Vom Bor­der­li­ne-Nar­ziß­mus un­se­rer elek­tri­schen Le­bens­ge­fähr­ten

In München - - BELÄSTIGUNGEN -

Der Herbst, vor al­lem der spä­te (in dem man trotz Er­der­wär­mung nicht mehr je­den Tag in die Isar hüp­fen kann), ist ei­ne selt­sa­me Zeit. Da kom­men Sa­chen zu­rück, an die man längst kei­nen Ge­dan­ken mehr ver­schwen­det hat. Da­mit mei­ne ich nicht das an­ge­droh­te Come­back des mög­li­cher­wei­se schlimms­ten Wirt­schafts­fa­schis­ten der 90er und Nul­ler-Jah­re, der die letz­te Zeit als Vor­sit­zen­der der no­to­ri­schen „At­lan­tik-Brü­cke“und Lob­by-Pus­her di­ver­ser Geld­zen­tri­fu­gen bis hin zum Welt­vam­pir Black­Rock da­mit zu­brach­te, u. a. den deut­schen Steu­er­zah­lern dut­zen­de Mil­li­ar­den ab­zu­sau­gen, und nun via Vor­sitz der Größt­par­tei – für die er einst den Kampf­be­griff „Deut­sche Leit­kul­tur“er­sann – sein so­zia­les Ver­nich­tungs­werk zu voll­enden trach­tet. Nein, für solch un­er­freu­li­che Echo-Pöm­pe­lei­en aus „Chris­ti­an­sen“-Zei­ten hat ein emp­find­sa­mer Mensch im Herbst we­der Nerv noch Zeit. Zu­mal er da­von so­wie­so we­nig mit­kriegt, weil ihm ei­ne vor­dem voll­kom­men un­be­kann­te Or­ga­ni­sa­ti­on na­mens „PŸUR“das zum Kon­sum der Pro­pa­gan­da­ta­lks nö­ti­ge Si­gnal im Rah­men der „Voll­di­gi­ta­li­sie­rung“ab­ge­schal­tet hat und der Fern­se­her nur noch das zeigt, was auch beim Blick in den Herbst­him­mel das Bild er­füllt. Dies be­rich­tet dem seit Jah­ren fern­sehab­sti­nen­ten Be­richt­er­stat­ter die ver­zwei­fel­te Freun­din A, die hin­zu­fügt, sie wis­se nicht mal, wie man die­se Or­ga­ni­sa­ti­on ei­gent­lich aus­spricht, und schon gar nicht, wer sie er­mäch­tigt hat und wo sie über­haupt her­kommt. Im In­ter­net nach­schau­en kön­ne sie nicht, weil ihr Com­pu­ter, der mo­na­te­lang ver­geb­lich dar­auf war­te­te, daß sie vom Ba­den zu­rück­kommt, beim ers­ten Ein­schal­ten nur ein sanft blin­ken­des Fra­ge­zei­chen zeig­te und bei wei­te­rem Nach­boh­ren mel­de­te, es sei „das Pro­blem -69842“auf­ge­tre­ten. Ganz an­ders C, der zur Ver­stän­di­gung mit der Au­ßen­welt neu­er­dings auf sein rau­schen­des, hin und wie­der ge­witt­rig don­nern­des Fest­netz­te­le­phon zu­rück­grei­fen muß, weil das Smartphone nur noch selt­sa­me Sym­bo­le an­zeigt und gleich­zei­tig das Heim­netz­werk in ei­ne End­los­schlei­fe von ge­schei­ter­ten Ver­bin­dungs­auf­bau­ar­bei­ten ge­fal­len ist. Da sei wohl we­nig zu ma­chen, ha­be ihm ein „Ex­per­te“mit­ge­teilt, weil es zur Re­pa­ra­tur ei­nes nicht funk­tio­nie­ren­den Netz­werks drin­gend ei­nes funk­tio­nie­ren­den Netz­werks be­dür­fe. Oder so ähn­lich. T wie­der­um, des­sen „schwe­re Aus­nah­me­feh­ler“einst Stamm­tisch­the­ma wa­ren, weil sie re­gel­mä­ßig zu Wut­an­fäl­len und schließ­lich via Mö­bel­zer­stö­rung zur Schei­dung und vor­über­ge­hen­den To­tal­ver­ein­sa­mung vor nicht re­agie­ren­den Bild­schir­men führ­te, trägt neu­er­dings ei­ne App­le-Watch spa­zie­ren, von der nie­mand weiß, was er da­mit an­stellt. Das heißt: trug. Näm­lich ließ er sich ge­dan­ken­los auf ein Up­date ein, das kurz dar­auf zu­rück­ge­zo­gen wur­de, lei­der aber schon ir­re­pa­ra­blen Scha­den an­ge­rich­tet hat­te, wes­halb die Watch aus­ge­tauscht wer­den muß, was aber dau­ert, weil er so vie­le Lei­dens­ge­nos­sen hat. OLED-Dis­plays, Notch-Funk­tio­na­li­tä­ten, GUID-Par­ti­tio­nen, Triple-Ka­me­ra-Ein­hei­ten, WD6400BEVT-22A0RT0-Con­tai­ner­me­di­en, Sea­led-Sen­der-Si­gna­le, Way­moS­teu­er­sys­te­me, Goog­le-Dood­les, Word­press-In­te­gra­tio­nen, Selec­tive Sync Op­ti­ons, Pi­xel­dich­te-Er­ken­nung, Tra­vel-Mu­gHe­alt­hKits, RSS-Feeds, We­arS­paceNoi­seCan­cel­ling … al­les bricht zur Zeit stän­dig ab oder zu­sam­men, wird ge­hackt oder von in­nen zer­setzt. Das Mail­pro­gramm schickt sich selbst Droh­bot­schaf­ten mit Bit­co­in-For­de­run­gen, wäh­rend in sämt­li­chen Ecken der ver­ka­bel­ten Woh­nung al­le mög­li­chen Ge­rä­te mit ver­geb­li­chen Neu­starts und Re­for­ma­tie­run­gen be­schäf­tigt sind. Der Ra­dio be­rich­tet, ein Pro­gramm zur au­to­ma­ti­schen Kün­di­gung miß­lie­bi­ger Mit­ar­bei­ter ha­be als ers­ten den Mit­ar­bei­ter ent­las­sen, der das Pro­gramm pro­gram­miert hat­te. Dann mel­det auch noch das au­to­ma­ti­sier­te Ta­gesho­ro­skop: „Heu­te er­ken­nen Sie sehr ge­nau, was sie füh­len sich von sich, aber auch Ih­ren Mit­men­schen er­war­ten.“Ga­ga akut! Und nie, nie sind die Gadgets, Tei­le, Apps, Units und Pro­gram­me sel­ber schuld. Im­mer ist ih­nen an­geb­lich ir­gend­was an­ge­tan wor­den, von Geis­tern oder uns oder not­falls rus­si­schen Ha­ckern, die uns schließ­lich auch den der­zei­ti­gen US-Prä­si­den­ten­dar­stel­ler auf­ge­halst ha­ben. Das wirft ei­nen Ver­dacht auf, den (per Spam) ein „Li­fe Coach“ver­stärkt: „Der Nar­zißt glaubt sei­ne Ge­füh­le im­mer von au­ßen ver­ur­sacht und emp­fin­det da­für folg­lich auch kei­ne Ver­ant­wor­tung“. Daß gleich­zei­tig das Fest­plat­ten­dienst­pro­gramm mel­det, es kön­ne ei­ne be­schä­dig­te Par­ti­ti­on nicht re­pa­rie­ren, weil es selbst Teil die­ser Par­ti­ti­on sei, un­ter­streicht den Ver­dacht. Ra­sche Stim­mungs­wech­sel auf­grund ge­stör­ter Selbst­wahr­neh­mung spre­chen eben­so für das zu­sätz­li­che Vor­lie­gen ei­ner Bor­der­li­ne­stö­rung wie sui­zi­da­le Hand­lun­gen und zwang­haf­te Ver­su­che, ein Ver­las­sen­wer­den zu ver­mei­den (wer schon mal 16 St­un­den vor ei­nem zi­cken­den Lap­top saß, weiß, was ich mei­ne). War­um es gera­de im Herbst ver­mehrt zu so was kommt? Wir kön­nen es nur ver­mu­ten oder Ana­lo­gi­en zum ei­ge­nen Welt­schmerz un­ter trü­ben Him­meln zie­hen. Die Elek­tro­psy­cho­lo­gie ist noch we­nig er­forscht. Der Frei­staat Bay­ern z. B. pumpt zwar 20 Mil­lio­nen Eu­ro in ein „Zen­trum für künst­li­che In­tel­li­genz“, das aber vor­ran­gig BMW beim Bau­en men­schen­lo­ser Au­tos hel­fen und über ei­nen „Neu­ro­bio­tik-Si­mu­la­tor“das Hirn­mo­dell ei­ner Maus nach­bil­den soll. Al­ler­dings: auch das könn­te ei­ne Ge­wich­tung sein, an der kein or­ga­ni­sches Le­be­we­sen be­tei­ligt war, son­dern nur ein schwer­mü­ti­ger Al­go­rith­mus. Der mög­li­cher­wei­se auch den Merz wie­der in die Welt ge­pufft und sich an­schlie­ßend vor Gram selbst ge­löscht hat.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.