Fa­mi­lie Wun­der­lich er­leich­tert: Le­bens­lang für den Mör­der von Hei­ke

Ur­teil in Zwi­ckau: Hel­mut S. tö­te­te 1987 die da­mals 18-Jäh­ri­ge / DNA-SPUR führ­te nach Jahr­zehn­ten zum Tä­ter

Leipziger Volkszeitung - - Sachsen Und Mitteldeutschland - VON MAR­TIN KLOTH UND CLAUDIA DRE­SCHER

ZWI­CKAU.

Nach­dem der Rich­ter die Sit­zung be­en­det hat, fal­len sich Frank und Gün­ther Wun­der­lich mit Trä­nen in den Au­gen in die Ar­me. Mehr als 30 Jah­re nach dem bru­ta­len Se­xu­al­mord an ih­rer Schwes­ter ver­häng­te das Land­ge­richt Zwi­ckau ges­tern ei­ne le­bens­lan­ge Haft ge­gen den Tä­ter. Die Schwur­ge­richts­kam­mer sah es nach 43 Ver­hand­lungs­ta­gen als er­wie­sen an, dass Hel­mut S. na­he Plauen am 9. April 1987 die da­mals 18 Jah­re al­te Hei­ke Wun­der­lich ver­ge­wal­tigt und ge­tö­tet hat. „Wir sind er­leich­tert. Wir hat­ten kei­ne Zwei­fel dar­an, dass er das war“, sagt Frank Wun­der­lich.

Bei der Ur­teils­ver­kün­dung ging ein lau­tes Rau­nen durchs Pu­bli­kum. We­gen der Bru­ta­li­tät der Tat stell­te die Schwur­ge­richts­kam­mer die be­son­de­re Schwe­re der Schuld fest. Da­mit wird ei­ne vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sung für den 62-jäh­ri­gen Mann aus Gera er­schwert. Mit dem Ur­teil folg­te das Ge­richt den An­trä­gen von Staats­an­walt­schaft und Ne­ben­kla­ge. Ver­ur­teilt wur­de der ge­bür­ti­ge Zwi­ckau­er nach dem zum Zeit­punkt der Tat gel­ten­den Ddr-recht. Da­nach sah der da­ma­li­ge Pa­ra­graf 112 für Mord ei­ne Frei­heits­stra­fe von min­des­tens zehn Jah­ren oder le­bens­läng­lich vor, nach dem heu­ti­gen Mord­pa­ra­gra­fen 211 ist aus­schließ­lich ei­ne le­bens­lan­ge Haft mög­lich. Am En­de gab es trotz der An­wen­dung des Ddrpa­ra­gra­fen we­gen der Schwe­re des Ver­bre­chens ei­ne le­bens­lan­ge Haft­stra­fe.

Dies sei ei­ne ju­ris­ti­sche Zei­t­rei­se, sag­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter Klaus Hart­mann. Das Ur­teil ist noch nicht rechts­kräf­tig. Die Ver­tei­di­gung, die ei­nen Frei­spruch ge­for­dert hat­te, kün­dig­te die Prü­fung ei­ner Re­vi­si­on an.

„Die Ge­rech­tig­keit hat ei­nen lan­gen Atem“, stell­te Hart­mann bei sei­ner Ur­teils­be­grün­dung fest. Der Rechts­frie­den sei nur mit die­sem Ur­teil her­zu­stel­len. Die Ver­ge­wal­ti­gung be­zeich­ne­te er als dras­tisch, die Tö­tung wer­te­ten die Rich­ter als Ver­de­ckungs­mord. Die Plat­zie­rung ei­ner Ein-mark-mün­ze in der Va­gi­na als Ab­schluss­hand­lung nann­te Hart­mann ei­ne Ver­höh­nung des Op­fers und ab­scheu­li­chen Um­stand, der sich straf­ver­schär­fend aus­ge­wirkt ha­be.

„Jetzt kön­nen wir der Mut­ter end­lich sa­gen, die Stra­fe, die mög­lich war, kriegt er jetzt“, sagt Frank Wun­der­lich er­leich­tert. Mut­ter An­ne­ro­se war aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den an kei­nem Ver­hand­lungs­tag an­we­send, Va­ter Sieg­fried war im Ver­lauf des Pro­zes­ses ge­stor­ben.

Der aus Sach­sen stam­men­de Ver­ur­teil­te Hel­mut S. folg­te den fast ein­stün­di­gen Aus­füh­run­gen mit ge­senk­tem Kopf und nick­te vor­über­ge­hend so­gar weg. Ihm wur­de vom Rich­ter den­noch at­tes­tiert, trotz sei­ner Ein­schrän­kun­gen durch ei­nen 2012 er­lit­te­nen Schlag­an­fall vor Ge­richt sei­ne Auf­nah­me­fä­hig­keit un­ter Be­weis ge­stellt zu ha­ben. Laut Über­zeu­gung der Kam­mer sei er da­her kein blo­ßes, wehr­lo­ses Ob­jekt der Straf­ver­fol­gung ge­we­sen.

Laut Auf­fas­sung des Ge­richts ist die Spur mit der Num­mer 29.1.19 Kern­punkt des In­di­zi­en­pro­zes­ses ge­we­sen, die letzt­lich zur Ver­ur­tei­lung ge­führt hat. Hin­ter der Be­zeich­nung ver­birgt sich die DNASpur des ge­bür­ti­gen Zwi­ckau­ers. Die­se war im Kno­ten des als Dros­sel­werk­zeug be­nutz­ten BH des Op­fers ge­fun­den wor­den. Es ge­be kei­nen Grund, den In­di­zi­en­wert zu re­la­ti­vie­ren, be­ton­te der Rich­ter. Die Zwei­fel, die es in Be­zug auf die Schuld des An­ge­klag­ten hät­te ge­ben kön­nen, ha­be der Rich­ter aus der Welt ge­schafft, meint Frank Wun­der­lich.

Doch trotz des mehr als acht Mo­na­te dau­ern­den Pro­zes­ses mit ei­ner auch nach Auf­fas­sung der Ver­tei­di­gung aus­führ­li­chen Be­weis­auf­nah­me konn­ten zahl­rei­che Fra­gen nicht ge­klärt wer­den. So bleibt of­fen, wie sich Tä­ter und Op­fer be­geg­net sind. Auch, war­um Hel­mut S. als ver­ur­teil­ter Kri­mi­nel­ler nicht in den 14 Kom­ple­xen mög­li­cher Tat­ver­däch­ti­ger auf­tauch­te, ist un­klar. Che­f­er­mitt­ler En­ri­co Pet­zold hat­te zu­ge­ge­ben, dass der Früh­rent­ner nicht auf dem Ra­dar der Kri­mi­na­lis­ten und der Tref­fer in der Dna­da­ten­bank nur ein Zu­fall war. „Er war nicht auf dem Schirm“, so der Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar.

Die Ver­tei­di­ger hat­ten zu­dem mo­niert, dass die Tat­ort­si­che­rung und die La­ge­rung der Be­wei­se nach heu­ti­gen Maß­stä­ben un­pro­fes­sio­nell ge­we­sen sei­en. So feh­le die Mün­ze aus dem Op­fer, es ge­be kei­ne Blut­pro­be von Hei­ke Wun­der­lich, und Film­auf­nah­men vom Tat­ort sei­en auch nicht auf­find­bar ge­we­sen.

Die Po­li­zei ver­such­te ges­tern wei­ter­hin, den ge­nau­en Ablauf des Un­glücks zu re­kon­stru­ie­ren. Kri­mi­na­lis­ten ar­bei­te­ten noch ein­mal an der Un­glücks­stel­le und be­frag­ten Zeu­gen. Klar ist bis jetzt: Der Jun­ge ist am Di­ens­tag ge­gen 16.20 Uhr von ei­nem IC aus Ber­lin auf der Fahrt nach Leipzig er­fasst und ge­tö­tet wor­den. Der Zug durch­fuhr den Hal­te­punkt oh­ne Stopp. „Zeu­gen ha­ben ge­se­hen, dass der Jun­ge im Gleis stand“, so ei­ne Po­li­zei­spre­che­rin. Die Be­am­ten prü­fen nun, ob es sich um ei­nen Un­fall oder ei­nen Sui­zid han­delt. Ein Fremd­ver­schul­den wer­de im Mo­ment aus­ge­schlos­sen.

Der Zug fuhr nach dem Zu­sam­men­prall wei­ter bis zum Leip­zi­ger Haupt­bahn­hof und er­reich­te um 16.36 Uhr sein Ziel. Der Lok­füh­rer hat­te von dem Zu­sam­men­stoß nichts be­merkt, konn­te aber auch nicht mehr in­for­miert wer­den, um den Zug noch vor dem Bahn­steig zu stop­pen. Grund: Die Zeit war zu knapp. Ein Zeu­ge ha­be zwar so­fort in De­litzsch den Notruf ge­wählt. „Die In­for­ma­ti­ons­zeit hat am En­de aber 15 Mi­nu­ten ge­dau­ert“, so die Po­li­zei­spre­che­rin. Die Stre­cke zwi­schen De­litzsch und Leipzig war rund fünf St­un­den ge­sperrt. Die Bun­des­po­li­zei flog den Ab­schnitt mit ei­nem Hub­schrau­ber ab. Laut Deut­scher Bahn kam es im Re­gio­nal- und S-bahn-ver­kehr über St­un­den zu Aus­fäl­len und Ver­spä­tun­gen.

Fo­to: dpa

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Der ver­ur­teil­te Hel­mut S. (62) (ge­blen­det) ges­tern im Ge­richts­saal mit sei­nem Ver­tei­di­ger. Der Früh­rent­ner aus Gera stritt wäh­rend des Pro­zes­ses die Tat ab. Er ist mehr­fach vor­be­straft.

Fo­to: Wolf­gang Sens

Die Stadt trau­ert: Ei­ne Ker­ze und Blu­men als Zei­chen der Trau­er am Un­te­ren Bahn­hof in De­litzsch.

Hei­ke Wun­der­lich

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