90 Jah­re Büh­nen­er­fah­rung

Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel: Mar­ti­na Krom­p­holz, Wil­fried Reach und Gös­ta Born­schein ha­ben das Td­jw-en­sem­ble ver­las­sen

Leipziger Volkszeitung - - Kultur - VON DIMO RIESS

sind All­tag am Thea­ter. Den­noch star­tet das En­sem­ble des Thea­ters der Jun­gen Welt mit ei­nem Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel in die neue Spiel­zeit, der ins Ge­wicht fällt. Zu­sam­men brin­gen es Mar­ti­na Krom­p­holz, Gös­ta Born­schein und Wil­fried Reach auf rund 90 Jah­re Td­jwer­fah­rung. Jetzt ge­hen sie in Ren­te, wenn auch Krom­p­holz und Reach als Gäs­te dem Haus und Pu­bli­kum er­hal­ten blei­ben. Neu am Haus sind Phil­ipp Oeh­me und Lau­ra Hem­pel, die mit „Jul­ler“schon in der ver­gan­ge­nen Spiel­zeit über­zeu­gend am TD­JW ge­star­tet sind.

Reach, der Pup­pen­spie­ler, ist im Ver­gleich zu Born­schein und Krom­p­holz ge­ra­de­zu ein Neu­ling, der erst 1991 ans Haus kam in den Auf­bruch­jah­ren nach der Wen­de. Born­schein und Krom­p­holz hin­ge­gen ha­ben die 80er Jah­re un­ter In­ten­dant Karl Kay­ser er­lebt, als die Spar­te Kin­der­thea­ter mehr ge­dul­det als ge­liebt wur­de im gro­ßen Thea­ter­kom­bi­nat Leipzig. „Das war an an­de­ren Häu­sern nicht an­ders“, sagt Krom­p­holz, die zu­vor in Mag­de­burg und Sten­dal spiel­te. Aber: „Büh­ne ist Büh­ne.“Soll hei­ßen: Ein Schau­spie­ler wol­le im­mer das Bes­te aus der Rol­le ma­chen, da­her ha­be sie sich we­nig an der Ge­ring­schät­zung des Kin­der­thea­ters ge­stört.

97 Stü­cke hat sie seit 1983 ge­spielt am Haus und da­bei mit­er­lebt, wie die Re­pu­ta­ti­on des Kin­der- und Ju­gend­thea­ters bis heu­te kräf­tig wuchs. Das Al­ters­spek­trum der Ziel­grup­pe wur­de er­wei­tert und ein Abend­spiel­plan ein­ge­führt. Doch das Thea­ter muss­te sich nicht erst durch die Wen­de neu er­fin­den. „Am 29. Au­gust 1989 kam ich ans Thea­ter und nie­mand hat mir zum Ge­burts­tag gra­tu­liert“, scherzt Krom­p­holz. Die Thea­ter­kol­le­gen fan­den et­was an­de­res wich­tig: Das Haus war über Nacht ab­ge­brannt. Neue Räu­me wur­den be­spielt, und viel­leicht hat auch das zu Er­neue­rung bei­ge­tra­gen, et­wa zur neu­en Spar­te Pup­pen­spiel.

Fast hät­te es die nie ge­ge­ben. Al­lein schon weil Wil­fried Reach, der sie ab 1991 auf­bau­te, fast an sei­ner Kunst ge­hin­dert wur­de in je­nen Jah­ren, als die po­li­ti­sche Ein­stel­lung mehr wie­gen konn­te als Ta­lent. An der Ber­li­ner Schau­spiel­schu­le strich er bei der Volks­kam­mer­wahl den Wahl­zet­tel öf­fent­lich durch. Die Fol­gen: Ex­ma­tri­ku­la­ti­on und die Ver­set­zung in die Pro­vinz nach Zwi­ckau. Als Ex­ter­ner durf­te er den­noch das Di­plom ab­le­gen. „Es war ein schwe­rer Weg für mich“, sagt Reach. Vie­le sei­ner Freun­de wan­der­ten in den Wes­ten ab. Er blieb.

Im Neu­en Fo­rum be­tei­lig­te sich Reach in der Wen­de­zeit, en­ga­gier­te sich auch für Kin­der- und Ju­gend­fra­gen. Und Hanns Gal­lert, da­mals Di­rek­tor des TD­JW, über­zeug­te er schließ­lich mit dem Vor­schlag, am Haus auch Pup­pen spie­len zu las­sen. Reach er­zählt mit sicht­li­chem Ver­gnü­gen von der Zeit, als ihn Kol­le­gen für Ver­rückt er­klär­ten. Wäh­rend über­all die Zu­kunft im Un­ge­wis­sen lag und Thea­ter­schlie­ßun­gen im Raum stan­den, bau­te er ei­ne neue Spar­te auf. Wenn auch ak­tu­ell nur mit zwei Pup­pen­spie­lern und nicht mit vier, wie es ur­sprüng­lich sein Ziel war.

Co­rin­na Har­fouch stu­dier­te da­mals zeit­gleich mit Reach in Ber­lin, eben­so Syl­ves­ter Groth. Und noch ei­nen hat Reach im Stu­di­um ken­nen ge­lernt: Gös­ta Born­schein. Born­schein, der seit 1979 fast sein kom­plet­tes Thea­ter­le­ben am TD­JW ver- bracht hat, sei für ihn ein Bin­de­glied ge­we­sen, sagt Reach, um selbst am Haus an­zu­heu­ern und das Pup­pen­spiel durch­zu­set­zen.

Born­schein hat aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den schon ver­gan­ge­nes Jahr sei­ne Rol­len ab­ge­ben. Jetzt geht er mit den bei­den Kol­le­gen of­fi­zi­ell in Ren­te. Und die jon­glie­ren mit Er­in­ne­run­gen. Reach er­zählt von ge­mein­sa­men Pro­gram­men, in de­nen Born­schein als Ko­mö­di­ant mit Gi­tar­re glänz­te. Krom­p­holz hat so­gar nach­ge­zählt: „51 Stü­cke ha­be ich mit Gös­ta ge­spielt.“Und er war es, der ihr in Kis­hons „Es war die Ler­che“statt in die Au­gen aufs Bein starr­te. „Da ha­be ich erst ge­merkt, dass al­les vol­ler Blut war.“Wei- ter­ge­spielt hat sie nach ih­rem Büh­nen­un­fall un­ter Schmer­zen den­noch. Er­in­ne­run­gen, die erst im Nach­hin­ein lus­tig wer­den.

„Brenn­punkt X“, je­ne ein­drucks­vol­le und vom Pu­bli­kum ge­fei­er­te Ins­ze­nie­rung, die mit Ge­flüch­te­ten de­ren Le­bens­si­tua­ti­on re­flek­tier­te, sieht Krom­p­holz als schö­nen Schluss­punkt ih­rer Kar­rie­re. In „Der Bär, der nicht da war“und „Wa­gen 1322“spielt sie als Gast wei­ter. Lieb­ge­won­ne­ne Rol­len, mit de­nen sie sich be­wusst lang­sam aus dem Thea­ter­le­ben schleicht. „Es ist lo­gisch, dass es am Kin­de­r­und Ju­gen­thea­ter nicht mehr so vie­le Rol­len für äl­te­re Schau­spie­ler gibt. Ich ma­che Platz für die Jun­gen“, sagt sie.

Reach ist noch in vier Pro­duk­tio­nen zu se­hen, dar­un­ter in „Pe­ter und der Wolf“. Ei­nes sei­ner liebs­ten Stü­cke, in de­nen er den Groß­va­ter selbst spielt und den Rest im Pup­pen­spiel zau­bert. Ein Klas­si­ker am Haus mit über 500 Vor­stel­lun­gen und den­noch im­mer wie­der mit Über­ra­schun­gen ver­bun­den. Bei ei­nem Auf­tritt au­ßer Haus fiel zu­nächst die Mu­sik aus – und Reach be­half sich da­mit, die Me­lo­di­en ein­fach selbst zu sin­gen.

Die Freu­de am Spie­len, die Ehr­furcht vor je­der neu­en Rol­le und Pup­pe, die ist Reach in all den Jah­ren ge­blie­ben. „Da ste­he ich im­mer noch da wie ein klei­ner Jun­ge“, sagt er. „Den­noch bin ich glück­lich, nicht mehr im Rä­der­werk des Thea­ters zu ste­cken, son­dern ent­spannt in die Vor­stel­lun­gen zu ge­hen.“Und Zeit zu ha­ben für ei­ge­ne Thea­ter­pro­jek­te. Die blieb zu­vor nicht. 228 Stü­cke hat er in sei­ner dich­tes­ten Sai­son ge­spielt. „Das geht an die Sub­stanz.“Den­noch blickt er vol­ler Wohl­wol­len auf die Jah­re am TD­JW zu­rück und schwärmt von der fa­mi­liä­ren At­mo­sphä­re. Reach: „Ich lie­be die­ses Haus. Auch weil ich es für ganz wich­tig hal­te, wenn wir Kin­der zu emo­tio­na­len Men­schen er­zie­hen wol­len.“Mar­ti­na Krom­p­holz spielt am Sams­tag, 16 Uhr, in „Der Bär, der nicht da war“. Wil­fried Reach ist wie­der am Sonn­tag, 11 Uhr, in „Pe­ter und der Wolf“zu se­hen. Kar­ten: 0341 4866016

Fo­to: Td­jw

Wil­fried Reach hat „Pe­ter und der Wolf“über 500 Mal ge­spielt.

Fo­to: The­re­se Stu­ber

Mar­ti­na Krom­p­holz spielt als Gast wei­ter­hin in „Wa­gen 1322“.

Fo­to: Tom Schul­ze

Gös­ta Born­schein im Ju­gend­stück „Aus der Traum“.

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