De­niz Yücel ist ei­ne Gei­sel

Landsberger Tagblatt - - Erste Seite - VON MICHA­EL STIFTER msti@augs­bur­ger all­ge­mei­ne.de

Seit ei­nem Jahr sitzt De­niz Yücel in Istanbul hin­ter Git­tern. Weil er sei­nen Job ge­macht hat. Weil die Tür­kei kri­ti­schen Jour­na­lis­mus mit Ter­ror­pro­pa­gan­da gleich­setzt. Yücel ist nur ei­ner von vie­len, die ein­ge­sperrt wur­den, oh­ne zu wis­sen, was man ih­nen vor­wirft. Doch sein Fall sym­bo­li­siert die Eis­zeit zwi­schen Berlin und An­ka­ra. Re­cep Tay­yip Er­do­gan nutzt Yücel als Gei­sel. Sei­ne Bot­schaft ist klar: Frei­heit gibt es nicht um­sonst.

Der Prä­si­dent er­war­tet, dass Deutsch­land schweigt. Zu sei­nem au­to­kra­ti­schen Füh­rungs­stil, zur ag­gres­si­ven Rol­le der Tür­kei in Sy­ri­en und zur Ab­schaf­fung der De­mo­kra­tie. Er­do­gan be­tont ger­ne die Un­ab­hän­gig­keit der Jus­tiz. Doch wer glaubt ernst­haft, dass das Wort ei­nes Rich­ters mehr Ge­wicht hat als das des Prä­si­den­ten?

Die Füh­rung in An­ka­ra deu­tet im­mer wie­der die Frei­las­sung von Ge­fan­ge­nen an – als Teil ei­nes Ge­schäfts, das für Er­do­gan so funk­tio­niert: Wenn sich Deut­sche und Tür­ken an­nä­hern, kann man auch über das Schick­sal von De­niz Yücel und an­de­rer spre­chen. Da­bei muss es ge­nau an­ders­her­um lau­fen: Erst wenn die Tür­kei po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne frei­lässt, kön­nen sich die Be­zie­hun­gen ent­span­nen.

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