Rei­se­re­por­ter und Fo­to­al­che­mist

Wer­ner Stuh­ler mit 91 Jah­ren bei Lindau ge­stor­ben

Ipf- und Jagst-Zeitung - - KULTUR . - Von Jo­han­nes Sch­mitt-Teg­ge Von Rolf Wald­vo­gel

(dpa) - Mit ih­rer pro­west­li­chen Hal­tung setz­te sie sich für ei­ne po­li­ti­sche Öff­nung Irans ein. Auch nach der Re­vo­lu­ti­on von 1979 glaubt Ex-Kai­se­rin Fa­rah Pahlavi an ei­nen de­mo­kra­ti­schen Wan­del. Wie sto­ckend die­ser Pro­zess geht, zeigt das Ge­zer­re um ei­ne spek­ta­ku­lä­re Aus­stel­lung in Ber­lin. Am Sonn­tag wird die Da­me, die auch im­mer ak­ti­ver Teil des in­ter­na­tio­na­len Jet­sets war, 80 Jah­re alt.

Es soll­te ein High­light im Ber­li­ner Kul­tur­jahr 2016 wer­den, aus Sicht man­cher Kunst­lieb­ha­ber gar ei­ne klei­ne Sen­sa­ti­on: Das Te­he­ran Mu­se­um für Zeit­ge­nös­si­sche Kunst (TMoCA) woll­te sei­ne Kron­ju­we­len zei­gen – als Samm­lung erst­mals au­ßer­halb Irans. Die Ge­mäl­de­ga­le­rie be­rei­te­te sich auf be­gehr­te Ar­bei­ten von Jack­son Pol­lock, Mark Roth­ko und Fran­cis Ba­con so­wie pro­mi­nen­ter ira­ni­scher Künst­ler vor. Der „Eco­no­mist“sag­te ei­ne „Block­bus­terSchau“vor­aus. Doch dann, nach viel di­plo­ma­ti­schem Ge­zer­re, kam das Aus. Die Aus­stel­lung wur­de ab­ge­sagt.

Im Schaf­fen der ehe­ma­li­gen per­si­schen Kai­se­rin Fa­rah Pahlavi war die­se Ab­sa­ge ein her­ber Rück­schlag. Pahlavi hat­te das TMoCA kurz vor Aus­bruch der Re­vo­lu­ti­on von 1979 aus der Tau­fe ge­ho­ben und ge­hol­fen, da­rin die be­ein­dru­ckends­te Samm­lung mo­der­ner west­li­cher Meis­ter­wer­ke au­ßer­halb Eu­ro­pas und Nord­ame­ri­kas an­zu­sam­meln. Ge­ra­de die­ses Ne­ben­ein­an­der west­li­cher Kunst mit mo­der­nen ira­ni­schen Künst­lern wä­re „sehr span­nend“ge­we­sen, sag­te sie der „Deut­schen Wel­le“An­fang 2017 nach der ge­platz­ten Ber­li­ner Aus­stel­lung, die auch in Rom Sta­ti­on ma­chen soll­te.

Ob Pahlavi ak­tiv für ei­nen zwei­ten An­lauf der Schau kämpft, ist un­klar. Die Ent­schei­dung ha­be sei­ner­zeit beim ira­ni­schen Prä­si­den­ten Has­san Ru­ha­ni ge­le­gen, schrieb der „Eco­no­mist“ un­ter Be­ru­fung auf Di­plo­ma­ten. Aber die Aus­fuhr­ge­neh­mi­gung der Wer­ke kam nicht, und so sag­te die Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz (SPK) die Aus­stel­lung kurz vor dem Jah­res­wech­sel 2017 ab. SPK-Prä­si­dent Her­mann Par­zin­ger er­klär­te sein „gro­ßes Be­dau­ern“.

Die kul­tur­po­li­ti­sche Brü­cke zwi­schen Iran und dem Wes­ten schien

- „Die be­wun­derns­wer­te Ern­te ei­nes rei­chen Künst­ler­le­bens.“Da­von war viel die Re­de, als Kress­bronn am Bo­den­see zum 90. Ge­burts­tag von Wer­ner Stuh­ler ei­ne letz­te gro­ße Re­tro­spek­ti­ve des weit über die Gren­zen sei­ner Hei­mat be­kann­ten Fo­to­gra­fen zeig­te. Nun ist er in Her­gens­wei­ler fried­lich ein­ge­schla­fen.

Jahr­zehn­te­lang war „Fo­to: Wer­ner Stuh­ler“ein Gü­te­sie­gel un­ter un­zäh­li­gen Fo­tos auf Rei­se- und Re­por­ta­ge­sei­ten der gro­ßen deut­schen Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten – auch der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Ver­la­ge il­lus­trier­ten ih­re Bild­bän­de und Rei­se­füh­rer mit sei­nen Ar­bei­ten, und bei Wett­be­wer­ben wur­den ihm zahl­rei­che Prei­se zu­er­kannt. Da­bei war Stuh­ler eher zu­fäl­lig zu die­sem Be­ruf ge­kom­men. 1927 in Nürn­berg ge­bo­ren, in Lindau auf­ge­wach­sen, be­warb er sich nach dem Krieg – weil das Geld für ein Kunst­stu­di­um nicht reich­te – als Aus­hilfs­kraft in ei­nem Fo­to­ge­schäft. Dort wur­de das Fo­to­gra­fie­ren schnell zu sei­ner Lei­den­schaft, und ihr blieb er auch mit Freu­den treu.

„Zum Fromm­wer­den schön!“, hat Mar­tin Wal­ser ein­mal über Stuh­lerFo­tos ge­sagt – ei­ne Ver­nei­gung vor sei­nem Schul­freund aus Lin­dau­er Gym­na­si­ums­zei­ten. Da­bei klang an, was des­sen Fo­to­kunst im­mer aus­zeich­ne­te. Na­tür­lich wa­ren Men­schen und Land­schaf­ten die gän­gi­gen Su­jets für je­man­den, der die Fo­to­gra­fie zu sei­nem Brot­be­ruf ge­macht bei di­plo­ma­ti­schen Er­eig­nis­sen.

Öff­nung be­deu­te­te auch Rei­sen des Paa­res, dar­un­ter nach Nor­we­gen, Ös­ter­reich, Russ­land und in Tei­le Ost­eu­ro­pas und die USA. Wie um­strit­ten Iran we­gen sei­ner schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen da­bei war, zeig­ten 1967 die Pro­tes­te in Ber­lin. Der töd­li­che Schuss ei­nes Po­li­zis­ten auf den Stu­den­ten Ben­no Oh­ne­s­org wäh­rend der De­mons­tra­tio­nen wur­de zum Schlüs­sel­mo­ment der deut­schen 68er-Be­we­gung.

Die im sel­ben Jahr zur Kai­se­rin ge­krön­te Pahlavi (of­fi­zi­ell „Sch­ah­ba­nu“, Ge­mah­lin des Schahs) be­müh­te sich, per­si­sche Frau­en aus alt­her­ge­brach­ten Bräu­chen zu rei­ßen. Doch das pro­west­li­che Paar zog den Zorn der Tra­di­tio­na­lis­ten auf sich und wur­de im Zu­ge der Re­vo­lu­ti­on von 1979 schließ­lich ins Exil ge­trie­ben. „Ich ha­be die per­sön­li­che Hoff­nung, dass der Iran ein de­mo­kra­ti­sches Land wird, das Men­schen- und Frau­en­rech­te re­spek­tiert, und dass es nicht in meh­re­re Stü­cke zer­fällt“, sag­te sie der „Deut­schen Wel­le“2017. Ei­nen „vol­len Ter­min­plan“hat die ver­wit­we­te Ex-Kai­se­rin – der krebs­kran­ke Schah starb 1980 – bis heu­te, teilt ihr Se­kre­tär und Spre­cher Kam­biz Ata­bai der Deut­schen Pres­se-Agen­tur mit.

Die Hoff­nung auf die „Block­bus­ter“-Kunst des TMoCA hat die Stif­tung Preu­ßi­scher Kul­tur­be­sitz der­weil „noch nicht ganz auf­ge­ge­ben“, teilt ein Spre­cher aus Ber­lin mit, und fügt hin­zu: „Es liegt jetzt aber an der ira­ni­schen Sei­te, hier ein Zei­chen zu ge­ben.“ hat­te. Aber auf den zwei­ten Blick wur­de vor Stuh­lers Bil­dern schnell klar, wie en­ga­giert er über die Gren­zen sei­nes Me­di­ums ging. Die Welt­läu­fig­keit des Fo­to­re­por­ters war das ei­ne, das Ge­spür für sein Ge­gen­über, das Er­fas­sen von Si­tua­tio­nen das an­de­re, wich­ti­ge­re. „Ins­ze­nier­te Fo­to­gra­fie“nann­te er das.

Land­schaf­ten – Fel­sen, Bäu­me, Gras – ha­ben Stuh­ler im­mer stark an­ge­zo­gen. Aber auch hier setz­te er auf die Di­men­si­on hin­ter den Din­gen und be­schritt mit sou­ve­rä­ner Si­cher­heit den Weg vom rein do­ku­men­ta­ri­schen Fo­to zum Kunst­fo­to. Dem Ex­pe­ri­men­tie­ren in sei­ner „Ge­heim­nis­kü­che“, wie er die Dun­kel­kam­mer nann­te, hat­te er sich vor al­lem in der zwei­ten Le­bens­hälf­te ver­schrie­ben. Und wenn er dann mit Farb­tö­nen spiel­te, Kon­tras­te aus­reiz­te und Su­jets spie­le­risch ver­frem­de­te, ver­lie­ßen sei­ne Fo­tos die rei­ne Ab­bil­dung der Wirk­lich­keit und wur­den zu Fo­to­gra­fik mit enor­mer Sug­ges­ti­ons­kraft. Lust­voll zün­de­te er ein ma­gisch-poe­ti­sches Feu­er­werk der An­spie­lun­gen, das je­dem sein ei­ge­nes Er­le­ben ließ. Und das al­les er­reich­te die­ser Fo­to­al­che­mist und Ver­suchs­fa­na­ti­ker ana­log, mit her­kömm­li­chen Mit­teln, al­so Film, Fi­xier­bad etc. Di­gi­tal hat er nie ge­ar­bei­tet.

Auch an sei­nem 90. Ge­burts­tag hat­te der stets neu­gie­ri­ge Stuh­ler noch Wün­sche of­fen. Was ihn rei­ze, sei die fo­to­gra­fi­sche Um­set­zung der The­men Zeit und Er­in­ne­rung, mein­te er da­mals. Nun bleibt ihm kei­ne Zeit mehr. Und das Er­in­nern ist an uns. Wir wer­den es sehr ger­ne tun.

FO­TO: DPA

Die Schah-Wit­we Fa­rah Di­ba Pahlavi stell­te in ih­rer Zeit als per­si­sche Kai­se­rin in Te­he­ran ei­ne der be­deu­tends­ten Samm­lun­gen west­li­cher Kunst au­ßer­halb Eu­ro­pas zu­sam­men – und war­tet seit Jahr­zehn­ten im Exil ver­geb­lich dar­auf, die­se Kunst­wer­ke in Eu­ro­pa zu prä­sen­tie­ren. Pahlavi früh am Her­zen zu lie­gen. Dem per­si­schen Schah Mo­ham­mad Re­za Pahlavi war die Di­plo­ma­tenToch­ter und Ar­chi­tek­tur­stu­den­tin – da­mals noch Fa­rah Di­ba – in Pa­ris be­geg­net, die bei­den hei­ra­te­ten 1959. Sie wur­de Prä­si­den­tin von mehr als 30 so­zia­len, päd­ago­gi­schen und kul­tu­rel­len Ein­rich­tun­gen. Sie stand für west­li­che Öff­nung und Stil­si­cher­heit

FO­TO: PRI­VAT

Wer­ner Stuh­ler 2017 in­mit­ten sei­ner Fo­to­gra­fi­en.

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