Der The­sen­an­schlag und Lu­thers Tur­m­er­leb­nis auf dem Klo

Wit­ten­berg be­rei­tet sich auf Staats­akt am 31. Ok­to­ber vor / Ge­denk­stät­ten­chef Ste­fan Rhein: Span­nen­de Or­te lie­gen oft im Ver­bor­ge­nen

Leipziger Volkszeitung - - Sachsen Und Mitteldeutschland - VON TAT­JA­NA KULPA UND NAT­HA­LIE RIPPICH

WIT­TEN­BERG.

Countdown zum Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um: In ge­nau zwei Mo­na­ten wird mit ei­nem Staats­akt in der Wit­ten­ber­ger Schloss­kir­che der 500. Jah­res­tag von Mar­tin Lu­thers The­sen­an­schlag ge­fei­ert. Ein letz­ter Hö­he­punkt im gro­ßen Fest­jahr, dem mit Span­nung auch Ste­fan Rhein ent­ge­gen­sieht, der Di­rek­tor der Stif­tung Lu­ther­ge­denk­stät­ten. Und da­mit so was wie der „Haus­meis­ter“in Lu­thers ver­trau­ter Wohn­stu­be Wit­ten­berg.

Den Tou­ris­ten-scha­ren, die be­son­ders in die­sem Jahr in die sach­sen-an­hal­ti­sche 30 000-Ein­woh­ner-kreis­stadt an der El­be ein­fal­len, bleibt da­bei vie­les von dem ver­bor­gen, was Rhein für das ei­gent­lich Span­nen­de im „Va­ti­kan des Pro­tes­tan­tis­mus“hält. Et­wa die Rui­ne im Hin­ter­hof des Lu­ther­hau­ses. Ein Turm soll das Bau­werk einst ge­we­sen sein. Je­nes Ge­bäu­de, in dem Lu­ther sein be­kann­tes Tur­m­er­leb­nis ge­habt ha­ben soll – „in cloaca, al­so auf dem Klo, wohl­ge­merkt“, sagt Rhein. Der Turm, in dem den spä­te­ren Re­for­ma­tor die Er­kennt­nis er­eil­te, dass Ge­rech­tig­keit al­lein Got­tes Gna­de und nicht mensch­li­ches Tun sein kann, wur­de erst vor et­wa zehn Jah­ren ent­deckt. Ei­ne klei­ne Sen­sa­ti­on. Ge­nau 95 The­sen soll Mar­tin Lu­ther am 31. Ok­to­ber 1517 an die Tür der Schloss­kir­che zu Wit­ten­berg ge­na­gelt ha­ben. Wir fei­ern 2017 des­halb 500 Jah­re Re­for­ma­ti­on. Aber wer kennt heu­te we­nigs­tens noch ei­ne The­se? Und: Was in al­ler Welt ha­ben sie uns im Jahr 2017 noch zu sa­gen?

Ge­nau zwei Mo­na­te vor dem gro­ßen Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um star­ten wir ei­ne gro­ße mul­ti­me­dia­le Se­rie und fra­gen bei

Die gro­ße Sen­sa­ti­on bleibt für Rhein den­noch der The­sen­an­schlag an sich – der ja ei­gent­lich als Ein­la­dung zur Dis­kus­si­on und nicht als Kir­chen­spal­tung ge­dacht war. „Lu­ther war nicht der Ein­sa- me. Er war Teil ei­ner Dis­kus­si­ons­ge­mein­schaft. Der Weg zur Re­for­ma­ti­on ist ganz stark ge­prägt von der da­mals jun­gen Uni­ver­si­tät und ih­ren Stu­den­ten“, weiß der Ex­per­te. Dass Lu­ther sei­ne The­sen aus­ge­rech­net an das Tor der Schloss­kir­che an­brach­te, war kein Zu­fall. „Er woll­te ei­nen uni­ver­si­tä­ren Dis­kurs. Die Pfor­te war da­mals das Schwar­ze Brett der Uni. Das war nicht wei­ter un­ge­wöhn­lich.“

Rhein sieht Lu­ther aber nicht nur als Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor – der gro­ße Re­for­ma­tor war auch ein Mann der Ba­sis, der als Pre­di­ger in der Stadt­kir­che St. Ma­ri­en dem Volk tat­säch­lich „aufs Maul“schau­te. „Als Seel­sor­ger hat er dort von den Nö­ten der Ge­mein­de­mit­glie­der er­fah­ren. Hat ge­se­hen, wie sie dar­um ge­run­gen ha­ben, ei­nen gnä­di­gen Gott zu be­kom­men. Er hat ge­merkt, wie ver­zwei­felt sie wa­ren, wie viel Ablass sie des­halb kau­fen woll­ten“, weiß Rhein. Lu­ther sah das mit zu­neh­men­den Be­frem­den. „Er hat deut­lich ge­macht, dass es vor Gott kei­nen Papst und kei­ne Bi­schö­fe gibt. Gleich­be­rech­ti­gung auf vie­len Ebe­nen ist ein wich­ti­ger Im­puls der Re­for­ma­ti­on.“

Der Stif­tungs­di­rek­tor selbst ist Ka­tho­lik. Das hin­dert ihn nicht dar­an, Lu­ther im­mer wie­der neu zu ent­de­cken „Die­sen Mann durch mei­ne Ar­beit als Men­schen je­den Tag nä­her ken­nen­zu­ler­nen, das reizt mich.“Da­zu ge­hört auch das Ab­schre­cken­de – be­son­ders Lu­thers An­grif­fe ge­gen die Ju­den. Das will Rhein im Lu­ther­jahr 2017 nicht ver­schwei­gen – und nicht ent­schul­di­gen. „Vor al­lem in sei­nen Spätschrif­ten ge­winnt die­se Po­le­mik fast wi­der­wär­ti­ge Zü­ge, in de­nen er auch die Ver­nich­tung der Ju­den an­mahnt.“Vie­le An­ti­se­mi­ten hät­ten sich in der Fol­ge auf Lu­ther be­zo­gen. So auch Ju­li­us Strei­cher, der bei den Nürn­ber­ger Pro­zes­sen sag­te, Lu­ther müs­se an sei­ner Stel­le auf der An­kla­ge­bank sit­zen. Die­se Ver­tei­di­gungs­stra­te­gie schei­ter­te, Strei­cher wur­de hin­ge­rich­tet. Für Ge­denk­stät­ten­chef Rhein ist klar: „Man kann An­ti­se­mi­tis­mus nicht mit Lu­ther ent­schul­di­gen.“

(Al­le An­ga­ben oh­ne Ge­währ)

Ste­fan Rhein

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