„Wir sind ein an­ar­chi­scher Hau­fen“

Bei 0er zwei­ten Bun­0es­le­ser­kon­fe­renz 0es Re07k­ti­ons­netz­werks Deutschl7n0 (RND) ging es hoch her. Afd-spit­zen­k7n0i07t Alex7n0er G7u­l7n0 stell­te sich in Ber­lin 0en Fr7gen un0 ließ tief in 0ie See­le sei­ner P7r­tei bli­cken.

Leipziger Volkszeitung - - Blickpunkt - VON JAN STERNBERG

A lex­an­der Gau­land ist 76 Jah­re alt, aber er wird nicht mü­de zu strei­ten. Als Spit­zen­kan­di­dat der Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land (AFD) wird er al­ler Vor­aus­sicht nach den nächs­ten Bun­des­tag auf­mi­schen kön­nen – ob er die vol­len vier Jah­re im Par­la­ment blei­ben wird, soll­te er ge­wählt wer­den, ließ er am Di­ens­tag­abend of­fen. „Ich bin ma­xi­mal Ge­gen­wart“, sagt Gau­land auf die Fra­ge der Le­se­rin Ma­ri­on Wack­e­row von den „Lü­be­cker Nach­rich­ten“, war­um er in sei­nem Al­ter noch „aus dem Schat­ten ins Licht“tre­te. Die Zu­kunft in der Par­tei ge­hö­re an­de­ren, et­wa sei­ner Ko-spit­zen­kan­di­da­tin Ali­ce Wei­del: „Ich ha­be mich nicht nach vorn ge­drängt.“Da­bei gilt der eins­ti­ge Lei­ter der Staats­kanz­lei in Hes­sen, bis 2013 im­mer­hin 40 Jah­re lang Cdu-mit­glied, als wich­tigs­ter Strip­pen­zie­her der AFD.

Zum zwei­ten Mal hat­ten die Le­ser der rund 30 Part­ner­zei­tun­gen des Re­dak­ti­ons­netz­werks Deutsch­land (RND) die Mög­lich­keit, den Spit­zen­kan­di­da­ten ei­ner Par­tei di­rekt zu be­fra­gen. Die AFD hat ei­ne rea­lis­ti­sche Chan­ce, in den Bun­des­tag ein­zu­zie­hen. Ei­ni­ge Plät­ze aber blie­ben leer. So man­cher Le­ser hat­te das In­ter­es­se an ei­ner Be­geg­nung ver­lo­ren. Am Wo­che­n­en­de hat­te der Rechts­po­pu­list da­von ge­spro­chen, die In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, die ge­bür­ti­ge Ham­bur­ge­rin Ay­dan Özo­guz, „nach Ana­to­li­en ent­sor­gen“zu wol­len.

Für sol­che For­mu­lie­run­gen be­kom­me Gau­land „re­gel­mä­ßig Bei­fall von Ras­sis­ten und ne­ben­bei me­dia­le Auf­merk­sam­keit“. Mit die­ser Ein­schät­zung kon­fron­tiert Rnd-chef­re­dak­teur Wolf­gang Büch­ner Gau­land gleich zu Be­ginn. Hin­ter sol­chen Sät­zen ste­cke „kei­ne Stra­te- gie“, de­men­tiert Gau­land, er­neu­ert und ver­schärft sei­ne Kri­tik an Özo­guz und stellt sich zu­dem hin­ter den Afd-rechts­au­ßen Björn Hö­cke. Es ist Feu­er in die­ser ers­ten Run­de. Da­nach geht es zu­nächst um die Dau­er­bren­ner Eu­ro, Russ­land, Bar­geld. Die Ge­mü­ter be­ru­hi­gen sich.

„Will die AFD im­mer noch den Eu­ro ab­schaf­fen?“(Cle­ment Möl­ler, Le­ser der „Lü­be­cker Nach­rich­ten“)

Gau­land: „Das ist ei­ne schwie­ri­ge Fra­ge. Der Eu­ro in der Form geht nicht. Wir ha­ben aber nie ge­sagt, dass wir al­lei­ne aus­tre­ten, son­dern der Eu­ro muss ver­än­dert wer­den, dass er ein Wäh­rungs­ver­bund von gleich­ar­ti­gen Staa­ten ist. Deutsch­land al­lei­ne wür­de ich ab­leh­nen.“

„Soll­te man die Sank­tio­nen ge­gen Russ­land ab­leh­nen?“(hans-joa­chim Mey­er, Le­ser der „Lü­be­cker Nach­rich­ten“)

Gau­land: „Ja. In Eu­ro­pa herrscht auf Dau­er nur Frie­den, wenn wir ei­ne Ord­nung mit Russ­land hin­be­kom­men. Ich wüss­te da­für nicht so­fort ei­nen Weg, aber die Sank­tio­nen sind das Ge­gen­teil da­von.“

Hier fühlt sich Gau­land firm. Schwie­ri­ger wird es, wenn Le­ser kon­kre­te Fra­gen vor­be­rei­tet ha­ben.

„Soll die Bei­trags­be­mes­sungs­gren­ze bei der Ren­ten- und Kran­ken­ver­si­che­rung ab­ge­schafft wer­den?“(El­lia­ne Kühn­hold, Le­se­rin der „Kie­ler Nach­rich­ten“)

Gau­land: „Das ist ei­ne schwie­ri­ge Fra­ge, die ich im­mer et­was fürch­te und zwar, weil wir kein neu­es Ren­ten­kon­zept ha­ben. Wir sind ei­ne sehr jun­ge Par­tei. Die Fra­ge Ren­te wird bei uns noch dis­ku­tiert.“

„Wie wol­len Sie den Schad­stoff­austoss durch den In­di­vi­du­al­ver­kehr re­du­zie- ren?“(Cle­ment Möl­ler aus Lü­beck)

Gau­land: „Kli­ma­wan­del gibt es. Wie viel da­von von Men­schen ge­macht ist, dar­über gibt es sehr un­ter­schied­li­che Mei­nun­gen. Wir sind je­den­falls ge­gen ir­gend­ei­ne Ver­ord­nungs­wirt­schaft. Sie kön­nen nicht im Jahr 2030 oder 2040 den Die­sel ab­schaf­fen oder den Ver­bren­nungs­mo­tor. Wir sind ge­gen je­den Ver­such, die deut­sche Au­to­in­dus­trie zu tö­ten.“

Ei­ne hal­be St­un­de ist ver­gan­gen, nun geht es um das The­ma Mi­gra­ti­on, be­vor­zug­tes Wahl­kampf­the­ma der AFD.

„Ist es über­haupt mög­lich, die Gren­zen Deutsch­lands zu schlie­ßen?“(Ute Roh­l­off, Le­se­rin der „Lü­be­cker Nach­rich­ten“)

Gau­land: „Sie kön­nen ein Land na­tür­lich nicht so ab­dich­ten, dass je­der ge­fasst wird, das ist völ­lig klar. Es wird im­mer Leu­te ge­ben, die über die grü­ne Gren­ze kom­men.“

„War­um ha­ben wir bis heu­te noch kein Ein­wan­de­rungs­ge­setz?“(Wal­ter En­gel, Le­ser der „Hil­des­hei­mer All­ge­mei­nen Zei­tung“)

Gau­land: „Ich möch­te kein Ein­wan­de­rungs­ge­setz, weil ich den ge­sell­schaft­li­chen Kräf­ten miss­traue, die es als Ein­wan­de­rungs­tor be­nut­zen.“

Da­mit stellt sich Gau­land fron­tal ge­gen das Wahl­pro­gramm der AFD. „Na­tür­lich brau­chen wir ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz“, kon­ter­te ges­tern Par­tei­che­fin Frau­ke Pe­try im Ge­spräch mit dem RND. Wie­der ein­mal prä­sen­tiert sich die AFD als in­halt­lich zer­strit­te­ne Par­tei. Ein The­ma auch in der Le­ser­kon­fe­renz.

„War­um stel­len Sie so ei­ne zer­strit­te­ne Par­tei dar und neh­men die Tren­nung von Frau Pe­try in Kauf?“(Tho­mas Mei­er, Le­ser der „Leip­zi­ger Volks­zei­tung“)

Gau­land: „Wir sind ei­ne Gras­wur­zelPar­tei, je­der will mit­re­gie­ren. Ich ha­be das als gä­ri­gen Hau­fen be­zeich­net, man kann es auch ei­nen an­ar­chi­schen Hau­fen nen­nen. Wir wer­den die Par­tei bis zur Bun­des­tags­wahl nicht än­dern.“

Mehr als ei­ne St­un­de dis­ku­tie­ren die Le­ser mit Gau­land, da schließt sich der Kreis. Bri­git­te Hardt, Le­se­rin der „Mär­ki­schen All­ge­mei­nen“, hält Gau­land ei­ne Lis­te von Ent­glei­sun­gen sei­ner Par­tei­kol­le­gen vor, von Björn Hö­cke („Wir brau­chen ei­ne er­in­ne­rungs­po­li­ti­sche Wen­de um 180 Grad) oder An­dré Pog­gen­burg (er will „Wu­che­run­gen am deut­schen Volks­kör­per“los­wer­den) und an­de­ren. Gau­land weicht aus. „Manch­mal wird auch Stuss ge­re­det“, sagt er, Pog­gen­burg sei „die Zun­ge aus­ge­rutscht“, Hö­cke und er hät­ten „hart for­mu­liert“. Aber „das ist nicht die Na­ziideo­lo­gie“. Völ­ki­scher Na­tio­na­lis­mus aber ist es al­le­mal.

Fo­to: Ute Gr7bow­sky/pho­to­thek.net

Afd-kan­di­dat Alex­an­der Gau­land (l.) am Di­ens­tag­abend in Ber­lin im Ge­spräch mit Rnd-chef­re­dak­teur Wolf­gang Büch­ner und Le­sern von fast 30 Ta­ges­zei­tun­gen, dar­un­ter der Leip­zi­ger Volks­zei­tung und der Dresd­ner Neu­es­ten Nach­rich­ten.

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