Der lan­ge Arm der Zu­kunft

Be­kannt wur­de Marc-Uwe Kling mit Ge­schich­ten von sei­nem Mit­be­woh­ner, ei­nem kom­mu­nis­ti­schen Kän­gu­ru. Vor drei Jah­ren schrieb er mit „Qua­li­ty­land“ei­ne Zu­kunfts­sa­ti­re, die nun so­gar in den USA als HBO-Se­rie ver­filmt wird. Jetzt er­scheint Teil zwei des Ro­mans

Kieler Nachrichten - - WAHRES, SCHÖNES, GUTES - VON KRIS­TI­AN TEETZ

Der Satz der Ver­lags­spre­che­rin steht in der E-Mail wie ei­ne un­über­wind­ba­re Dor­nen­he­cke: „Von In­ter­viewan­fra­gen bit­te ich ab­zu­se­hen, da der Au­tor nicht zur Ver­fü­gung steht.“Seit neun Jah­ren hat Marc-Uwe Kling kein In­ter­view mehr ge­ge­ben. Er ist kein J. D. Sa­lin­ger oder Tho­mas Pyn­chon, die sich kom­plett aus der Öf­fent­lich­keit zu­rück­ge­zo­gen ha­ben und hat­ten. Der 38-jäh­ri­ge ge­bür­ti­ge Schwa­be, der mit ei­ner Schie­ber­müt­ze zur Welt ge­kom­men zu sein scheint – je­den­falls ist er nie oh­ne sie zu se­hen – tritt auf, bei ei­ge­nen Le­sun­gen ge­nau­so wie in der „Le­se­dü­ne“, ei­ner sys­tem­kri­ti­schen Le­se­büh­ne in Ber­lin. Doch Ge­sprä­che mit der Pres­se? „Hier re­den? Nein, dan­ke“, scheint er sich zu den­ken. Und so spricht Marc-Uwe Kling aus­schließ­lich durch sein Werk – und durch ein Kän­gu­ru.

Wer mit dem Na­men Mar­cUwe Kling nichts an­fan­gen kann, dem braucht man in der Re­gel nur zu sa­gen: Das ist der coo­le Klein­künst­ler mit den Kän­gu­ru-Chro­ni­ken. Und die Ant­wort ist in den al­ler­meis­ten Fäl­len: „Ach, der. Su­per­lus­tig“. So, oder so ähn­lich.

Mit den epi­so­den­haf­ten Ge­schich­ten um sei­nen un­ge­wöhn­li­chen Mit­be­woh­ner – ein kom­mu­nis­ti­sches, Schnap­spra­li­nen mamp­fen­des, schlau­es, ge­wief­tes Kän­gu­ru – hat sich Kling zu ei­nem der er­folg­reichs­ten sa­ti­ri­schen Au­to­ren des Lan­des em­por­ge­schrie­ben. Wenn es nicht so ab­ge­dro­schen klin­gen wür­de, könn­te man in die­sem Fall wirk­lich mal mit bes­tem Ge­wis­sen sa­gen kön­nen: Er ist Kult.

Die Hör­bü­cher mit sei­nen Li­ve­le­sun­gen ste­hen seit Jah­ren auf den ers­ten Plät­zen der Best­sel­ler­lis­ten. (Die Kän­guru­ge­schich­ten mit Kling und sei­nem Kän­gu­ru sind als Buch­ver­si­on schon lus­tig, aber als Li­ve­le­sung mit ver­stell­ten Stim­men ein­fach groß­ar­tig.) Er schreibt zu­dem klu­ge Kin­der­bü­cher wie die „Prin­zes­sin Po­pel­kopf“und „Der Tag, an dem Oma das In­ter­net ka­putt ge­macht hat“Al­les sprüht vor (Wort-)Witz, und – um das gu­te al­te Wort mal wie­der aus der Schub­la­de zu ho­len – Ge­sell­schafts­kri­tik.

Dann kam sein ers­ter Ro­man. 2017 ver­öf­fent­lich­te er „Qua­li­ty­land“, die Ge­schich­te ei­nes Lan­des in der Zu­kunft, oder um es mit der E-Poe­tin Kal­lio­pe 7.3 zu sa­gen, „ein kom­ple­xes Por­trät ei­ner Ge­sell­schaft in nicht all­zu fer­ner Zu­kunft“.

Und das ist es, was „Qua­li­ty­land“bei al­ler Sa­ti­re, al­lem Ide­en­reich­tum und al­lem Witz so ernst und auf­wüh­lend macht: Der Ro­man ist kei­ne Sci­en­ceFic­tion-Er­zäh­lung, in der Män­ner mit spit­zen Oh­ren durchs Wel­tall flie­gen oder As­tro­nau­ten auf dem Mars zu­rück­ge­las­sen wer­den. Es ist un­se­re Ge­gen­wart kon­se­quent in die Zu­kunft ver­län­gert. Dys­to­pisch, aber mit An­schluss an un­se­re Wirk­lich­keit. Die­se Idee hat so­gar die von Qua­li­ty-Se­ri­en ver­wöhn­ten USA er­reicht, so dass sich der Sen­der HBO („True De­tec­tive“, „Bo­ard­walk Em­pi­re“, „Ga­me of Thro­nes“) die Rech­te an der Ver­fil­mung ge­si­chert hat.

Der All­tag in Qua­li­ty­land wird na­he­zu kom­plett von In­ter­net­fir­men be­herrscht. The Shop, What I need oder Qua­li­ty­Part­ner er­in­nern un­ver­kenn­bar an Ama­zon, Goog­le und Kup­pel­un­ter­neh­men wie Par­ship. Nur dass The Shop nicht nur das lie­fert, was der Kun­de be­stellt, son­dern auch das, was er sich wünscht. Und sei­ne Wün­sche ken­nen die Al­go­rith­men zu­meist frü­her als der Kon­su­ment.

Qua­li­ty­Part­ner: Künst­li­che In­tel­li­genz be­rech­net aufs Ge­nau­es­te, wel­cher Part­ner, wel­che Part­ne­rin zu wem passt. Bei Be­darf weist das Qua­li­ty­Pad dich dar­auf hin, dass es da drau­ßen noch ei­nen viel bes­ser ge­eig­ne­ten Men­schen gibt, mit dem du dein Le­ben ver­brin­gen soll­test – selbst wenn du in ei­ner glück­li­chen Be­zie­hung lebst. Und das Da­te für mor­gen Abend hat Qua­li­ty­Part­ner auch schon or­ga­ni­siert. Schließ­lich ken­nen die om­ni­prä­sen­ten künst­li­chen In­tel­li­gen­zen auch deine Ter­mi­ne (und wenn es doch nur das wä­re). Das kommt al­les so lo­cker und lus­tig da­her – doch die Ge­sell­schaft, die sich da­hin­ter ver­birgt, gru­selt ei­nen.

Die Men­schen in Qua­li­ty­land sind al­le ei­nem Le­vel­sys­tem un­ter­wor­fen. Wer sein Le­ben nach An­sicht der Al­go­rith­men (wer wirk­lich die Be­wer­tun­gen vor­nimmt, ist auch den Per­so­nen im Ro­man nicht klar) gut, vor­bild­lich und er­folg­reich lebt, steigt ei­nes oder meh­re­re Le­vel auf. Wer Ge­walt­aus­brü­che zeigt, wem der Va­ter die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung ein­friert, wer sei­nen Job oder sei­nen Freund oder sei­ne Freun­din ver­liert, steigt ab. Je hö­her das Le­vel, des­to hö­her die An­nehm­lich­kei­ten und die Fä­hig­kei­ten – et­wa Feh­ler im Netz ver­ges­sen zu ma­chen.

Wer bei die­sem Le­vel­sys­tem der Zu­kunft an das di­gi­ta­le Punk­te­sys­tem für den „bes­se­ren Men­schen“im Chi­na der Ge­gen­wart denkt, steigt jetzt we­gen ei­nes tref­fen­den Ver­gleichs ein Le­vel auf.

In die­ser Welt ist auch der zwei­te Teil der – soll man es schon sa­gen? – Sa­ga, „Qua­li­ty­land 2.0“(Ull­stein, 432 Sei­ten, 19 Eu­ro), an­ge­sie­delt. Ihn hat­te die wah­re Au­to­rin der Bü­cher (in Wahr­heit schreibt nicht Marc-Uwe Kling, son­dern Kal­lio­pe 7.3 die Qua­li­ty­land-Ro­ma­ne) be­reits im ers­ten Teil an­ge­kün­digt. Nach­dem im ers­ten Teil Pe­ter Ar­beits­lo­ser (die Men­schen in Qua­li­ty­Land sind nach dem Be­ruf des Va­ters oder der Mut­ter im Mo­ment des Zeu­gungs­akts be­nannt) im Mit­tel­punkt steht, ist es nun sei­ne On/ Off-Freun­din Ki­ki. „Sie sind wirk­lich auch ei­ne in­ter­es­san­te Fi­gur“, hat­te die schrei­ben­de An­dro­idin zu Ki­ki ge­sagt. „Ich glau­be mein nächs­tes Buch wer­de ich über Sie schrei­ben.“Und so heißt Teil 2, der bei Hör­buch Ham­burg auch als un­ge­kürz­te Le­sung er­schie­nen ist, kon­se­quent „Ki­kis Ge­heim­nis“

Die un­durch­sich­ti­ge Ki­ki kennt ih­re El­tern nicht, fin­det auch in den Tie­fen der von ihr ge­hack­ten Rech­ner nichts. Statt­des­sen muss sie sich stän­dig der An­schlags­ver­su­che des grau­sa­men „Pup­pen­spie­lers“und sei­nes pla­ti­num­man­tel­ten Avat­ars er­weh­ren. Pe­ter Ar­beits­lo­ser und sei­ne lie­bens­wer­ten halb­de­fek­ten Ma­schi­nen – dar­un­ter ei­ne Flug­d­roh­ne mit Flug­angst, ein Kamp­fO­der ro­bo­ter mit post­trau­ma­ti­scher Be­las­tungs­stö­rung und ein re­vo­lu­tio­nä­res Qua­li­ty­Pad – ver­su­chen ihr zu hel­fen und schlit­tern von ei­nem Abenteuer ins nächs­te. Aber auch die Er­zähl­strän­ge um die Po­li­ti­ker To­ny Par­tei­vor­sit­zen­der, sei­ne rot­zi­ge As­sis­ten­tin Ai­sha Ärz­tin und die Su­per­in­tel­li­genz John of Us nimmt Kling in Teil 2 wie­der auf.

Aus der Zu­kunft kom­men­tiert Kling bei­läu­fig im­mer wie­der un­se­re Ge­gen­wart. So hat sich der Kli­ma­wan­del schon deut­lich in die Welt ein­ge­schrie­ben. „Ma­che ei­ne Kreuz­fahrt durchs Po­lar­meer! Jetzt das gan­ze Jahr über eis­frei“, heißt ei­ne Rei­se­an­zei­ge. Oder „Tau­che hin­ab nach Ve­ne­dig. Ent­de­cke die be­rühm­tes­te Un­ter­was­ser­stadt der Welt mit un­se­ren zer­ti­fi­zier­ten Tauch­füh­rern“ei­ne an­de­re.

Wie so oft in Dys­to­pi­en ist auch bei Kling nicht un­be­dingt der Plot die stärks­te Zu­tat, son­dern der Ent­wurf der Welt. Ge­schich­ten wie Ki­kis Su­che nach den El­tern oder der Ab­stieg des ehe­mals auf Ro­sen ge­bet­te­ten Mar­tyn Vor­stand hat man schon in vie­len Ver­sio­nen ge­le­sen. Aber noch nicht in ei­ner sol­chen gran­di­os lus­ti­gen und zugleich gru­se­li­gen Welt. Da­zu kom­men un­zäh­li­ge pop­kul­tu­rel­le Re­fe­ren­zen von Mon­ty Py­thon über den „Herrn der Rin­ge“und „West­world“bis hin zu „Ga­me of Thro­nes“, die den Le­se­spaß noch ver­grö­ßern.

Das En­de von „Qua­li­ty­land 2.0“lässt ei­ni­ge Tü­ren für ei­nen drit­ten Teil of­fen. Ob der aber wirk­lich kom­men wird, müs­sen wir ab­war­ten. Fra­gen kön­nen wir Marc-Uwe Kling ja nicht.

Tau­che hin­ab nach Ve­ne­dig. Ent­de­cke die be­rühm­tes­te Un­ter­was­ser­stadt der Welt mit un­se­ren zer­ti­fi­zier­ten Tauch­füh­rern.

Rei­se­wer­bung

aus Qua­li­ty­land

FOTO: DENYS NEVOZHAIPD­A/UNSPLASH

FOTO: APRESS/IMAGO IMAGES

Schrift­stel­ler und Kän­gu­rufreund: Marc-Uwe Kling.

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