„Es geht um mein Le­ben, und dar­über be­stim­me ich“

Alt­kanz­ler Ger­hard Schrö­der hält an sei­nem Ros­neft-en­ga­ge­ment fest – und macht ei­ne Spd-wahl­kampf­ver­an­stal­tung zur Ein-mann-show

Leipziger Volkszeitung - - Politik - VON ANDRE­AS NIESMANN

RO­TEN­BURG.

Ob er es ge­nießt? Ob er ins­ge­heim sei­ne Freu­de dar­an hat, dass sich jetzt mal wie­der al­les nur um ihn dreht? Als Ger­hard Schrö­der am Mitt­woch­abend den voll be­setz­ten Saal in Ro­ten­burg an der Wüm­me be­tritt, drängt sich die­ser Ein­druck ge­ra­de­zu auf. Der Alt­kanz­ler kommt im of­fe­nen Hemd. Die Är­mel hat er auf­ge­krem­pelt. Und im Ge­sicht trägt er sein brei­tes­tes Grin­sen.

Schrö­der ist in die nie­der­säch­si­sche Pro­vinz ge­kom­men, um Wahl­kampf ma­chen. Der ört­li­che Spd-ab­ge­ord­ne­te Lars Kling­beil hat ihn da­zu ein­ge­la­den. Un­ter nor­ma­len Um­stän­den hät­te es ein mun­te­rer Plau­der­abend wer­den kön­nen. Aber seit Schrö­ders Kan­di­da­tur für den Auf­sichts­rat des rus­si­schen Öl­kon­zerns Ros­neft durch die Me­di­en ge­gan­gen ist, sind die Um­stän­de nicht nor­mal.

Für den Ab­ge­ord­ne­ten Kling­beil, der frü­her im Wahl­kreis­bü­ro Schrö­ders ge­ar­bei­tet hat­te, ist das kein ganz ein­fa­cher Ter­min. Ei­ner­seits darf er den pro­mi­nen­ten Gast nicht ver­prel­len, an­de­rer­seits muss er der Kri­tik aus Öf­fent­lich­keit und Par­tei Aus­druck ver­lei­hen. Es ist ein Draht­seil­akt, den der 39-Jäh­ri­ge sehr or­dent­lich be­wäl­tigt. Na­tür­lich wol­len die 350 Zu­hö­rer wis­sen, wie Schrö­der jetzt sein En­ga­ge­ment für Ros­neft be­grün­det.

„Man muss ge­le­gent­lich Din­ge tun, mit de­nen nicht al­le ein­ver­stan­den sind”, sagt der Alt­kanz­ler. „Der Main­stream war noch nie ein Ge­wäs­ser, das mich be­son­ders in­ter­es­siert hat.“Und: „Ich glau­be, dass es nicht ver­nünf­tig ist, un­se­ren größ­ten Nach­barn Russ­land öko­no­misch und po­li­tisch zu iso­lie­ren“, führt Schrö­der aus. „Die Dä­mo­ni­sie­rung Russ­lands hilft kei­nem, die Ein­bin­dung Russ­lands in die Welt­wirt­schaft kann uns al­len hel­fen.“

Als größ­ter Erd­öl­kon­zern der Welt sei Ros­neft wich­tig für Deutsch­land. Das Un­ter­neh­men sei mit­nich­ten der ver­län­ger­te Arm des Kremls, son­dern ein in­ter­na­tio­na­ler Kon­zern, der sich um Ener­gie­si­cher­heit küm­me­re. „Jetzt stellt euch mal vor, ich wä­re nicht für den Auf­sichts­rat des rus­si­schen Un­ter­neh­mens Ros­neft, son­dern für den des Us-un­ter­neh­mens Exxon vor­ge­schla­gen wor­den. Al­le wä­ren be­geis­tert.“

Man muss es Kling­beil hoch an­rech­nen, dass er an die­ser Stel­le kri­tisch nach­fragt. Ob er denn kei­ne Angst ha­be, dass Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin ihn be­nut­ze, fra­ge er Schrö­der. Ob ihm denn sein Ruf egal sei? „Ich bin nicht be­nutz­bar“, ant­wor­tet der Alt­kanz­ler. Und sein Ruf, nein, der sei ihm nicht egal.

Aber er wer­de des­halb nicht dar­auf ver­zich­ten, in sei­nem al­ten Be­ruf als Rechts­an­walt zu ar­bei­ten. Er sei nicht frei­wil­lig aus dem Amt ge­schie­den und nie­mand kön­ne nun von ihm er­war­ten, dass er sich nun in den Lehn­stuhl set­ze. „Ich wer­de es tun. Und ich ste­he da­zu“, sagt er noch. „Es geht um mein Le­ben, und über das be­stim­me ich. Und nicht die deut­sche Pres­se.“Zu­min­dest der letz­te Satz ist wahr.

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