Zei­gen, was wir füh­len

La­chen, Wei­nen, Wut – das ge­hört zum Le­ben. Da­mit of­fen um­zu­ge­hen fällt uns aber nicht im­mer leicht

Laura - - Inhalt - Uta Pau­lus

Sich zu­sam­men­rei­ßen, das Ge­sicht wah­ren, lä­cheln, auch wenn es schwer­fällt, Män­ner wei­nen nicht – vie­le Tipps und Re­de­wen­dun­gen deu­ten dar­auf hin, dass man sei­ne wah­ren Ge­füh­le lie­ber nicht in der Öf­fent­lich­keit zei­gen soll­te. Auf der an­de­ren Sei­te be­kom­men Men­schen, die über­ra­schend ech­te Emo­tio­nen zei­gen, oft po­si­ti­ves Feed­back, et­wa Prinz Har­ry und Prinz Wil­li­am im In­ter­view zu ih­rer ver­stor­be­nen Mut­ter. An­de­re Ge­fühls­aus­brü­che je­doch emp­fin­den wir eher zum Fremd­schä­men oder ver­spü­ren Un­si­cher­heit, wenn et­wa die Kol­le­gin plötz­lich in Trä­nen aus­bricht.

Ei­ne Ge­ne­ra­ti­on, die kei­ne Emo­tio­nen zu­ließ

Die­ses Ver­hal­ten ist auch in un­se­rer His­to­rie be­dingt: „Vor al­lem aus dem Preu­ßen­tum und dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus: Frau­en hat­ten zu ge­hor- chen und sonst nichts, Män­ner sind stark und tap­fer und nie trau­rig. Die Schre­cken und die Trau­ma­ta der Kriegs- und Nach­kriegs­zeit lie­ßen dar­über hin­aus vie­le Men­schen der Ge­ne­ra­ti­on 70 plus emo­tio­nal ver­stum­men. Sie ha­ben das un­be­wusst an ih­re Kin­der und En­kel wei­ter­ge­ge­ben“, er­klärt Dr. Udo Ba­er. Der Um­gang mit Ge­füh­len ist al­so hei­kel und fällt uns oft schwer. Doch im­mer ei­ne ru­hi­ge, gleich­mü­ti­ge Fas­sa­de wah­ren ist nicht der rich­ti­ge Weg.

Un­ser Han­deln und un­se­re Be­zie­hun­gen funk­tio­nie­ren nur durch Ge­füh­le

Denn wir brau­chen sie für un­ser Zu­sam­men­le­ben: „Ge­füh­le be­stim­men die spon­ta­nen Be­zie­hun­gen un­ter­ein­an­der. Wer sich är­gert, will et­was ver­än­dern, wer sich ängs­tigt, ver­mei­det und hält sich fern, wer neu­gie­rig ist, be­wegt sich auf an­de­re zu, wer trau­ert, braucht Trost“, sagt Ba­er. Zu­dem brau­chen wir Ge­füh­le, um ge­sund zu blei­ben, da sie sich auch auf den Kör­per aus­wir­ken. Angst er­höht den Herz­schlag, La­chen schüt­tet En­dor­phi­ne aus. Zuf­rie­den­heit lässt sich am gan­zen Kör­per als woh­li­ger Zu­stand emp­fin­den. In­zwi­schen setzt ein Um­den­ken ein. „Jun­gen Men­schen fällt es viel leich­ter, Ge­füh­le zu äu­ßern – wenn auch ver­stärkt in­di­rekt über so­zia­le Me­di­en“, er­klärt Ba­er. Kon­ven­tio­nen blei­ben aber be­ste­hen. „Vor al­lem in der Wirt­schaft und in den Bü­ros: dass es Schwä­che be­deu­tet, Ge­füh­le zu zei­gen – und das droht, im Kon­kur­renz­kampf aus­ge­nutzt zu wer­den“, warnt Ba­er. Wu­t­aus­brü­che oder Wein­krämp­fe sind da­her im Job im­mer noch fehl am Platz. Pas­siert es den­noch: „Nach Be­lei­di­gun­gen und Ver­let­zun­gen an­de­rer soll­te man sich ent­schul­di­gen. An­sons­ten: Ste­hen Sie zu Ih­ren Ge­füh­len. Sie sind Teil Ih­res Her­zens“, rät Ba­er.

Ver­drän­gen sorgt für Pro­ble­me – sei­en Sie ehr­lich, be­son­ders in der Fa­mi­lie

Wer Ge­füh­le ver­drängt, des­sen Leis­tung lässt nach, auch im Be­ruf. Da­her soll­ten Sie mit of­fe­nen Kar­ten spie­len, wenn z. B. ein Trau­er­fall sie be­las­tet. Freun­den und Fa­mi­lie ge­gen­über soll­te man sich ru­hig mehr öff­nen. Wer da­mit an­fängt, dem ver­trau­en sich auch an­de­re an. Un­ser Ti­tel-Star Kathrin hat die­se Er­fah­rung ge­macht – und liebt ih­re herz­li­che Fa­mi­lie.

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