Neue Ki­ta-Ge­büh­ren: El­tern war­ten auf Klar­heit

Trotz Bei­trags­de­ckel könn­ten die Kos­ten vie­ler­orts stei­gen – Ge­mein­de­tag sieht Struk­tur­feh­ler

Kieler Nachrichten - - ERSTE SEITE - VON HEI­KE STÜBEN

KIEL. Ei­nen Mo­nat be­vor die Ki­ta-Ge­büh­ren in Schles­wi­gHol­stein ge­de­ckelt wer­den sol­len, wissen vie­le El­tern im­mer noch nicht, wie viel sie für die Be­treu­ung ih­res Kin­des künf­tig tat­säch­lich zah­len müs­sen. An­de­re kla­gen, dass durch ei­nen Trick mehr Kos­ten ent­ste­hen als vom Land be­ab­sich­tigt. Für den Ge­mein­de­tag ist das ei­ne Fol­ge von Struk­tur­feh­lern im neu­en Ki­ta-Ge­setz.

Ei­gent­lich soll­te das kom­plet­te Ki­t­are­form-Ge­setz zum

1. Au­gust in Kraft tre­ten. We­gen der Co­ro­na-Kri­se ver­stän­dig­ten sich Lan­des­re­gie­rung und kom­mu­na­le Spit­zen­ver­bän­de aber, das Ge­setz auf den

1. Ja­nu­ar 2021 zu ver­schie­ben – mit ei­ner Aus­nah­me: Die neu­en Ma­xi­mal­ge­büh­ren gel­ten be­reits ab Au­gust. Durch die­sen Bei­trags­de­ckel sol­len Ge­büh­ren von bis zu 780 Eu­ro für ei­nen Ganz­tags­platz künf­tig ver­hin­dert wer­den. Die Ach­tSt­un­den-Be­treu­ung darf ab

Au­gust ma­xi­mal 288,40 Eu­ro für Un­ter-Drei­jäh­ri­ge kos­ten und höchs­tens 226,40 Eu­ro für Über-Drei­jäh­ri­ge (oh­ne Es­sen).

El­tern be­kla­gen, dass sie im­mer noch nicht über die neu­en Ge­büh­ren in­for­miert wor­den sind. Die Ge­mein­den be­grün­den das mit der zwei­mo­na­ti­gen Co­ro­na-Zwangs­pau­se. Man ta­ge erst wie­der seit Mai, und das The­ma Ki­ta-Ge­büh­ren sor­ge oft für Streit.

Denn in et­li­chen Städ­ten und Ge­mein­den sind die Ge­büh­ren bis­her nied­ri­ger als der De­ckel. „El­tern be­rich­ten, dass man dort die Ge­büh­ren bis zur Ma­xi­mal­g­ren­ze er­hö­hen will, mit dem Ar­gu­ment: Das Land will das ja so, was de­fi­ni­tiv falsch ist. Ge­büh­ren un­ter dem De­ckel sind mög­lich“, sagt Yvon­ne Leid­ner von der Lan­des­el­tern­ver­tre­tung der Ki­tas. Die Er­hö­hung tref­fe vie­le El­tern hart, weil gleich­zei­tig das Land das Krip­pen­geld von 100 Eu­ro streicht.

Für Jörg Bü­low vom Ge­mein­de­tag Schles­wig-Hol­stein ist es nur lo­gisch, wenn Ge­mein­den wie et­wa La­boe die Ge­büh­ren hoch­fah­ren. „Die neue Fi­nanz­struk­tur führt da­zu, dass vie­le Ge­mein­den nicht wie an­ge­kün­digt ent­las­tet wer­den. Sie müs­sen den De­ckel aus­nut­zen, da­mit es fi­nan­zi­ell über­haupt noch auf­geht.“Über­schrit­ten wer­den dür­fe der De­ckel aber nicht, be­tont Bü­low. „Das kommt aber in Ein­zel­fäl­len vor“, sagt Leid­ner. „Be­grün­det wird das mit Zeit­not.“Im So­zi­al­mi­nis­te­ri­um heißt es da­zu: „Der De­ckel muss ein­ge­hal­ten wer­den.“

Was El­tern noch ver­drießt, sind „Ge­büh­ren durch die Hin­ter­tür“. In man­chen Ki­tas kann man künf­tig nur noch zwi­schen sechs oder neun St­un­den Be­treu­ung wäh­len. Wer we­ni­ger be­nö­tigt, muss den­noch den vol­len St­un­den­satz zah­len. „Das führt die Re­form ad ab­sur­dum“, fin­det Axel Brie­ge von der Lan­des­el­tern­ver­tre­tung. Jörg Bü­low sagt hin­ge­gen: „Das Prin­zip ist nicht neu. Ich kann mir aber vor­stel­len, dass das jetzt aus­ge­wei­tet wird für ei­ne bes­se­re Pl­an­bar­keit und ef­fek­ti­ve Per­so­nal­aus­las­tung.“

Ge­büh­ren un­ter dem De­ckel sind mög­lich. Yvon­ne Leid­ner, Lan­des­el­tern­ver­tre­te­rin der Ki­tas

KIEL. Die Co­ro­na-Be­schrän­kun­gen ha­ben El­tern be­son­ders hart ge­trof­fen. Nach dem Spa­gat zwi­schen Kin­der­be­treu­ung und Be­rufs­tä­tig­keit fra­gen sich nun vie­le, wie sie die Kin­der­be­treu­ung in den Fe­ri­en or­ga­ni­sie­ren sol­len, wenn die Ki­ta zwei oder drei Wo­chen schließt. Und dann sind da noch die neu­en Ge­büh­ren. Sie gel­ten ab Au­gust, doch vie­ler­orts ken­nen die El­tern die neu­en Ge­büh­ren­sat­zung noch nicht.

Die Som­mer­fe­ri­en nut­zen Fa­mi­li­en nor­ma­ler­wei­se für ei­ne ge­mein­sa­me Aus­zeit. Doch in die­sem Jahr ha­ben vie­le El­tern ih­ren Ur­laub be­reits auf­ge­braucht, um die Kin­der­be­treu­ung si­cher­zu­stel­len, als Ki­tas und Schu­len we­gen Co­ro­na si­cher­heits­hal­ber ge­schlos­sen wur­den. „Die El­tern treibt die Sor­ge um, wie die Kin­der in den Som­mer­fe­ri­en be­treut wer­den kön­nen, denn auch vie­le Frei­zei­ten fal­len aus“, er­klärt Axel Brie­ge, Vor­sit­zen­der der Lan­des­el­tern­ver­tre­tung der Ki­tas in Schles­wig-Hol­stein. Vie­le wüss­ten nicht, dass der ge­setz­li­che An­spruch auf Kin­der­be­treu­ung auch in Schließ­zei­ten der Ein­rich­tun­gen gilt. „Kin­dern muss auch dann ei­ne Er­satz-Be­treu­ung ge­bo­ten wer­den – al­ler­dings muss die­se nicht in der ge­wohn­ten Grup­pe oder ge­wohn­ten Ki­ta statt­fin­den“, er­klärt Yvon­ne Leid­ner von der Lan­des­el­tern­ver­tre­tung in Kiel. „Es gibt aber gro­ße Fra­ge­zei­chen, ob das in Zei­ten von Co­ro­na in die­sem Som­mer ge­währ­leis­tet wird. El­tern soll­ten ih­ren An­spruch bei den

Krei­sen gel­tend ma­chen.“

Un­si­cher­hei­ten herr­schen oft auch noch über die künf­ti­gen Ge­büh­ren. Das So­zi­al­mi­nis­te­ri­um hat mit dem Ki­ta- Ge­setz ei­ne neue Fi­nan­zie­rungs­struk­tur in der Kin­der­be­treu­ung auf den Weg ge­bracht. Der ers­te Teil greift ab Au­gust. Dann dür­fen die Ge­büh­ren pro Wo­chen­be­treu­ungs­stun­de ei­ne be­stimm­te Hö­he nicht mehr über­stei­gen. Bei den Un­ter-Drei­jäh­ri­gen dür­fen ma­xi­mal 7,21 Eu­ro und bei Über-Drei­jäh­ri­ge ma­xi­mal 5,66 Eu­ro ab­ge­rech­net wer­den.

Das Pro­blem: An et­li­chen Or­ten wer­den die Ge­büh­ren gar nicht stun­den­ge­nau ab­ge­rech­net. Bei­spiel Preetz: Für Krip­pen­kin­der gibt es dort kei­ne fünf­stün­di­ge Be­treu­ung pro Tag. Wer sein Kind nur für fünf St­un­den in die Krip­pe bringt, muss mehr St­un­den be­zah­len. Auch in Bad Se­ge­berg wer­den für ei­nen Vor­mit­tags­platz im­mer sechs St­un­den be­rech­net, auch wenn das Kind nicht so lan­ge be­treut wird. El­tern kri­ti­sie­ren das als Um­ge­hung des De­ckels.

Für vie­le El­tern wer­den zwar die Ge­büh­ren durch den De­ckel sin­ken. Für Kin­der un­ter drei Jah­ren (U3) wird es meist aber den­noch teu­rer. Der Grund: Bis­her zahlt das Land für Krip­pen­kin­der ei­nen Zu­schuss von 100 Eu­ro im Mo­nat – die­ses Krip­pen­geld fällt ab Au­gust weg.

Kiel will So­zi­al­staf­fel ab Au­gust güns­ti­ger ge­stal­ten

Ein Bei­spiel da­für ist Kiel. Dort kos­tet der Krip­pen­platz (acht St­un­den/Tag) bis­her 320 Eu­ro – net­to dank Krip­pen­geld al­so 220 Eu­ro. Ab Au­gust müs­sen El­tern 288 Eu­ro zah­len – fast ein Drit­tel mehr. Al­ler­dings be­trifft das nicht al­le Fa­mi­li­en. „Da­mit Fa­mi­li­en mit mitt­le­ren und un­te­ren Ein­kom­men durch das weg­fal­len­de Krip­pen­geld des Lan­des nicht be­las­tet wer­den, wird in Kiel die So­zi­al­staf­fel für die­se Fa­mi­li­en ab 1. Au­gust güns­ti­ger ge­stal­tet“, sagt die Kie­ler Bür­ger­meis­te­rin Re­na­te Treu­tel. Für Kiel be­deu­ten die neu­en Ge­büh­ren al­lein in die­sem Jahr Min­der­ein­nah­men von 600 000 Eu­ro.

Bei den Kin­dern über drei Jah­ren (Ü3) pro­fi­tie­ren hin­ge­gen al­le Kie­ler El­tern von dem neu­en De­ckel: Der Ganz­tags­platz kos­tet künf­tig 226 Eu­ro – rund 22 Eu­ro we­ni­ger als heu­te. In den städ­ti­schen Ki­tas in Bad Se­ge­berg pro­fi­tie­ren da­ge­gen al­le El­tern: Dort kos­tet der Ganz­tags­platz U3 heu­te 425 Eu­ro – dank Krip­pen­geld al­so net­to 325 Eu­ro. Ab Au­gust müs­sen die El­tern nur noch 288 Eu­ro zah­len, al­so 37 Eu­ro we­ni­ger. Die Er­spar­nis bei Über-Drei­jäh­ri­gen be­trägt rund 70 Eu­ro. Auch der Platz im Hort wird güns­ti­ger – die fünf­stün­di­ge Be­treu­ung kos­tet dann statt 180 nur noch 141,50 Eu­ro.

In Ne­u­müns­ter sind die Ge­büh­ren be­reits heu­te be­son­ders güns­tig und blei­ben auch wei­ter so nied­rig: Der Ganz­tags­platz kos­tet dort nur 182 Eu­ro im Mo­nat, die fünf­stün­di­ge Be­treu­ung 114 Eu­ro – und zwar un­ab­hän­gig vom Al­ter des Kin­des. Al­ler­dings wird sich auch hier bei den Kleins­ten der Weg­fall des Krip­pen­gel­des be­merk­bar ma­chen. Wer meh­re­re Kin­der in der Kin­der­be­treu­ung hat, pro­fi­tiert aber ab Au­gust von der neu­en Ge­schwis­ter-Er­mä­ßi­gung im Ki­ta-Ge­setz: Dann muss für das zwei­te Kind deut­lich we­ni­ger als heu­te ge­zahlt wer­den und für wei­te­re Kin­der fal­len dann gar kei­ne Ge­büh­ren mehr an.

Die El­tern treibt die Sor­ge um, wie die Kin­der in den Som­mer­fe­ri­en be­treut wer­den kön­nen. Axel Brie­ge, Vor­sit­zen­der der Lan­des­el­tern­ver­tre­tung der Ki­tas

FO­TO: DPA

Noch ist vie­len El­tern un­klar, wie viel Geld sie für die Kin­der­be­treu­ung ab 1. Au­gust ein­pla­nen müs­sen.

FO­TOS: UWE ANSPACH / SON­JA PAAR

Seit der Co­ro­na-Kri­se ist es für El­tern schwie­rig ge­wor­den, ih­re Kin­der be­treu­en zu las­sen. Mit den Fe­ri­en wach­sen die Pro­ble­me.

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