Wie­ge des Schön­heits­schla­fes

Seit zwan­zig Jah­ren reist Ott­mar Dietrich nach Frank­reich, um dort auf der Su­che nach schein­bar nutz­lo­sen Ei­sen­bett­ge­stel­len Trö­del­märk­te, Hö­fe und Dach­bö­den zu durch­stö­bern. Zu­rück in Hes­sen, baut er dar­aus „neue“Bet­ten nach Maß.

Landleben - - Inhalt - Text: Hei­ke Heel Fotos: An­ke Schütz Pro­duk­ti­on: An­ke Schütz und Bri­git­te Stiehl

Ott­mar Dietrich sam­melt in Frank­reich al­te Bett­ge­stel­le, bringt sie in sei­ne Werk­statt in Hes­sen und baut sie um.

Wenn Ott­mar Dietrich sagt, er ge­he dann mal Bet­ten ma­chen, spricht er nicht vom La­ken Glatt­strei­chen oder dem Kis­sen und De­cken Auf­schüt­teln. Wenn die­ser Mann Bet­ten macht, geht es erst ein­mal auf den Dach­bo­den. Dort wühlt er sich durch vie­le Me­ter und Ki­los an Stahl. Denn in sei­ner Scheu­nen­werk­statt fer­tigt der In­ge­nieur aus aus­ran­gier­ten Me­tall­bet­ten neue Lie­ge­wie­sen an. Der Ur­sprung für die­se ein­zig­ar­ti­ge Lei­den­schaft liegt in Frank­reich und reicht in das Jahr 1996 zu­rück. Zu die­ser Zeit fand der Tüft­ler, der län­ger in Frank­reich leb­te, sein ers­tes Bett­ge­stell auf ei­nem al­ten Hof. Im­mer wie­der ver­schlägt es Ott­mar Dietrich an al­te und neue Fund­or­te. Man be­geg­net ihm bei Tröd­lern und Hö­fen, oder auf An­ti­qui­tä­ten- und Floh­märk­ten. Mitt­ler­wei­le rei­hen sich die von dort ge­dul­dig zu­sam­men­ge­tra­ge­nen Fund­stü­cke zwei­er Jahr­zehn­te auf dem be­sag­ten Dach­bo­den eng an­ein­an­der. Be­tritt man das Dach­ge­schoss, öff­net sich die Tür in ei­ne längst ver­gan­ge­ne Welt. Denn die­se Me­tall­bet­ten mit Schmuck­tei­len aus Mes­sing stam­men aus den Jah­ren zwi­schen 1890 und 1930. Die schlan­ken und zum Teil fi­li­gran ge­schwun­ge­nen Me­tall­stä­be fü­gen sich per­fekt ein

in das be­kann­te Bild fran­zö­si­scher Ele­ganz und No­bles­se. Die Ur-sprungs­bet­ten sind nicht brei­ter als 1,20 bis 1,40 Me­ter. „Viel­leicht wa­ren die Win­ter ja käl­ter oder die Leu­te ku­schel­ge­neig­ter“, scherzt der Hand­wer­ker. In sei­nem Be­sitz be­fin­den sich vie­le iden­ti­sche Bet­ten, so dass sich zwei klei­ne zu ei­nem gro­ßen um­bau­en las­sen. Die­ses ent­spricht dann den heu­ti­gen Stan­dards. Doch be­vor es an das Ver­schwei­ßen geht, ist meist noch ei­ni­ges zu tun. Vie­le Stü­cke ha­ben über die Jah­re Rost an­ge­setzt. Auch fin­den sich im­mer wie­der Ge­stel­le, die mehr­fach far­big über­stri­chen wur­den. Zu­erst muss al­so der gan­ze al­te Lack ab. Der Bet­ten­bau­er mag den blan­ken Stahl und das auf­po­lier­te Mes­sing oh­ne­hin lie­ber als Farb­spie­le, die er aber auf Wunsch auch an­fer­tigt. Nach dem Säu­bern und Po­lie­ren und vor dem Ver­sie­geln kommt das Schweiß­ge­rät zum Ein­satz. Zu­letzt wird das neu ge­bau­te Stahl­ge­stell durch ein sim­ples Steck­sys­tem zu­sam­men ge­fügt. Die­ses sei, so der Er­fin­der, so kon­zi­piert, dass ein spä­te­res Quiet­schen oder Wa­ckeln aus­ge­schlos­sen wer­den kann. Ein-zel­bet­ten gibt es ab ca. 1.000 Eu­ro, Dop­pel­bet­ten ab ca. 2.200 Eu­ro. Wer sich ei­nes gönnt, schläft be­stimmt wie Gott in Frank­reich. ♠

Ma­gie Vor­sicht, heiß! Wenn beim Schwei­ßen die Fun­ken tan­zen, ist al­les in Ord­nung.

Aus­ran­giert

Was man­che ein­fach so als al­ten Trö­del weg­ge­ben, ar­bei­tet Ott­mar Dietrich zu

neu­en Glanz­stü­cken um.

GOL­DE­NE KRÖ­NUNG

Zahl­rei­che die­ser Bett­ge­stel­le wer­den an den

Kopf- und Fuß­tei­len mit Mes­sing­ku­geln ge­schmückt.

FACH­WERK Das Herz der Werk­statt – ein Apo­the­ker­schrank dient dem In­ge­nieur als Er­satz­teil­la­ger mit viel Stau­raum­flä­che.

1 1 Kom­plett be­deckt mit Rost, so se­hen die Ein­zel­tei­le meist im Roh­zu­stand aus. 2 Die Ori­gi­nal­ka­ta­lo­ge mit Zeich­nun­gen stam­men aus den 1890er bis 1930er Jah­ren. 3 So hübsch sind Ge­stell und Mes­sing­ver­zie­rung nach dem Auf- und Um­ar­bei­ten. 4 Spä­te­res Quiet­schen und Wa­ckeln aus­ge­schlos­sen – der Steck­tech­nik sei Dank.

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