Kath­rin Sohst (37): „Ich bin zart im Neh­men“

Nach Burn-out spre­chen jetzt al­le von Hoch­sen­si­bi­li­tät. Und es kom­men da­zu zahl­rei­che Rat­ge­ber auf den Markt. Was ge­nau be­deu­tet die­se Dia­gno­se?

Laura - - Inhalt - Lea Dras­do

Ne­ben uns schrillt ein Mar­tins­horn. Aber weil ich mei­ne klei­ne Toch­ter auf dem Arm ha­be und mei­ne Oh­ren nicht zu­hal­ten kann, brüllt es auch in mei­nem Kopf. Es ist, als ob mein gan­zer Kör­per sich ge­gen den Lärm, die In­ten­si­tät der Wahr­neh­mung, sträubt – kein Schmerz di­rekt, aber ähn­lich.“

Si­tua­tio­nen wie die­se er­lebt Kath­rin Sohst aus Wen­torf bei Ham­burg im­mer wie­der: Qu­iet­schen­de Au­to­rei­fen, Ge­sprä­che von meh­re­ren Men­schen gleich­zei­tig, Ra­dio­ge­du­del in Ge­schäf­ten, der Duft von schwe­rem Par­füm – ganz nor­ma­le All­tags­rei­ze wie die­se be­las­ten sie. Sie wer­den ihr zu viel.

For­scher rät­seln: Wo kommt die­se Hoch­sen­si­bi­li­tät ei­gent­lich her?

Denn wenn zu vie­le Rei­ze auf Kath­rin ein­wir­ken, ist sie schnell über­sti­mu­liert, wird mü­de und fühlt sich er­schöpft. In Ex­trem­fäl­len be­kommt sie Kopf­schmer­zen. Ih­re Er­klä­rung für die­ses Phä­no­men: „Ich bin hoch­sen­si­bel. Rei­ze emp­fin­de ich viel in­ten­si­ver als an­de­re und brau­che län­ger, um sie zu ver­ar­bei­ten“, er­klärt die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­te­rin.

Neu­es­ten Stu­di­en zu­fol­ge ist Kath­rin mit ih­ren Emp­fin­dun­gen kei­nes­falls al­lein: Fast 20 Pro­zent der Be­frag­ten hal­ten sich für „be­son­ders fein­füh­lig“. Im­mer mehr Rat­ge­ber-Bü­cher und Coa­ches be­schäf­ti­gen sich mit die­ser Form der Emp­find­sam­keit. Da­bei ist Hoch­sen­si­bi­li­tät kein neu­es The­ma: Be­reits 1997 schrieb die ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­lo­gin Elai­ne Aron dar­über – wirk­lich ge­forscht wur­de dar­über aber kaum. Und noch im­mer ist wis­sen­schaft­lich nicht ge­klärt, wo­her die ver­än­der­te Wahr­neh­mung kommt. Klar ist nur, dass Hoch­sen­si­bi­li­tät kei­ne Krank­heit ist, son­dern ein We­sens­merk­mal. Men­schen, die hoch­sen­si­bel sind, spü­ren die Emp­fin­dun­gen ih­rer Sin­ne – Rie­chen, Schme­cken, Füh­len – kör­per­lich viel stär­ker als ih­re Mit­men­schen! Sie lei­den nach­weis­lich häu­fi­ger an Burn-out oder so­gar an De­pres­sio­nen.

Das Ge­fühl, an­ders zu sein, be­glei­tet Kath­rin seit ih­rer Kind­heit

Sie mag es nicht, wenn die Schul­klas­se laut klatscht. Auf Kin­der­ge­burts­ta­gen hat sie Angst vor plat­zen­den Luft­bal­lons. Als jun­ge Frau über­legt sie sich ganz ge­nau, ob sie in Bars geht und wenn ja, in wel­che – oft ist es ihr zu laut und zu sti­ckig. Auch emo­tio­nal ist sie fein­füh­li­ger. TV-Nach­rich­ten do­siert sie be­wusst. „Ich be­kom­me das Ne­ga­ti­ve nicht aus mei­nem Kopf und den­ke viel über das Leid der Welt nach.“Ihr Spei­cher für Emp­fin­dun­gen ist schnel­ler voll als bei an­de­ren. Ih­rem Um­feld ist das schwer zu ver­mit­teln. Im­mer wie­der hört sie die glei­chen Sät­ze: „Reiß dich doch mal zu­sam­men!“, „Hab dich nicht so!“, „Sei nicht so emp­find­lich!“Vie­le ver­ste­hen nicht, war­um Kath­rin so schnell an ih­re Gren­zen kommt, und ver­ur­tei­len sie. Hän­se­lei­en muss sie seit der Schu­le er­tra­gen. Ihr Selbst­be­wusst­sein ist ge­ring. „Ich such­te den Feh­ler da­für, dass ich so an­ders bin, lan­ge bei mir“, gibt sie zu.

2008 fällt ihr dann das Buch „Zart be­sai­tet“von Ge­org Par­low in die Hän­de. Beim Le­sen merkt sie: Ge­nau das, was er schreibt, emp­fin­de ich! Seit die­sem Tag ist Kath­rin er­leich­tert – es ist der Tag, an dem sie ei­ne Er­klä­rung für ih­ren be­son­de­ren Zu­gang zur Welt fin­det. „End­lich ver­stand ich, dass es vie­len an­de­ren auch so geht.“Das Wis­sen dar­über stärkt sie. Kath­rin be­schäf­tigt sich im­mer mehr mit dem The­ma Hoch­sen­si­bi­li­tät – und merkt: Ob­wohl sie die Be­zeich­nung zu­vor nicht kann­te, nicht wuss­te, was mit ihr an­ders ist, mach­te sie un­ter­be­wusst vie­les rich­tig, um sich zu schüt­zen und psy­chisch sta­bil zu blei­ben. „In­tui­tiv zog ich im­mer an ru­hi­ge Or­te, me­di­tier­te, be­schäf­tig­te mich mit dem The­ma Acht­sam­keit – und such­te mir ei­nen Part­ner, der eben­so fein­füh­lig ist.“De­pres­siv oder we­gen Er­schöp­fung in The­ra­pie war Kath­rin bis heu­te nicht. Eher struk­tu­riert sie ih­ren All­tag klug durch, da­mit sie am Abend nicht zu aus­ge­laugt ist. „Ich neh­me mir Ohr­stöp­sel mit und pla­ne Pau­sen ein.“Neue Kraft fin­det Kath­rin auf lan­gen Wald­spa­zier­gän­gen mit ih­rem Mann, mit dem sie seit neun Jah­ren ver­hei­ra­tet ist, und ih­ren Töch­tern (vier und acht). „Ich spre­che of­fen mit mei­ner Fa­mi­lie, sie ha­ben Ver­ständ­nis da­für, dass ich mich ab und an zu­rück­zie­hen muss, Frei­raum brau­che. Heu­te ha­be ich gu­te Freun­de, die auch hoch­sen­si­bel sind oder mei­ne Tief­grün­dig­keit zu schät­zen wis­sen.“Hoch­sen­si­bi­li­tät sieht die jun­ge Frau nicht mehr als et­was Ne­ga­ti­ves. „Es ist doch ei­ne schö­ne Fä­hig­keit, sich in an­de­re hin­ein­ver­set­zen zu kön­nen. Ich bin in Ge­sprä­chen sen­si­bler – das kann ich nicht nur im Pri­vat­le­ben, son­dern auch im Be­ruf po­si­tiv nut­zen: Wenn ich in ei­nen Raum rein­kom­me oder an Dis­kus­sio­nen teil­neh­me, ver­ste­he ich oft schnel­ler, wie mein Ge­gen­über drauf ist und was es möch­te und fühlt.“

Mitt­ler­wei­le be­rät Kath­rin an­de­re Men­schen, die mit ih­rer Hoch­sen­si­bi­li­tät gut klar­kom­men wol­len. Sie schreibt Bü­cher, hat ei­nen ei­ge­nen Blog (www.sen­si­bel-un­d­stark.de). „Ich möch­te, dass Hoch­sen­si­ble wis­sen, dass es We­ge gibt, mit den Rei­zen bes­ser um­zu­ge­hen. Hoch­sen­si­bi­li­tät ist ei­ne Spiel­art der Na­tur, mit Vor- und Nach­tei­len – aber de­fi­ni­tiv kein Fluch.“

Im Ein­kaufs­cen­ter ist es laut. Kath­rin ist von den Ge­schäf­ten und dem Tru­bel der Men­schen reiz­über­flu­tet, sie fühlt sich ge­stresst Stress In der Stil­le der Na­tur fühlt sich Kath­rin am wohls­ten, hier tankt sie auf, sam­melt Kraft. Sie geht gern spa­zie­ren – am liebs­ten im Wald Ru­he

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