Der Letz­te sei­nes Stan­des

Koenigsbrunner Zeitung - - Erste Seite - VON SIEG­FRIED P. RUPPRECHT

Einst gab es in Lan­gen­neuf­nach vier Schuh­ma­cher. Jetzt sieht der letz­te von ih­nen kei­ne Zu­kunft mehr. Da­für schil­dert er ei­ne be­weg­te Ver­gan­gen­heit. »Lo­ka­les

Mar­tin Tho­ma schließt bald sein Ge­schäft in Lan­gen­neuf­nach. Da­mit ver­schwin­det nicht nur der zweit­äl­tes­te Hand­werks­be­trieb vor Ort. Es en­det auch ei­ne lan­ge Tra­di­ti­on der Schuh­ma­cher

Lan­gen­neuf­nach In sei­ner Au­ßen­wir­kung hat das Schuh­ge­schäft Tho­ma nie ge­klotzt. Das Schau­fens­ter, das den Ein­gang auf ei­ner Sei­te rahmt, ist klein. Für De­ko­ra­tio­nen bleibt nicht viel Platz. Ein paar mo­di­sche Trends zie­ren den­noch die Aus­la­ge. Trotz­dem gilt Schuh Tho­ma – so die of­fi­zi­el­le Fir­mie­rung – am En­de der Rat­haus­stra­ße als gu­te Adres­se. Aber nicht mehr lan­ge. „Räu­mungs­ver­kauf we­gen Ge­schäfts­auf­ga­be“steht auf dem Pla­kat, das Mar­tin Tho­ma ins Schau­fens­ter ge­klebt hat. Zum Jah­res­en­de schließt er sei­nen La­den. Es sei die Zeit ge­kom­men, Schluss zu ma­chen, meint der 70-Jäh­ri­ge.

Klei­ne Kar­tons mit Schu­hen sind in Re­ga­len or­dent­lich ge­sta­pelt und sor­tiert. Vom Bo­den bis zur De­cke. San­da­len, Halb­schu­he, Haus­schu­he, Stie­fel. Ge­schmei­di­ge Le­der, flie­ßen­de For­men. Kin­der-, Da­men­und Her­ren­mo­del­le. Nicht ein­fach, der Viel­falt die­ses Gen­res ge­recht zu wer­den. Mar­tin Tho­ma hat es aber im­mer ir­gend­wie ge­schafft, für sei­ne Kun­den ei­ne gu­te Schuh­aus­wahl an­zu­bie­ten.

„Schu­he sind für mich Lei­den­schaft und Herz­blut“, ge­steht er. Für ihn ste­hen gu­tes, ge­sun­des und be­que­mes Lau­fen im Mit­tel­punkt, aber auch die klei­nen Fuß­pro­ble­me der Kun­den. Die­se Fak­to­ren bil­den die Ba­sis sei­nes An­ge­bots. Hin­zu kom­men Qua­li­tät und Halt­bar­keit. Vie­le Kun­den ver­trau­en auf sei­ne Emp­feh­lun­gen.

So hat sich Mar­tin Tho­ma ei­ne Stamm­kund­schaft zu­ge­legt, die ihm bis heu­te treu bleibt. Doch nun sei Schluss, sagt er. Im­mer we­ni­ger Men­schen ge­hen ins klas­si­sche Fach­ge­schäft, be­dau­ert Tho­ma. „Spe­zia­lis­ten und Dis­coun­ter ma­chen das Le­ben schwer.“Zu­dem wür­den im­mer mehr Men­schen sich zwar aus­führ­lich im La­den be­ra­ten las­sen und Mo­del­le an­pro­bie­ren, ih­re Schu­he letzt­lich aber von zu­hau­se aus im In­ter­net be­stel­len. So durch­le­be der Be­reich Schu­he mehr und mehr ei­nen tief grei­fen­den Struk­tur­wan­del.

Das klei­ne Ge­schäft rech­ne sich un­term Strich nicht mehr, re­sü­miert Tho­ma. Ei­nen Nach­fol­ger aus der Fa­mi­lie hat er eben­falls nicht. Kei­nes sei­ner vier Kin­der hat den Be­ruf des Schuh­ma­chers ein­ge­schla­gen.

Mit der Ge­schäfts­auf­ga­be geht nicht nur ein Hand­werks­be­trieb zu En­de, auch ei­ne lang ge­wach­se­ne In­sti­tu­ti­on. Die Schuh­ma­cher-Ära der Fa­mi­lie star­te­te 1863 mit Le­on­hard Tho­ma aus Gum­pen­wei­ler. Er kauf­te für 1130 Gul­den das da­ma­li­ge von Jo­sef Erd­le ge­bau­te Pf­rün­de­haus in Lan­gen­neuf­nach. Im Jahr 1900 über­nahm An­ton Tho­ma die Schuh­ma­che­rei. 1948 er­hielt er den Gol­de­nen Meis­ter­brief. 1964 erb­te Mar­tin Tho­ma, der heu­ti­ge Be­sit­zer, den Hand­werks­be­trieb.

Da hat­te die­ser ge­ra­de in der Werk­statt von Jo­sef Mi­cheler ei­ne Schuh­ma­cher­leh­re ab­sol­viert. „Zu je­ner Zeit gab es in Lan­gen­neuf­nach vier Schus­ter“, er­in­nert sich Tho­ma. Bei die­ser gro­ßen Kon­kur­renz sah er nicht sei­nen Le­bens­un­ter­halt ge­si­chert. So ar­bei­te­te er nach sei­ner meh­re­re Jah­re bei ei­nem St­ein­metz, dann vor Ort bei Schwa­ben-Kunst­stoff in der Pro­duk­ti­on. Den Schuh­la­den führ­te zu­erst Mut­ter Vik­to­ria, nach sei­ner Hei­rat 1969 sei­ne Frau Fran­zis­ka. Je­weils am Wo­che­n­en­de stand Mar­tin Tho­ma in der Werk­statt und re­pa­rier­te Schu­he und er­spar­te da­durch de­ren Be­sit­zern ei­nen Neu­kauf. 1977 bau­te er ein neu­es Haus, in dem sich heu­te noch La­den und Werk­statt be­fin­den. Par­al­lel zur Ge­bäu­de­er­stel­lung gab er die klei­ne Land­wirt­schaft mit drei Kü­hen, ei­nem Schwein und et­li­chen Hüh­nern auf.

Die 1970er- und 1980er-Jah­re wa­ren für das Schuh­ge­schäft die bes­ten Jah­re. „Die­se Epo­chen stan­den zwar für wirt­schaft­li­che und po­li­ti­sche Pro­ble­me, aber auch für Le­bens­ge­fühl und Um­bruch“, blickt Mar­tin Tho­ma zu­rück. Der La­den wies ei­ne so­li­de Stamm­kund­schaft auf und wur­de von den Dorf­be­woh­nern kon­ti­nu­ier­lich fre­quen­tiert. „Vor al­lem zum Schul­an­fang hat das Ge­schäft flo­riert“, er­zählt Tho­ma. Der Slo­gan sei ge­we­sen, im­mer ei­nen Schritt vor­aus zu sein.

Schuh Tho­ma war da­mals in ei­ne re­ge In­fra­struk­tur ein­ge­bet­tet. Al­lein in der Rat­haus­stra­ße, dem Do­mi­zil der Ver­kaufs- und Re­pa­ra­tur­stel­le, buhl­ten un­ter an­de­rem Le­bens­mit­te­lund Hut­ge­schäft, Gärt­ne­rei, Dro­ge­rie, Metz­ge­rei, Tex­til­haus, Bä­cke­rei, Ma­ler, Schus­ter, ein Arzt und ein Vieh­händ­ler um Kund­schaft. „Man kann­te sich, ach­te­te sich und leb­te mit­ein­an­der“, fasst Mar­tin Tho­ma zu­sam­men.

Im­mer wie­der mal auch Beicht­va­ter

Zu je­ner Zeit war Schuh Tho­ma auch ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stät­te. Mit den Kun­den ha­be man viel geLeh­re

ratscht, sie beim Vor­na­men an­ge­spro­chen und über Gott und die Welt ge­re­det, so Tho­ma. Man ha­be de­ren Sor­gen mit­be­kom­men, zu­wei­len auch de­ren Nö­te ge­teilt. Vie­le sei­en im­mer­hin über ein hal­bes Jahr­hun­dert zum Schuh­kauf ge­kom­men, ent­sinnt sich Tho­ma. Wer knapp bei Kas­se war, der durf­te auch mal an­schrei­ben las­sen.

Bis En­de des Jah­res will Mar­tin Tho­ma sei­ne Re­ga­le leer ha­ben. Die Zeit nach dem Ge­schäfts­le­ben ist ihm nicht ban­ge. „Lang­wei­lig wird mir mit Si­cher­heit nicht“, meint er. Hob­bys wie Ar­bei­ten und Spa­zie­ren­ge­hen im Wald, Gar­teln und Schaf­kopfen sei­en dann ver­stärkt an­ge­sagt.

Ei­nen kon­kre­ten Plan hat er schon: „Nach der Ge­schäfts­schlie­ßung wird der La­den zu ei­nem Wohn­zim­mer um­ge­baut.“Dar­auf freue er sich be­reits.

Fo­to: Sieg­fried P. Rupprecht

„Der Letz­te sei­nes Stan­des im Dorf“: So sieht sich Schuh­ma­cher Mar­tin Tho­ma – hier an der Näh­ma­schi­ne in sei­ner Werk­statt – mit ei­ge­nen Wor­ten. Da­hin­ter ist ei­ne Aus putz­ma­schi­ne zu se­hen. Bei­de ha­ben ihm lan­ge Zeit gu­te Di­ens­te ge­tan. In dem klei­nen La­den scheint die Zeit still­zu­ste­hen.

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