Ih­re Ein­sät­ze, Herr­schaf­ten!

Poetisches im Pri­va­ten, Po­li­ti­sches auf der Büh­ne: Sel­ten war Aus­ge­hen so wich­tig

In München - - INHALT - Ru­pert Som­mer

Po­li­ti­sche Bri­sanz auch auf den Büh­nen ist ein Ge­bot der St­un­de. Und nicht nur Tho­mas Krü­ger, Prä­si­dent der Bun­des­zen­tra­le für Po­li­ti­sche Bil­dung, und So­phie Be­cker vom Spiel­mo­tor ha­ben ih­re wah­re Freu­de dar­an (sie­he „Ortsgespräch“vorn). Vor al­lem die Kam­mer­spie­le un­ter dem schei­den­den In­ten­dan­ten Mat­thi­as Li­li­en­thal und sein Dra­ma­turg Chris­toph Gurk kön­ne mit dem gro­ßen Fes­ti­val „Po­li­tik im Frei­en Thea­ter“, das mit 14 Gast­spie­len über Münch­ner Büh­nen tobt, noch ein­mal zei­gen, wo­für das zu­letzt in al­le Rich­tun­gen ge­öff­ne­te Haus ei­gent­lich ste­hen möch­te.

So geht es auch gleich ful­mi­nant mit der Pa­ra­di­se Now-Pro­duk­ti­on von Mi­chiel Van­de­vel­de los. Der Cho­reo­graf und sein Team aus Brüs­sel ha­ben sich 50 Jah­re nach der 68er Re­vo­lu­ti­on mit der Fra­ge aus­ein­an­der­ge­setzt, was von dem ur­sprüng­li­chen Auf­bruchs­geist über­haupt noch er­hal­ten ist. Da­für in­sze­niert er zu­sam­men mit 13 Ju­gend­li­chen der bel­gi­schen Trup­pe Fa­bu­leus noch ein­mal das be­rühm­te Li­ving-Thea­t­re-Stück zeit­ge­mäß neu. Ist po­li­ti­sches Han­deln über­haupt noch mög­lich? Aber ja! (Kam­mer­spie­le, 1./2.11.)

Die Wirt­schafs­kri­se des Jah­res 1997 in Süd­ko­rea bie­tet da­ge­gen die his­to­ri­sche Fo­lie für das Cuck­oo-Stück, das der Ge­sell­schaft eben­falls den Puls fühlt. Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit, so­zia­le Un­gleich­heit und drän­gen­de Fi­nanz­sor­gen füh­ren zu stei­gen­den Selbst­mord­ra­ten, so­zia­ler Ver­ein­sa­mung so­wie ei­ner ein­sei­ti­gen Fi­xie­rung auf Äu­ßer­lich­kei­ten und Tech­no­lo­gie-Schnick­schnack. Thea­ter­ma­cher Ja­ha Koo und drei „smar­te Reis­ko­cher“neh­men ihr Pu­bli­kum an die Hand und füh­ren sie durch 20 Jah­re in dem über­hitz­ten Olym­pia­land. (HochX, 4./5.11.)

Von Flücht­lings­strö­men, al­ler­dings je­nen, die nach Jah­ren des nicht so rich­tig be­en­de­ten Bür­ger­kriegs im­mer noch nicht be­frie­de­ten Ko­lum­bi­en über Me­xi­ko ins ver­meint­lich ge­lob­te Land USA drän­gen, er­zählt Lau­ra Uri­bes Ma­re No­strumPro­duk­ti­on. Sie setzt ein bild­ge­wal­ti­ges Mul­ti­me­dia­und Per­for­mance-Do­ku­men­tar­thea­ter in Gang, das sich sehr ein­dring­lich mit den Bil­dern von der all­täg­li­chen Tra­gö­die auf un­se­rem Mit­tel­meer ver­bin­den lässt. Aber­tau­sen­de Men­schen ver­schwin­den spur­los und hin­ter­las­sen nicht mal mehr Nach­rich­ten­auf­re­gung im Fern­se­hen. (Kam­mer­spie­le, 4.11.)

Auf Li­te­ra­ri­sches greift da­ge­gen das deutsch-bri­ti­sche Gob Squad-Kol­lek­tiv zu­rück. Für Crea­ti­on (Pic­tu­res for Do­ri­an) schnappt sich die Trup­pe Mo­ti­ve aus dem be­rühm­ten Os­car-Wil­de-Ro­man, um den pein­li­chen All­tags­nar­ziss­mus an­zu­pran­gern. (Kam­mer­spie­le, 5./6.11.)

In ein Ca­si­no ver­wan­delt sich der Thea­ter­saal in der £¥€$-Spiel­an­ord­nung, die nicht oh­ne Hin­ter­sinn mit den Sym­bo­len der gro­ßen Welt­wäh­run­gen ar­bei­tet. Al­le Be­su­cher wer­den da­bei am grü­nen Filz der Spiel­ti­sche plat­ziert, die ei­nen fik­ti­ven Fi­nanz­markt dar­stel­len sol­len. Die Crou­piers la­den al­le Teil­neh­mer dreist zum wüs­ten Spe­ku­lie­ren ein. Nur wer wagt, ge­winnt. Und doch ver­lie­ren al­le. Im­mer kom­ple­xer wird das Trei­ben, bis nie­mand mehr die Geld­me­cha­nis­men durch­schaut, wie man das an den Bör­sen täg­lich eben­falls be­ob­ach­ten kann. (Muf­f­at­werk, 8./9.11.)

Die be­rühm­te Ri­mi­ni Pro­to­koll-Trup­pe kommt mit ei­ner ähn­lich so­g­ar­ti­gen Abrech­nung mit Da­ta-Mi­ning und Big Da­ta, mit di­gi­ta­len Echo­kam­mern und den Ge­fah­ren un­ge­hemm­ten Ma­chi­ne Le­arnings da­her. Träu­men­de Kol­lek­ti­ve. Tas­ten­den­de Scha­fe ist die drit­te Re­fle­xi­on über den Staat – nach „Top Se­cret In­ter­na­tio­nal“über glo­bal rück­sichts­lo­se Ge­heim­diens­te und „Ge­sell­schafts­mo­dell Groß­bau­stel­le“. Dies­mal fra­gen die Ri­mi­nis nach dem Wert der Da­ten und brin­gen sie so­gar zum Klin­gen. Denn auch das Pu­bli­kum ist ge­for­dert: Über ei­ne Smart­pho­ne-App neh­men sie an ei­nem per­ma­nen­ten Ab­stim­mungs­pro­zess teil. Und der fiept und pin­gelt eben un­ge­bremst. (Mar­stall, 2./3.11.)

Doch „Po­li­tik im Frei­en Thea­ter“ist der­zeit nicht der ein­zi­ge fri­sche Fes­ti­val­wind, der durch Mün­chen weht. Span­nend ist auch das IETM Mu­nichWir­ken des In­ter­na­tio­na­len Netz­werks für Dar­stel­len­de Kunst. Vom Kul­tro­man „Fight Club“in­spi­riert kreist die Fight! Pa­last#mem­ber­son­ly-Pro­duk­ti­on aus Bern rund um die Fra­ge, wo sich ei­ne ver­meint­lich selbst­be­stimmt jun­ge Ge­ne­ra­ti­on heu­te über­haupt noch selbst fin­den kann. Sie lan-

det im düs­tern Kampf­kel­ler – bei har­tem Kör­per­trai­ning und prä­zi­se plat­zier­ten Pun­ches. (Re­ak­tor­hal­le, 1./2.11.)

Mit den Bil­dern von Weib­lich­keit – und das scham­los und selbst­iro­nisch – spielt die IETM-Auf­füh­rung Du (aber ei­gent­lich geht es um mich). Drei Schau­spie­le­rin­nen ar­bei­ten sich dar­in an den An­for­de­run­gen der Leis­tungs­ge­sell­schaft und den star­ren Vor­stel­lun­gen von Schön­heit und Häss­lich­keit ab. (Re­ak­tor­hal­le, 3.11.)

Wie gut, dass es just zu die­sem The­ma al­ler­dings auch noch deut­lich ver­söhn­li­che­re An­sät­ze gibt, die dem Pu­bli­kum nicht gleich den Ma­gen um­dre­hen. Als ei­ner der vie­len Hö­he­punkt zur Fei­er des 25-jäh­ri­gen Be­ste­hens der Thea­ter­aka­de­mie Au­gust Ever­ding holt Re­gis­seur An­dras Ger­gen für Cin­de­rel­la die Mu­si­cal-Fas­sung mit Mu­sik von Richard Rod­gers und Tex­ten von Os­car Ham­mer­stein auf die gro­ße Mär­chen­büh­ne. Na­tür­lich muss sich auch das Mä­del im ru­ßi­gen Rock fra­gen, wie sie je­mals zu ih­rem Traum­prinz kommt. Und dann bleibt auch noch ihr Stö­ckel­schuh ste­cken ... (Prinz­re­gen­ten­thea­ter, ab 31.10.)

Ganz gro­ßes Mu­sik-Ki­no ver­spricht na­tür­lich auch das Der Medicus-Mu­si­cal, das an den Er­folg des Lein­wand­schmacht­fet­zens mit sei­nen über drei Mil­lio­nen Zu­schau­ern in Deutsch­land an­knüp­fen möch­te. Der jun­ge En­g­län­der Rob Co­le wächst ei­gent­lich im mit­tel­al­ter­li­chen Lon­don auf. Er möch­te sich je­doch in die ara­bisch ge­hü­te­ten Ge­heim­nis­se der Me­di­zin ein­wei­hen las­sen und bricht in den Ori­ent auf. Ein be­wusst­seins­er­wei­tern­der Trip, auch fürs Pu­bli­kum. (Deut­sches Thea­ter, ab 8.11.)

Gar nicht erst weg aus Lon­don kommt man da­ge­gen mit dem Ori­gi­nal-Beat­les-Tri­bu­te Let it be, das di­rekt aus dem West End stammt. So swin­gen die Six­ties. Und auf der Büh­ne wer­den al­le Fan-Träu­me Wirk­lich­keit: die Reuni­on der Fab Four. (Deut­sches Thea­ter, 30.10. bis 4.11.)

Himm­li­sche Klän­ge der Beat­les? Oder doch lie­ber gleich Gott selbst als den ers­ten Re­gis­seur? Als sel­bi­gen sieht Ya­el Ro­nen den Schöp­fer, Ord­ner und Pa­ra­diestür­ste­her der ers­ten Bi­bel­sei­ten. #Ge­ne­sis ist für sie der sprich­wört­li­che „St­ar­ting Po­int“von al­lem. Un­ter­su­chen lässt sie von ih­rem Büh­nenen­sem­ble die ar­chai­schen Bil­der und ih­re erd­be­ben­glei­che Wir­kung – Na­tur­be­herr­schung, Frau­en­freund­lich­keit und bald lei­der auch Bru­der­mord und Tot­schlag. (Kam­mer­spie­le, 28./29.10.)

Et­was la­tent Archai­sches hat auch der star­ke Mo­ment des Lau­schens, wenn ein Ge­schich­ten­rei­se­lei­ter sei­ne Zu­hö­rer mit in atem­be­rau­ben­de Wel­ten führt. Das ist der Ur­mo­ment des Gu­te Stu­be-Er­zähl­fes­ti­vals, das be­reits zum drit­ten Mal in die­ser Stadt gas­tiert. Münch­ner Bür­ger öff­nen da­bei ih­re Wohn­zim­mer für fei­ne Aben­de mit pro­fes­sio­nel­len Garn­spin­nern aus Deutsch­land, Ös­ter­reich und der Schweiz. Wie einst bei Ho­mer. (Di­ver­se Or­te, 8.11. bis 11.11.)

Sel­fie-Wahn, schon bei Os­car Wil­de: CREA­TI­ON (PIC­TU­RES FOR DO­RI­AN)

Mit­tel­al­ter­li­cher Bu­den­zau­ber: DER MEDICUS

Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus am Ca­si­no-Spiel­tisch: £¥€$

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