Kei­ne Aus­sicht auf Lin­de­rung

Die Bi­lanz zum ers­ten hal­ben Jahr mit dem Co­ro­na­vi­rus fällt bit­ter aus

Kieler Nachrichten - - MEINUNG - IM­RE GRIMM MEDIENREDA­KTEUR po­li­ti­k­re­dak­ti­on@kie­ler-nach­rich­ten.de

Seit sechs Mo­na­ten be­fin­det sich der Pla­net nun im Wür­ge­griff der Pan­de­mie. Sechs Mo­na­te ist es her, dass Chi­na die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on über ein neu­ar­ti­ges Vi­rus in­for­mier­te. Und spä­tes­tens seit März, als das fer­ne Wu­han plötz­lich über­all war, le­ben wir emo­tio­nal im Aus­nah­me­zu­stand. Ita­lie­ni­sche Ar­mee­last­wa­gen vol­ler Sär­ge, Ho­me-Schoo­ling, zitt­ri­ge Sky­pe-Ge­sprä­che, R-Zahl-Dis­kus­sio­nen, Mas­ken­gefum­mel. Aus­nah­me­nor­ma­li­tät. Kein Wort be­schreibt den Schwe­be­zu­stand der Welt bes­ser als die­ser Wi­der­spruch in sich.

Die bit­te­re Bi­lanz zum ers­ten hal­ben Jahr mit Co­ro­na: Es gibt welt­weit zehn Mil­lio­nen In­fi­zier­te, 500 000 Men­schen sind nach ei­ner In­fek­ti­on mit dem Vi­rus ge­stor­ben. Und die Aus­sich­ten? Sie ver­düs­tern sich ge­ra­de wie­der. Ein Impf­stoff ist nicht in Sicht. Ob er über­haupt kommt, ist frag­lich.

In den ers­ten Wo­chen die­ser neu­en Kri­se er­schau­er­ten wir an­ge­sichts von Welt­nach­rich­ten im Stak­ka­to, wir näh­ten Mas­ken, wir san­gen „Der Mond ist auf­ge­gan­gen” und kleb­ten Re­gen­bö­gen auf die Fens­ter. Als in den rö­mi­schen Stra­ßen­schluch­ten die Men­schen san­gen, fla­cker­te kurz die Hoff­nung auf ei­ne mensch­li­che­re Welt auf. Aber die Hoff­nung scheint zer­sto­ben.

Kri­sen brin­gen das Bes­te und das Schlech­tes­te im Men­schen her­vor. Das so­li­da­ri­sche Un­ter­ha­ken ist ei­ner gif­ti­gen Ge­reizt­heit ge­wi­chen. Denn der Feind ist un­sicht­bar. Und der Kampf dau­ert. Bei­des zerrt an den Ner­ven. Co­ro­na? Na­se voll.

Nicht we­ni­ge re­agie­ren mit irr­lich­tern­dem Fu­ror. Aber Es­ka­lie­ren und Igno­rie­ren hilft nicht. Das zeigt ein Blick in Län­der, in de­nen es­ka­lie­ren­de Igno­ran­ten re­gie­ren. Co­ro­na ist nicht weg, nur weil es nervt.

Wie ab­surd die fieb­ri­ge Un­ge­duld der ers­ten Wo­chen heu­te wirkt. Wie selt­sam na­iv die Mut­ma­ßun­gen über ei­ne „Welt nach Co­ro­na” schon im März. Und wie bi­zarr die Ru­fe nach „Nor­ma­li­tät”, kaum dass der Lock­down in Kraft ge­tre­ten war. Nur lang­sam, sehr lang­sam, däm­mer­te der Welt, dass die­se Kri­se lan­ge dau­ern kann. Man sieht sie ja hier­zu­lan­de kaum. Aber man fühlt sie.

Mög­lich, dass wir uns nie­mals wie­der die Hän­de schüt­teln, weil die­ser 100 Na­no­me­ter klei­ne Dä­mon zum Dau­er­gast auf Er­den wird. „Die Hoff­nung ist der Re­gen­bo­gen über dem her­ab­stür­zen­den Bach des Le­bens”, hat Fried­rich Nietz­sche ge­schrie­ben. Die Sehn­sucht ist groß, den Not­stand hin­ter sich zu las­sen. Zu­rück­keh­ren zu dür­fen in das al­te Le­ben. „Gu­ten Tag, ich will mein Le­ben zu­rück”, sang die Band „Wir sind Hel­den“einst.

Die See­le ist zer­mürbt, der Kör­per ist mü­de. Aber nicht mal die Som­mer­fe­ri­en bie­ten Aus­sicht auf Lin­de­rung. Ur­laub 2020 – das wird kein Ur­laub nach al­ter Vä­ter Sit­te sein. Viel­leicht aber gibt es Mo­men­te, ir­gend­wo am Meer oder auf dem Bal­kon, in de­nen das CWort mal nicht das Den­ken be­herrscht.

Der Feind ist un­sicht­bar. Und der Kampf dau­ert. Bei­des zerrt an den Ner­ven. Co­ro­na? Na­se voll.

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