Ka­bummm

Tho­mas Hirsch­horn macht die Vil­la Stuck und un­se­re Vor­stel­lun­gen ka­putt

In München - - ANSICHTSSACHE -

Wun­der­bar ist das. Wun­der­bar er­leich­ternd. Al­les ist ka­putt. Man muss nichts mehr auf­recht­er­hal­ten. Frisch und frei mar­schiert man mit­ten durch die Zer­stö­rung. Durch zu­sam­men­bre­chen­de Struk­tu­ren, über zer­bors­te­ne De­cken­tei­le, fun­keln­de Kron­leuch­t­er­scher­ben und brau­ne Kle­be­band­sa­la­te hin­weg, im­mer tie­fer in das Cha­os hin­ein. Sty­ro­por­schnip­sel all over. Und dann und wann ein Klo­de­ckel, auf den ei­ner „Nur il­le­ga­le Dro­gen sind coo­le Dro­gen“ge­schrie­ben hat. Über­haupt gibt es über­all Bot­schaf­ten. Schnell ge­krit­zelt oder auf ein Blatt Pa­pier ge­schrie­ben und ir­gend­wie, ir­gend­wo auf­ge­hängt. An die Wand, auf die Trep­pe, un­ters Fens­ter. „Ka­pi­ta­lis­ten Schwan“steht da zum Bei­spiel. Oder „Pus­te mich an und ba­de im Schnee“oder „Whe­re will I be? Play­ing Fi­fa in hea­ven“oder „Lo­ve wins“oder „My small tit­ties and my fat bel­ly“. Und da­ne­ben ei­ne sehr schö­ne Zeich­nung ei­nes Frau­en­kör­pers im Pro­fil, mit ei­nem Fuß, klei­nen Tit­ten und ei­nem apart mop­si­gen Hin­tern. Al­les darf und soll. Kunst zum Rein­fal­len und Mit­ma­chen. Und ehr­lich, das ist die Aus­stel­lung, die Mün­chen seit lan­gem gebraucht hat: ei­ne Rui­ne, die Krea­ti­vi­tät frei­setzt. Ei­ne Rui­ne, die da­zu da ist, dass wir in den Trüm­mern un­se­rer Vor­stel­lun­gen her­um­klet­tern und uns so be­wusst wer­den kön­nen, dass Vor­stel­lun­gen letzt­lich le­bens­feind­lich sind, weil sie ir­gend­wann die Herr­schaft über uns und un­ser Den­ken über­neh­men. Ir­gend­wann näm­lich denkt und fühlt die Vor­stel­lung für uns und wir sind nicht mehr in der La­ge wahr­zu­neh­men, was wir wirk­lich den­ken und füh­len. Was Tho­mas Hirsch­horn da in der Vil­la Stuck auf­ge­baut bzw. zer­stört hat, ist un­glaub­lich ge­scheit und funk­tio­niert un­glaub­lich gut. Ein ge­schütz­ter uto­pi­scher Er­fah­rungs­raum, in dem man sich jen­seits von den herr­schen­den Struk­tu­ren drau­ßen frei ma­chen kann. Und zwar oh­ne dass es weh tut, denn die Zer­stö­rung ist ja schon pas­siert. Was hier und jetzt so auf­rei­zend un­ge­ord­net her­um­liegt, ist frei­ge­wor­de­nes Po­ten­ti­al. Ka­bummm. Kon­se­quen­ter­wei­se ist der Ein­tritt in die Aus­stel­lung „Ne­ver Gi­ve Up The Spot“frei. Je­der kann rein, egal wie viel oder wie we­nig Geld er üb­rig hat. Trans­for­ma­ti­on kos­tet nichts und Kunst soll­te ei­gent­lich auch nichts kos­ten. Ent­spre­chend lo­cker und an­ge­nehm ist die At­mo­sphä­re. Kein Ge­tue weit und breit. Die ei­nen sit­zen ir­gend­wo und las­sen die in­sze­nier­te Ka­putt­heit auf sich wir­ken. An­de­re wer­keln in den klei­nen krea­ti­ven Un­ter­stän­den vor sich hin, schnit­zen Sty­ro­porskulp­tu­ren oder kle­ben oder ko­pie­ren oder ta­ckern. Al­les was hier ent­steht, darf man ir­gend­wo hin­le­gen, hin­kle­ben oder sonst­wie be­fes­ti­gen. Die­se Aus­stel­lung ist ein Pro­jekt. Und ein Pro­zess. Oder viel­mehr das Ab­bild ei­nes Pro­zes­ses. Und mal ab­ge­se­hen da­von, dass sie uns mit un­se­rer ei­ge­nen Zer­stört­heit kon­fron­tiert, möch­te der Schwei­zer In­stal­la­ti­ons­künst­ler mit sei­ner Rui­nen­skulp­tur auch ei­nen längst über­fäl­li­gen Dis­kurs an­stup­sen und stellt ganz kon­kret die Fra­gen: Wie­viel In­sti­tu­ti­on braucht Kunst? Wie­viel Da­seins­be­rech­ti­gung hat un­se­re Vor­stel­lung von Kun­st­re­zep­ti­on im öf­fent­li­chen Raum – auch Mu­se­um ge­nannt – über­haupt noch? Da­mit wir frei dar­über nach­den­ken kön­nen, hat er die Aus­stel­lungs­räu­me in der Vil­la Stuck zer­legt. Jetzt ist erst­mal al­les mög­lich. Die­se Er­kennt­nis kann man wie ein kost­ba­res Sou­ve­nir mit nach Hau­se neh­men.

Kost nix und je­der ist will­kom­men: Die Vil­la Stuck fei­ert ihr fünf­zig­jäh­ri­ges Ju­bi­lä­um mit ei­ner Rui­nen­skulp­tur des Schwei­zer Bild­hau­ers THO­MAS HIRSCH­HORN.

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