we­cker von gran­dio­sen, fast le­bens­gro­ßen Papp­fi­gu­ren wie dem per­so­ni­fi­zier­ten Ok­to­ber­fest­rausch, die­ser Ta­ge sei­nen 70. Ge­burts­tag be­geht. Er kann sich auch 20 Jah­re auf den Büh­nen die­ser Stadt rüh­men. In sei­nem Ju­bi­lä­ums­pro­gramm er­zählt Pret­te­rer, wie er zum Spie­len kam, wie er brenz­li­ge Si­tua­tio­nen meis­tert (Papp­ma­ché!) und wie gna­den­los sei­ne Im­pro­vi­sa­ti­ons­küns­te auf die Pro­be ge­stellt wur­den. Au­ßer­dem hat er na­tür­lich vie­le skur­ri­le Ge­schich­ten vom Klein­kunst­all­tag und von un­ge­wöhn­li­chen Be­geg­nun­gen vor, auf und hin­ter der Büh­ne zu be­rich­ten. Zwi­schen sei­nen Er­zäh­lein­la­gen ge­ben na­tür­lich Pret­te­res Pup­pen mehr oder we­ni­ger un­ge­fragt ih­ren Senf da­zu. Oder ihr Bier. (Fraun­ho­fer, ab 16.2.)

Ech­te Ur­ge­stei­ne der klei­nen Kunst, wenn auch noch et­was fri­scher ge­hal­ten, sind na­tür­lich die Micha­el Al­tin­ger und Alex­an­der Liegl, die sich für ihr neu­es Pro­gramm „Plat­zen­de Hir­sche“un­ter der Re­gie von Lieg­ls-Le­bens­part­ne­rin Ga­bi Roth­mül­ler zu­sam­men­ge­fun­den ha­ben. Nun bla­sen sie zum gro­ßen „Ha­la­li!“und prä­sen­tie­ren un­ter die­sem Mot­to die ka­pi­tals­ten Bö­cke und blu­tigs­ten Tro­phä­en ih­rer ge­mein­sa­men Jagd­aus­flü­ge. Selbst­ver­ständ­lich wird das Er­leg­te vor Ort auch waid­ge­recht zer­klei­nert. (Lach- und Schieß­ge­sell­schaft, 11./12.2.)

Den ge­schätz­ten Kol­le­gen An­dré Hart­mann kennt man eben­falls bes­tens, wenn man mit of­fe­nen Au­gen und ent­spre­chen­dem Her­zen durchs „IN Mün­chen“-Pro­gramm pirscht. Ei­gent­lich hat er sich ja als Stim­men­imi­ta­tor, Tas­ten­gott und ganz all­ge­mein als Schwe­re­nö­ter ei­nen tol­len Na­men ge­macht. Nun will Hart­mann auch be­wei­sen, dass er ko­chen kann – ganz oh­ne Ab­zugs­hau­be. „Ve­ga­nis­si­mo“prä­sen­tiert Ge­schmack­vol­les von Bay­ern- bis Sau­er-Ei. Au­ßer­dem spielt er die le­gen­dä­re „Din­ner for One“-Ur­sze­ne bis zum Satt­wer­den durch. Al­ler­dings dies­mal oh­ne Fred­die Fin­ton, son­dern mit Fi­schers Frit­ten­witz. Er hat eben das gro­ße Fleisch­los ge­zo­gen. (Lach- und Schieß­ge­sell­schaft, 19. bis 21.2.)

Ein Be­such beim Pu­schel­mi­kro­trä­ger Al­fons ist im­mer auch ein deutsch-fran­zö­si­scher Freund­schafts­dienst, schaut doch kaum je­mand sonst un­se­ren Mit­bür­gern so char­mant un­ge­niert aufs Maul. Im neu­en So­lo „Jetzt noch deut­sche­rer“lässt der sym­pa­thi­sche Nost­al­gi­ker tief bli­cken: Al­fons er­zählt aus Zei­ten, als er noch ein klei­nes Al­fons‘chen war. Sei­ne Mut­ter schick­te ihn da­mals rü­de aus dem mon­dä­nen Pa­ris in die tiefs­te Pro­vinz, will sa­gen, Pro­vence. Zum Glück gab es dort in der größ­ten Ein­sam­keit mit dem al­ten Land­wirt doch noch ei­nen Freund. Ge­mein­sam starr­ten die bei­den me­lan­cho­lisch in den Nacht­him­mel und de­bat­tier­ten die gro­ßen und klei­nen Fra­gen des Uni­ver­sums. Und na­tür­lich muss­te auch Nietz­sche, Kant, Des­car­tes, Pas­cal be­spro­chen wer­den – und wie die Bau­ern der Nach­bar­schaft eben sonst noch so hie­ßen. (Volks­thea­ter, 17.2.)

Viel Le­bens­er­fah­rung brin­gen auch Ve­ro­ni­ka von Quast und Flo­ri Burg­mayr mit. In ih­rer mu­si­ka­li­schen Re­vue bli­cken sie nicht nur auf die le­gen­dä­ren „Ka­nal Fa­tal“Er­fol­ge der Vro­ni zu­rück, son­dern sin­gen auch neue Lie­der von Jo­sef „Dr. Dö­blin­ger goes Nock­her­berg“Par­ze­fall und von Mul­ti­ta­lent Burg­mayr him­s­elf. „Die bes­ten Jah­re“, sa­gen die bei­den, „san gar net so guat.“Sie müs­sen es wis­sen. (Pa­sin­ger Fa­b­rik, 21.2.)

Ganz neue Sei­ten, oh­ne die ge­wohnt ge­lieb­ten hin­ter sich zu las­sen, gibt Fran­zis­ka Wan­nin­ger in ih­rem mitt­ler­wei­le drit­ten So­lo­pro­gramm „Furcht­los glück­lich“preis. Dar­in bohrt sich ihr neu­er Zahn­arzt erst ein­mal nicht nur tief in den schmerz­haf­ten Ka­ries-Kern, son­dern an­schlie­ßend auch noch in ihr Herz. Jetzt ist’s fast da­hin mit der All­tag-rühr-mich-nich­t­an-Schutz­funk­ti­on. Und höchs­te Zeit für ein „Furcht­los glück­lich“-Wo­che­n­end­se­mi­nar. Mit we­ni­gen Cha­rak­ter­stri­chen pin­selt Wan­nin­ger nicht nur hem­mungs­lo­se Grant­ler, sinn­su­chen­de Ma­na­ger, son­dern auch ver­lo­re­ne Groß­städ­ter auf die Büh­ne. Ziem­lich gran­di­os, all das. (Schlacht­hof, 17.2.)

Sie­ben Jah­re lebt Ber­ni Wa­gner zwar schon in der Groß­stadt. Doch im­mer mehr packt ihn das Ge­gen­teil von Frem­den­hass: Er

mag so recht nie­man­den mehr, den er kennt. Ret­ten­der Aus­weg im ak­tu­el­len „Ba­by­lon“Pro­gramm: Wa­gner geht mit Leu­ten, die ihm nichts sa­gen, an Or­te, an de­nen er nicht ein­ge­la­den ist, um sich mit ih­nen dort in Spra­chen zu un­ter­hal­ten, die er nicht spricht. Und das über The­men, die er nicht ver­steht. So könn­te es klap­pen. (Ver­eins­heim, 22.2.)

Vor­her darf man am sel­ben Ort al­ler­dings auf kei­nen Fall die „Pop­po­ma­nia“-Fa­schings­sau­se mit den Los Pop­pos ver­pas­sen. Zur gro­ßen Par­ty tanzen nicht nur al­le Mu­si­kan­ten mit ih­ren Ge­rät­schaf­ten ein­mal um den gan­zen Block. Le­gen­där ver­we­gen! (Ver­eins­heim, 12.2.)

Zum Aus­nüch­tern kann man sich dann von Chris­ti­an Sprin­ger, dem Vor­zei­ge-In­tel­lek­tu­el­len, Welt­frie­dens­ak­ti­vis­ten und Ori­en­t­rei­sen­den, aus­schimp­fen las­sen. „Trotz­dem“nennt er sein neu­es Pro­gramm. Weil die Welt zwar schlecht, ver­kom­men und bö­se ist. Man beim Kabarett aber trotz­dem lacht. (Deut­sches Theater, 14.2.)

Fast noch im Fa­sching wähnt man sich da­ge­gen beim Auf­tritt des Fein­ripp En­sem­bles, prä­sen­tie­ren hier doch drei Schau­spie­ler in Un­ter­ho­sen die pi­kan­tes­ten Stel­len aus dem größ­ten Buch der Mensch­heit – der Bi­bel. „Wenn das Wort Got­tes zwi­schen zwei Buch­de­ckel passt, dann kann man es auch auf die Büh­ne brin­gen“, ha­ben sich die Ti­ro­ler einst ge­sagt. Und dann zo­gen sie los. Da­mit sie sich nicht all­zu sehr ver­stel­len, ha­ben sie sich frei­ge­macht – in je­der Hin­sicht. Hül­len­los fe­gen Tho­mas Gass­ner, Mar­kus Ober­rauch und Bern­hard Wolf nicht nur durch die Nacht, son­dern durchs Al­te und Neue Tes­ta­ment, spie­len da­bei Jo­sef, Ma­ria und das Je­sus­kind und be­wei­sen, dass auch noch die kleins­te Büh­ne ein mehr oder we­ni­ger „hei­li­ger Ort“sein kann. (Schlacht­hof, 15.2.)

Kei­ne Hem­mun­gen, aber vor al­lem auch kei­ne Brem­sen kennt schließ­lich die neue En­sem­ble-Pro­duk­ti­on im Lust­spiel­haus: Un­ter dem Mot­to Auf See – Un­sinn hart am Wind klet­tern Jo­chen Malms­hei­mer, Sven Kemm­ler, Dag­mar Schön­le­ber, Micha­el Sai­ler, Till Hoff­mann, Patrick Sal­men, Mar­ti­na Schwarz­mann, Nes­si Tau­send­schön, Alex Burk­hard, Ulan & Ba­tor, Ma­thi­as Tret­ter und Se­ve­rin Gro­eb­ner in die Ta­ke­la­ge. Nur vier Ta­ge lan­ge – die Pre­mie­re ist be­reits aus­ver­kauft – se­geln sie über al­le Un­tie­fen hin­weg, stop­fen die Bug­ka­no­ne und han­tie­ren mit Holz­bei­nen und En­ter­ha­ken. (Lust­spiel­haus, 14. bis 17.2.)

Der al­te Mann und der Hut: JO­SEF PRET­TE­RER

Jun­ge Frau und ihr Haar: FRAN­ZIS­KA WAN­NIN­GER

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