Hoch­span­nung Mör­de­ri­sches Ufer EIN FALL FÜR THO­MAS ANDRE­AS­SON

Som­mer, Ur­laub, Le­se­zeit – Kri­mi­au­to­rin Vi­ve­ca Sten nimmt uns mit in ein schwe­di­sches Se­gel­camp für Ju­gend­li­che. Doch die son­ni­ge Idyl­le im Fe­ri­en­la­ger ist trü­ge­risch ...

Landhaus Living - - LESEPROBE -

Sie hat­ten die Bucht ver­las­sen und wa­ren aufs of­fe­ne Meer hin­aus­ge­se­gelt, mit Kurs auf das Leucht­feu­er Svän­gen vor der Ein­fahrt nach Sand­hamn. Cla­ra war am Ru­der und gab Kom­man­dos, als hät­te sie schon ihr Le­ben lang ein Boot ge­steu­ert. Ben­ja­min und Sti­na sa­ßen na­he am Mast. Ben­ja­min mit der Schot für das Groß­se­gel in der Hand, wäh­rend Sti­na sich um das Vor­se­gel küm­mer­te. Hin­ter ih­nen schäum­te das Kiel­was­ser. Eins der Be­gleit­boo­te über­hol­te sie, und der Boots­füh­rer wink­te. Ben­ja­min er­wi­der­te den Gruß. Se­geln war doch gar nicht so übel. Er wag­te es, Sti­na vor­sich­tig an­zu­lä­cheln. Nach un­ge­fähr ei­ner St­un­de frisch­te der Wind auf, er kam jetzt schräg von hin­ten, und das Groß­se­gel bläh­te sich im­mer mehr. Ben­ja­min muss­te sich ganz schön an­stren­gen, um ge­gen­zu­hal­ten. Die an­de­ren Två­kro­na-Jol­len wa­ren jetzt nur noch klei­ne Punk­te. Ei­ne Wol­ken­wand war auf­ge­zo­gen und der Him­mel grau ge­wor­den.

Die Tem­pe­ra­tur fiel, wäh­rend die Wel­len wuch­sen. Ben­ja­min warf Cla­ra ei­nen Blick zu, sie hat­ten sich so schnell von den an­de­ren Boo­ten ent­fernt. Sie schien auch über­rascht zu sein, wie weit sie vor­aus wa­ren. »Wo sind die denn al­le?«, rief sie ge­gen den Wind. »Wir soll­ten doch zu­sam­men­blei­ben.« Ben­ja­min such­te den Ho­ri­zont ab. Wo war das Be­gleit­boot, das fast die gan­ze Zeit in der Nä­he ge­we­sen war? (...) »Kei­ne Ah­nung«, sag­te er. Der Wind war kalt. Er fror an den Bei­nen, und ei­nen Pull­over hat­te er auch nicht da­bei. Plötz­lich ein Schrei von Cla­ra. »Ach­tung!« Ei­ne gro­ße Wel­le kam aus dem Nichts auf sie zu. Sie brach sich mit lau­tem Klat­schen am Rumpf, der Stoß war so hef­tig, dass Ben­ja­min bei­na­he das Gleich­ge­wicht ver­lo­ren hät­te. Die Wel­le spritz­te sie al­le drei nass, aber Cla­ra er­wisch­te es am schlimms­ten. Das Was­ser lief ihr die Ar­me hin­un­ter, als sie ver­such­te, ihr Ge­sicht mit dem Hand­rü­cken ab­zu­wi­schen. (...) »Und was ma­chen wir jetzt?«, jam­mer­te sie. »Ich bin klitsch­nass.« Ben­ja­min ver­such­te, sei­ne Angst hin­un­ter­zu­schlu­cken. Cla­ra soll­te

wis­sen, was zu tun war, sie schien der Typ zu sein. Sti­na war kei­ne Hil­fe, sie schau­te nur ner­vös und knab­ber­te am Dau­men­na­gel. »Wol­len wir nicht bald mal zu­rück?«, frag­te sie. »Es ist so win­dig.« Sie sah Cla­ra ängst­lich an. »Was, wenn das Boot ken­tert und wir nicht mehr hoch­kom­men?«

Der Him­mel hat­te sich in­zwi­schen blau­grau ver­färbt. Die Wel­len­käm­me um das Boot her­um kräu­sel­ten sich weiß. »Wir dür­fen nicht oh­ne Er­laub­nis um­keh­ren«, sag­te Ben­ja­min. (...) Lök­hol­men war fast nicht mehr zu er­ken­nen, die In­sel ver­schmolz mit den Nach­bar­in­seln. Es war die­sig ge­wor­den. In öst­li­cher Rich­tung war nichts als blei­grau­es Meer. Bei der Vor­be­rei­tung hat­ten die Trai­ner ge­sagt, dass sie in Est­land lan­den wür­den, wenn sie im­mer wei­ter nach Os­ten se­gel­ten, hin­ter Sand­hamn kä­men kei­ne In­seln mehr. »Ich will nach Hau­se«, sag­te Sti­na mit wei­ner­li­cher Stim­me. Cla­ra press­te die Lip­pen zu­sam­men. Sie sah so wü­tend aus, dass Ben­ja­min be­schloss, lie­ber den Mund zu hal­ten. »Wir keh­ren um«, rief sie. »Ben­ja­min, auf mein Kom­man­do fierst du die Schot, okay? Fer­tig, Sti­na?« Sti­na nick­te, und Ben­ja­min hielt sich be­reit. Er wag­te nicht, Cla­ra zu wi­der­spre­chen, ob­wohl er wuss­te, dass sie nicht wen­den durf­ten, oh­ne den an­de­ren Be­scheid zu sa­gen.»Jetzt!«, schrie Cla­ra ge­gen den Wind. Ben­ja­min ließ die Lei­ne los, und das wei­ße Se­gel be­gann wild zu flat­tern. Der Se­gel­baum schlug vor und zu­rück wie der Schwanz ei­nes wü­ten­den Ti­gers.

Plötz­lich kräng­te das Boot und leg­te sich ge­fähr­lich auf die Sei­te. Al­les ging so schnell. Der Wind war viel zu stark. »Scho­ten dicht­ho­len!«, brüll­te Cla­ra. Ein Schwall Was­ser schwapp­te über die Back­bord­sei­te ins Boot und über­spül­te ih­re Fü­ße. Ben­ja­min schrie, als es die Knie er­reich­te. Aber Sti­na warf sich in die an­de­re Rich­tung, über den Rand, der in ei­nem ge­fähr­li­chen Win­kel hoch­stand. Sie häng­te sich mit dem hal­ben Ober­kör­per hin­aus und müh­te sich, das Boot wie­der nach un­ten zu drü­cken. »Ben­ja­min, hilf mal!«, rief sie. »Ich schaff das nicht al­lei­ne!« Ben­ja­min starr­te sie nur an. Er konn­te sich nicht rüh­ren, Ar­me und Bei­ne woll­ten nicht ge­hor­chen. Das hier pas­siert nicht, dach­te er und kniff die Au­gen zu, um nicht se­hen zu müs­sen. Wir ge­hen gleich am ers­ten Tag un­ter. »Ben­ja­min!«, kreisch­te Sti­na. Meh­re­re Se­kun­den lang stand es auf der Kip­pe. (...) Ei­ne neue Wel­le kam auf sie zu­ge­rollt, Ben­ja­min sah den Schaum, der ih­nen vom Wel­len­kamm ent­ge­gen­sprüh­te. Dann wur­de al­les still. Ben­ja­min sah ver­ständ­nis­los zu, wie der Se­gel­baum auf die an­de­re Sei­te schwang und das Boot sich aus ei­ge­ner Kraft auf­rich­te­te. Plötz­lich war der Ho­ri­zont wie­der ge­ra­de. Er be­kam die Groß­schot zu fas­sen und zog so fest, wie er nur konn­te, wäh­rend die Lei­ne durch sei­ne nas­sen Fin­ger rutsch­te. Das Se­gel re­agier­te, es füll­te sich mit Wind, und das Boot nahm Fahrt auf. Als wä­re nichts ge­sche­hen, se­gel­ten sie nun in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung. Zu­rück nach Lök­hol­men. Ben­ja­min war aus­ge­rutscht und saß in zehn Zen­ti­me­ter tie­fem Was­ser. Er war nass bis auf die Haut, al­le Mus­keln ta­ten ihm weh und am Knie hat­te er ei­ne gro­ße Schürf­wun­de. Sti­na wein­te, und Cla­ra koch­te in­ner­lich. »Ich has­se die­ses ver­damm­te Camp«, brach es aus ihr her­aus.

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