Wer­te für ei­ne ge­rech­te Welt

Mi­chel Fried­man und Ha­rald Wel­zer ana­ly­sie­ren in ge­mein­sa­men Ge­sprä­chen die Pro­ble­me und Pro­zes­se der Ge­gen­wart. Han­delt es sich bei dem, was wir ge­ra­de er­le­ben, um ei­ne Zei­ten­wen­de? Und wel­che Er­kennt­nis­se neh­men wir aus der Co­ro­na-Kri­se mit? Ein Gast­bei

Kieler Nachrichten - - WEITER DENKEN - VON MI­CHEL FRIED­MAN UND HA­RALD WEL­ZER Mi­chel Fried­man/Ha­rald Wel­zer: „Zei­ten­wen­de – Der An­griff auf De­mo­kra­tie und Men­schen­wür­de“. Kie­pen­heu­er & Witsch, 288 Sei­ten, 22 Eu­ro.

EIn der Bun­des­re­pu­blik wur­de ei­ne De­mo­kra­tie im Aus­nah­me­zu­stand ge­tes­tet.

s gibt vi­el­leicht kein aus­sichts­lo­se­res Un­ter­fan­gen als den Ver­such, sei­ne ei­ge­ne Ge­gen­wart zu ver­ste­hen. Wir sind Teil­neh­mer ei­nes Ge­sche­hens, und Teil­neh­mer sind schlech­te Be­ob­ach­ter. Das gilt um­so mehr, als ziem­lich viel von dem, was im Jahr 2020 ge­schieht, nach Ero­si­on aus­sieht – nicht nur von Er­wart­ba­rem und Ge­wohn­tem, son­dern auch von po­li­ti­schen und so­zia­len Si­cher­hei­ten.

Als wir un­ser neu­es Buch zu schrei­ben be­gan­nen, im März 2020, be­fan­den wir uns ge­ra­de am An­fang der Co­ro­na-Kri­se, die uns da noch kaum ein­schlä­gig für un­se­re Be­schrei­bung ei­ner Zei­ten­wen­de er­schien. Uns ging es um Pro­zes­se der Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung, den An­ti­se­mi­tis­mus, die Um­fi­gu­ra­ti­on der geo­po­li­ti­schen La­ge, die Rück­kehr der schein­bar Wahn­sin­ni­gen in die Welt­po­li­tik – und die al­les über­wöl­ben­de Fra­ge, wie un­se­re Ge­sell­schaft so zu stär­ken sei, dass sie den neu­en Her­aus­for­de­run­gen be­geg­nen kann. Und sich als De­mo­kra­tie, als of­fe­ne Ge­sell­schaft mo­der­ni­sie­ren kann.

Knapp zwei Mo­na­te spä­ter, als wir uns er­neut zu Ge­sprä­chen tra­fen, war al­les an­ders. Zu al­len Ero­si­ons­fak­to­ren, die wir im Be­griff der Zei­ten­wen­de zu­sam­men­zu­fas­sen ver­such­ten, kam es mit dem Co­ro­na­vi­rus im Früh­jahr 2020 zum En­de al­ler Ge­wiss­hei­ten, die zu­vor den selbst­ver­ständ­li­chen Hin­ter­grund un­se­rer Exis­tenz bil­de­ten.

Die Co­ro­na-Kri­se lässt sich als ei­ne gi­gan­ti­sche Ver­suchs­an­ord­nung be­schrei­ben. In der Bun­des­re­pu­blik wur­de ei­ne De­mo­kra­tie im Aus­nah­me­zu­stand ge­tes­tet. Es ist längst noch nicht end­gül­tig ab­seh­bar, wie nach­hal­tig die Kri­se die mo­der­ne De­mo­kra­tie ver­än­dern wird – da­zu ist un­ser Be­ob­ach­tungs­zeit­raum zu kurz.

Aber im­mer­hin wis­sen wir, dass Grund­recht­s­ein­schrän­kun­gen, wenn sie ein­leuch­tend be­grün­det wer­den, von gro­ßen Tei­len der Be­völ­ke­rung oh­ne Mur­ren ak­zep­tiert wer­den. Das Prin­zip, dass der Zweck die Mit­tel hei­li­ge, war in­so­fern er­folg­reich, als die Be­kämp­fung ei­nes Vi­rus für die Be­grün­dung des Aus­set­zens de­mo­kra­ti­scher Grund­rech­te aus­reicht.

Vi­el­leicht muss man dar­auf hin­wei­sen, dass es ein Glücks­fall ist, dass de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en die­ses Land re­gie­ren. Stel­len wir uns die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor, wenn Par­tei­en wie die AfD Exe­ku­tiv­ge­walt ge­habt hät­ten und es sich um ei­nen „Zweck“ge­han­delt hät­te, der nicht ob­jek­tiv die Fra­ge des kurz­fris­ti­gen Ab­baus von Frei­heits­rech­ten er­ge­ben hät­te, son­dern ein po­pu­lis­ti­sches The­ma, das ma­xi­mal auf­ge­heizt wor­den wä­re.

Des­we­gen ist die Fra­ge um­so dring­li­cher: Wie steht es um die ge­sell­schaft­li­che Ver­an­ke­rung der Wer­te, die dem Grund­ge­setz zu­grun­de lie­gen? Die­se Fra­ge ist für uns zen­tral, geht es doch letzt­lich um die Sta­bi­li­tät und Ver­läss­lich­keit frei­heit­li­cher und de­mo­kra­ti­scher Hal­tun­gen bei der Mehr­heit der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger. Und wie steht es um die Sta­bi­li­tät und Ver­läss­lich­keit der Er­run­gen­schaf­ten des zi­vi­li­sa­to­ri­schen Pro­zes­ses – von In­sti­tu­tio­nen wie der EU bis hin zu Stan­dards der Äch­tung von Ge­walt und Unan­tast­bar­keit der Men­schen­wür­de?

Und wei­ter: Wie ra­pi­de ver­än­dern sich Stan­dards der po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­bil­dung, und wel­che Wis­sens­for­men und Tech­no­lo­gi­en ge­win­nen dy­na­misch an Be­deu­tung? Im Fall der Co­ro­na-Kri­se wa­ren es die me­di­zi­ni­schen Teil­dis­zi­pli­nen Vi­ro­lo­gie und Epi­de­mio­lo­gie – Fä­cher, die zu­vor kei­ner­lei Be­deu­tung im all­täg­li­chen Le­ben der Men­schen und im Han­deln der Po­li­tik hat­ten. Und es war in über­ra­gen­dem Ma­ße die di­gi­ta­le Tech­no­lo­gie, die das So­ci­al Dis­tan­cing zu kom­pen­sie­ren half, Ar­beits­pro­zes­se

er­mög­lich­te und, nicht zu­letzt, neue Stan­dards ge­sell­schaft­lich ak­zep­tier­ter Über­wa­chung setz­te.

Ge­hen wir mit Her­fried und Ma­ri­na Münk­ler („Ab­schied vom Ab­stieg. Ei­ne Agen­da für Deutsch­land“) da­von aus, dass ei­ne funk­tio­nie­ren­de De­mo­kra­tie der „kom­ple­men­tä­ren Ra­tio­na­li­täts­an­for­de­run­gen von Fak­ti­zi­tät und Nar­ra­ti­vi­tät“be­darf. Fak­ti­zi­tät ist nö­tig, um die Mach­bar­keit, Kos­ten und Fol­gen von Maß­nah­men ab­zu­schät­zen; Nar­ra­ti­vi­tät – al­so die Fä­hig­keit, ei­ne Ge­schich­te über sich selbst er­zäh­len zu kön­nen – braucht es, um „Mög­lich­keits­räu­me zu er­kun­den, Al­ter­na­ti­ven zum Be­ste­hen­den zu ent­wer­fen und da­für in ei­nem of­fe­nen Dis­kus­si­ons­pro­zess die Bür­ger des Ge­mein­we­sens zu mo­bi­li­sie­ren. Kom­ple­men­ta­ri­tät bei­der Ra­tio­na­li­tä­ten heißt: Ex­per­ten­wis­sen und Nar­ra­ti­ve kon­kur­rie­ren so mit­ein­an­der, dass sie sich wech­sel­sei­tig er­gän­zen und aus­ba­lan­cie­ren.“

Man sieht schnell, was ge­schieht, wenn die Ba­lan­ce sich ver­schiebt: Rechts­po­pu­lis­mus von Trump bis Or­bán ist fast rei­ne Nar­ra­ti­vi­tät mit ei­nem nicht zu­fäl­li­gen Hass auf die Fak­ti­zi­tät; Kri­sen­po­li­tik im Fall von Co­ro­na fast rei­ne Fak­ti­zi­tät, Ex­per­ten­herr­schaft oh­ne Be­rück­sich­ti­gung al­ler jen­seits der „Fak­ten“lie­gen­den Ge­schich­ten – et­wa sol­chen über Ge­rech­tig­keit, Gleich­heit und Men­schen­wür­de etc.

Wäh­rend prä-co­ro­nas­tisch sich die Ba­lan­ce seit der „Flücht­lings­kri­se“ab 2015 zu­guns­ten der Nar­ra­ti­vi­tät ver­scho­ben hat­te und un­gu­te Fol­gen für das de­mo­kra­ti­sche Ge­mein­we­sen ent­fal­te­te (in den meis­ten eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten noch mehr als in der Bun­des­re­pu­blik), wirk­te die Co­ro­na-Kri­se wie ein Re­lais, das po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen vom Mo­dus der Aus­hand­lung und Be­grün­dung in den Mo­dus der (na­tur­wis­sen­schaft­lich le­gi­ti­mier­ten) Maß­nah­me schal­te­te.

In ih­rem Buch un­ter­su­chen der Ju­rist und Mo­de­ra­tor Mi­chel Fried­man (links) und Prof. Ha­rald Wel­zer, So­zio­lo­ge und So­zi­al­psy­cho­lo­ge, De­mo­kra­tie und Men­schen­wür­de. FOTOS: SVEN SI­MON/IMAGO IMAGES, GERHARD LE­BER/IMAGO IMAGES

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