AUS­STEL­LUN­GEN

Kunst ist Stoff­wech­sel

In München - - INHALT - Va­len­tin Karl­stadt Barbara Tei­chel­mann

Am 7. No­vem­ber 1918 wur­de der baye­ri­sche Kö­nig Lud­wig III. ge­stürzt und der Frei­staat Bay­ern aus­ge­ru­fen. Ziel der Re­vo­lu­ti­on, die der un­ab­hän­gi­ge So­zi­al­de­mo­krat Kurt Eis­ner zu­sam­men mit ei­ner über­sicht­li­chen Schar von Links­op­po­si­tio­nel­len an­führ­te, war es, den Krieg zu be­en­den und ei­ne par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie ein­zu­füh­ren. 105 Ta­ge hielt sich Kurt Eis­ner an der Spit­ze des Volks­staa­tes Bay­ern, bis er am 21. Fe­bru­ar 1919 er­mor­det wur­de, kurz be­vor er sei­nen Rück­tritt be­kannt ge­ben woll­te. Noch am glei­chen Tag wur­de die „Münch­ner Rä­te­re­pu­blik“aus­ge­ru­fen und we­ni­ge Wo­chen spä­ter die „Baieri­sche Rä­te­re­pu­blik“. Bis Mai 2019 er­in­nert die Stadt Mün­chen nun un­ter dem Mot­to „1918 | 2018. Was ist De­mo­kra­tie?“und mit gro­ßem Pro­gramm an die Re­vo­lu­ti­on – und die Zeit da­nach. 170 Part­ner – von lo­ka­len Ge­schicht­s­in­itia­ti­ven, Mu­se­en und Ar­chi­ven über die Hoch­schu­le der Je­sui­ten bis hin zum Ame­ri­ka­haus – be­tei­li­gen sich an dem sechs­mo­na­ti­gen, öf­fent­li­chen Dis­kurs zum The­ma De­mo­kra­tie. Es gibt Le­sun­gen, Thea­ter und Per­for­man­ces, Kon­zer­te, Fil­me, Rund­gän­ge und na­tür­lich auch Aus­stel­lun­gen (al­le Infos hier: mu­en­chen.de).

Auch das klei­ne Mu­säum ist da­bei und zeigt elf Ori­gi­nal­zeich­nun­gen des Künst­lers Hein­rich Kley aus dem ei­ge­nen Archiv. Kley, ge­bo­ren 1863 in Karlsruhe, leb­te von 1909 bis zu sei­nem Tod im Fe­bru­ar 1945 in Mün­chen, wo er sich durch Ver­öf­fent­li­chun­gen in den Sa­ti­re­zeit­schrif­ten „Sim­pli­cis­si­mus“und „Ju­gend“ei­nen Na­men mach­te. Es gab gan­ze „Sim­pli­cis­si­mus“-Aus­ga­ben, die aus­schließ­lich von Kley ge­zeich­net wur­den. Die Aus­stel­lung Sei kein Frosch (bis 12. Fe­bru­ar) zeich­net ein eher eu­pho­ri­sches Bild der Re­vo­lu­ti­on aus den ers­ten Ta­gen des Um­bruchs, als die Be­geis­te­rung noch groß war.

Die Mo­na­cen­sia be­schäf­tigt sich mit der Rol­le von Schrift­stel­lern wäh­rend Re­vo­lu­ti­on und Rä­te­zeit und stellt die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Li­te­ra­tur und Po­li­tik. Mit Kurt Eis­ner, Gus­tav Lan­dau­er, Erich Müh­sam und Ernst Tol­ler rückt die Aus­stel­lung Dich­tung ist Re­vo­lu­ti­on (9. No­vem­ber bis 30. Ju­ni, Ka­ta­log) vier Schrift­stel­ler in den Fo­kus, die zu wich­ti­gen po­li­ti­schen Ak­teu­ren wur­den. „Die Dicht­kunst“schrieb Erich Müh­sam „ist nichts als ei­ne mei­ner Waf­fen im Kampf.“Auch Wal­ter Kuhn (geb. 1946) stellt sei­ne Ar­beit mit­ten in den öf­fent­li­chen Raum, mit­ten auf den Kö­nigs­platz. 3.000 hüft­ho­he, ro­te Mohn­blu­men aus Kunst­sei­de wer­den den ge­schichts­träch­ti­gen Ort aus dem grau­en All­tag ka­ta­pul­tie­ren und in ein si­gnal­ro­tes Farb­feld ver­wan­deln. Die­se Kunst­ak­ti­on Ne­ver again (bis 2. De­zem­ber) wird am 11. No­vem­ber er­öff­net, al­so ge­nau 100 Jah­re nach En­de des Ers­ten Welt­kriegs. In ei­ner Black Box (täg­lich ge­öff­net zwi­schen 13 und 19 Uhr) vor der Glyp­to­thek wer­den per Vi­deo Tex­te zu den The­men Krieg, Frie­den und Wi­der­stand ge­le­sen. Man kennt den blut­ro­ten Klatsch­mohn nicht nur von som­mer­li­chen Wie­sen, son­dern auch, weil er in vie­len eng­lisch­spra­chi­gen Län­dern am Re­mem­bran­ce Day zur Er­in­ne­rung an die Op­fer der Krie­ge ge­tra­gen wird. Aber Kuhn will mit sei­ner Ak­ti­on über das Ge­den­ken an ge­fal­le­ne Sol­da­ten hin­aus­ge­hen und auch der zi­vi­len Op­fer al­ler Krie­ge bis in die Ge­gen­wart ge­den­ken. Man mag sich gar nicht über­le­gen, wie­viel Mal man die 3.000 Blu­men mit was für ei­nem Zah­len­wert mul­ti­pli­zie­ren müss­te, da­mit ein ei­ni­ger­ma­ßen rea­lis­ti­scher Wert her­aus­kä­me. Dass man es doch tut, ist gut.

„Fik­ti­on und Fak­ten“ist das Mot­to des Kunst­sa­lon 2018 (8. No­vem­ber bis 2. De­zem­ber) im Ägyp­ti­schen Mu­se­um, ei­ner der „wich­tigs­ten Leis­tungs­shows für ak­tu­el­le Strö­mun­gen der zeit­ge­nös­si­schen Kunst in Mün­chen mit na­tio­na­ler und in­ter­na­tio­na­ler Be­tei­li­gung“. Zu­min­dest be­haup­ten das die Ver­an­stal­ter, die Freie Münch­ner und Deut­sche Künst­ler­schaft. Der Kunst­sa­lon sieht sich in der Tra­di­ti­on der Pa­ri­ser Sa­lons, holt die Kunst al­so di­rekt aus dem Ate­lier und oh­ne Be­wer­tung durch Drit­te, jen­seits des Dik­tats der Händ­ler und Mu­se­ums­ku­ra­to­ren. Es gilt al­so das Prin­zip der „frei­en Ein­sen­dung“, wo­bei das letz­te Wort ei­ne jähr­lich wech­seln­de Ju­ry von Künst­lern hat. Die­ses Jahr wer­den 104 Ex­po­na­te von 64 Künst­lern ge­zeigt, ein Drit­tel von ih­nen kom­men aus 10 eu­ro­päi­schen und über­see­ischen Län­dern.

Ver­spielt ist er halt, der Jo­na­than Mee­se. Und so wun­dert es nicht, dass er schon im­mer und im­mer wie­der mit dem Thea­ter zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat. Jetzt spen­diert die Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne dem in­ter­na­tio­nal po­la­ri­sie­ren­dem Cha­rak­ter­kunst­kopf ei­ne Werk­schau, die 25 Jah­re um­fasst. Die Irr­fahr­ten des Mee­se (Vernissage mit Künst­ler am 14. No­vem­ber um 19 Uhr, 15. No­vem­ber bis 3. März, Ka­ta­log) rückt Mee­ses Um­gang mit Bild und Text ins Zen­trum. Kern der Aus­stel­lung sind 18 Ge­mäl­de aus ei­ner Se­rie, die sich im Be­sitz des Künst­lers be­fin­det und bis jetzt be­wusst von ihm zu­rück­ge­hal­ten wur­de. Ei­ni­ge der Bil­der wur­den noch nie öf­fent­lich ge­zeigt. Da­zu 25 Raum­mo­del­le und Klein­plas­ti­ken so­wie rund 75 Zeich­nun­gen, Fo­to­col­la­gen und Künst­ler­bü­cher. Im Rück­blick wer­den zen­tra­le The­men deut­lich, die im­mer wie­der auf­tau­chen: Ges­ten und In­si­gni­en von Macht, Krieger und Krie­ge­rin­nen, die Schur­ken der Mär­chen, die Schre­cken im Kin­der­zim­mer oder die Am­bi­va­lenz des Bö­sen. Oder wie Mee­se sagt: „Es gibt kei­ne Al­ter­na­ti­ve zu Kunst. Kunst ist Ver­dau­ung. Es geht nicht um Ge­schmack. Kunst ist Stoff­wech­sel.“

Zum Schluss hüp­fen wir noch schnell in die Ar­to­thek, wo Flo­ri­an FroesePeeck sich mit den un­sicht­ba­ren Aspek­ten von Sys­te­men be­schäf­tigt. Grund­ge­dan­ke für Mil­le Pla­teaux (16. No­vem­ber bis 5. Ja­nu­ar) ist das Prin­zip des Rhi­zoms, das als Le­be­we­sen meist un­sicht­bar un­ter der Ober­flä­che bleibt. So ist auch die In­stal­la­ti­on kein ein­zel­nes Werk, son­dern ei­ne aus­schwei­fen­de Aus­stel­lung über das, was sonst durch Re­duk­ti­on und Abs­trak­ti­on im Hin­ter­grund bleibt. Hin­ge­hen, an­schau­en, sel­ber her­aus­fin­den.

À-po­int-Bild­bena­mung à la JO­NA­THAN MEE­SE: „‚Chef de Kunst‘ sagt: Kunst ist de Chef!“

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