Ein­fach Fröh­lich

Frü­her fand Au­to­rin Kath­rin Fröh­lich das Ein­kau­fen toll. Das war, be­vor sie sich in je­dem La­den ge­gen Zu­satz­an­ge­bo­te weh­ren muss­te

Laura - - Inhalt -

Stel­len Sie sich vor, Sie ge­hen we­gen ei­ner Grip­pe zum Arzt. Der un­ter­sucht Sie, sagt, Sie sol­len drei­mal täg­lich in­ha­lie­ren, ver­schreibt ein Me­di­ka­ment und fragt beim Raus­ge­hen, ob Sie viel­leicht noch ei­nen Hör­test ma­chen wol­len. Oder sich das Knie rönt­gen las­sen möch­ten. Oder ob der Dok­tor Ih­nen rasch die­sen klei­nen Le­ber­fleck dort am Hals ent­fer­nen darf. „Spinnt der?“, wä­re ver­mut­lich noch ei­ner der höf­li­che­ren Ge­dan­ken, die Ih­nen durch den so­wie­so schon schmer­zen­den Kopf ge­hen, und mög­li­cher­wei­se wür­den Sie spon­tan be­schlie­ßen, den Arzt zu wech­seln. So ähn­lich geht es mir im­mer, wenn ich bei ei­nem Bä­cker in un­se­rer Stra­ße Bröt­chen kau­fe. Ich sa­ge: „Gu­ten Tag, zwei Welt­meis­ter, ein Hörn­chen und ein Nor­ma­les, bit­te.“Und die Ver­käu­fe­rin fragt: „Soll’s noch ei­ne Zei­tung da­zu sein?“Nein dan­ke, dann hät­te ich es ge­sagt. „Und Ku­chen? Möch­ten Sie Ap­fel­ku­chen für heu­te Nach­mit­tag mit­neh­men? Oder viel­leicht ein Stück Mohn?“

Die Schu­he pas­sen su­per! War­um MUSS ich ei­ne Soh­le kau­fen?

Die Stei­ge­rung die­ser ver­kaufs­för­dern­den Maß­nah­men er­le­be ich re­gel­mä­ßig beim Schu­he­kau­fen. Hier wer­den mir nicht nur Zu­satz­an­ge­bo­te ge­macht, hier wer­de ich un­ter mas­si­ven psy­cho­lo­gi­schen und ge­sell­schaft­li­chen Druck ge­setzt. „Sie wis­sen aber schon, dass Sie in die­sem Schuh ei­ne In­nen­soh­le tra­gen müs­sen, ooo­der?“, fragt die Da­me an der Kas­se und guckt mich an wie ei­ne „Tat­ort“-Kom­mis­sa­rin, die ei­nen Ver­däch­ti­gen ins Vi­sier nimmt. Ich ni­cke ein­ge­schüch­tert. „Wir ha­ben da gera­de das Mo­dell ,Blü­ten­duft‘ im An­ge­bot. Darf ich Ih­nen gleich die pas­sen­de Grö­ße raus­su­chen?“, froh­lockt sie. Ich spü­re die Bli­cke der war­ten­den Kun­den hin­ter mir wie Na­deln im Na­cken. Wenn ich jetzt Nein sa­ge, den­ken doch al­le, ich wä­re ein Fer­kel mit grau­en­vol­lem Fuß­ge­ruch, weil ich mich dem Soh­len­kauf ver­wei­ge­re. Wenn ich Ja sa­ge, är­ge­re ich mich hin­ter­her über mich selbst, weil ich mich mal wie­der ha­be breit­schla­gen las­sen. Gut, ein Trick wä­re die Flucht nach vorn: „Ich bit­te Sie! Na­tür­lich tra­ge ich Ein­le­ge­soh­len. So­gar nachts. Mein zwei­ter Vorname ist Ein­le­ge­soh­le. Selbst wenn ich bar­fuß lau­fe, be­nut­ze ich wel­che …“So schlag­fer­tig bin ich aber nicht. Höchs­tens hin­ter­her. Mit kommt nur ein kläg­li­ches „Dan­ke, ich glaub’, ich hab’ noch wel­che zu Hau­se“über die Lip­pen.

Das Shop­pen ist ein Spieß­ru­ten­lauf

Ach, das wa­ren noch Zei­ten, als Shop­pen ein­fach nur schön war und der Gang zur Kas­se nicht zum Spieß­ru­ten­lauf wur­de. Statt nach Zu­satz­an­ge­bo­ten oder Pay­back-Kar­ten wur­de man höchs­tens ge­fragt, ob man ei­ne Tü­te woll­te. Ich schät­ze, dass sich auch die ar­men Ver­käu­fe­rin­nen die Ver­gan­gen­heit zu­rück­wün­schen. Die ha­ben sich die­sen gan­zen „Darf ’s noch ein biss­chen mehr sein?“Schnick­schnack schließ­lich nicht aus­ge­dacht, son­dern wer­den von ih­ren Chefs da­zu ver­don­nert, das Best­mög­li­che aus je­dem Kun­den raus­zu­quet­schen. Aber ob am En­de der Är­ger der Kun­den das Um­sat­zPlus wert ist? Kei­ne Ah­nung! Ich weiß nur, was ich nicht will: psy­cho­lo­gi­sche Er­pres­sung in der Öf­fent­lich­keit. Mein pri­va­tes Ver­hält­nis zu Ein­le­ge­soh­len geht schließ­lich nie­man­den et­was an. Duf­ten­de Grü­ße

Kath­rin Fröh­lich lebt mit ih­rem Mann, ih­ren zwei Kin­dern und Hund Ben­no in Pin­ne­berg bei Ham­burg

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