Wo das Leip­zi­ger Al­ler­lei zu Hau­se ist

Jazz, Kla­mauk und Ma­gen­säu­re: Hel­ge Schnei­der vor 2200 Park­büh­nen-be­su­chern

Leipziger Volkszeitung - - Szene Leipzig - VON TO­BI­AS OSSYRA

Kom­plex:

Lo­op-künst­ler führt sei­ne atem­be­rau­ben­de Tech­nik und sei­ne groo­vi­ge Mu­sik heu­te, 21 Uhr, im (Halle A, Koch­stra­ße 132) vor, Vor­ver­kauf 25,20 Eu­ro.

Kol­le­gi­al:

Das 14. Leip­zi­ger Song­fes­ti­val des Ver­eins Lie­der-tour be­ginnt im

(Reich­pietsch­stra­ße/ei­len­bur­ger Stra­ße) heu­te, 20 Uhr, mit ei­nem Kon­zert der hie­si­gen Ame­ri­ca­na-band Tem­pi Pas­sa­ti, Ein­tritt frei oder Spen­de.

Kons­ter­niert:

Das Schau­spiel Leipzig macht wie­der Som­mer­thea­ter am

(Mencke­stra­ße 23). Um 20 Uhr steht das Lust­spiel von Pier­re Car­let de Ma­rivaux auf dem Spiel­plan, Ein­tritt 19/13 Eu­ro.

Schlöss­chen Kos­ten­los: De Guy DUBFX Werk 2 Gohli­ser „Der Streit“

nennt sich der aus Israel nach Leipzig ge­zo­ge­ne Bas­ket­bal­ler, der noch lie­ber als Kör­be zu wer­fen, zur Mu­sik sei­ner Gi­tar­re singt – heu­te, 19 Uhr, auf der Som­mer­büh­ne des (Bern­har­dGö­ring-stra­ße 152), Ein­tritt frei oder Spen­de.

Il­ses Eri­ka Le­ne-voigt­park

Wei­te­re Hin­wei­se auf der Ser­vice­sei­te Leipzig Li­ve in un­se­rem Lo­kal­teil und im In­ter­net un­ter www.leipzig-li­ve.com Wie soll man das ei­gent­lich den aus­län­di­schen Tou­ris­ten er­klä­ren? De­nen, die am Di­ens­tag­abend durch den Cla­ra-zet­kin­park schlen­dern und beim Pas­sie­ren der Park­büh­ne ein stot­tern­des „Piz­za! Pi-pi­pi-piz­za. az­zip! az­zip!“zu hö­ren be­kom­men? Oben­drein noch 2200-fa­ches Ge­läch­ter aus ei­ner Men­ge, die je­de Sil­be als Po­in­te an­nimmt, wäh­rend im Hin­ter­grund ei­ne fünf­köp­fi­ge Band die skur­ri­le Akus­tik mit Jazz­har­mo­ni­en un­ter­malt. „You know“, wür­de man sa­gen, „sis is just Hel­ge Schnei­der, he is cra­zy. But he is fa­mous he­re.“

Wo­für, das zeigt Schnei­der – blau­er An­zug, wil­des Haupt- und sicht­ba­res Brust­haar – am Vor­abend sei­nes 62. Ge­burts­ta­ges ganz deut­lich: ge­leb­te Büh­nen-an­ar­chie. Sei­ne im­pro­vi­sier­ten An­sa­gen und Ge­schich­ten, die sich ir­gend­wann in sich selbst ver­lie­ren, sei­ne Band-be­lei­di­gun­gen und Song-ab­brü­che, sei­ne ge­ra­de eben aus­ge­dach­ten Wit­ze, über die er selbst la­chen muss, oder sein Show-but­ler Bo­do Oes­ter­ling, der ab­rupt Ka­mil­len­tee ser­vie­ren soll – nichts da­von ist vor­her­seh­bar, das Pu­bli­kum wird von Schnei­ders Kla­mauk-la­wi­ne stets von hin­ten er­wischt. Si­cher al­so, dass hier nichts si­cher ist.

„240 Ye­ars of Sin­gen­de Herrentorte!“heißt das Som­mer­pro­gramm, mit dem der Tau­send­sas­sa ge­ra­de durchs Land tourt. Un­er­müd­lich, war er doch im De­zem­ber erst im Ge­wand­haus zu se­hen. Leip­zigdau­er­gast ist Schnei­der so­wie­so, und an die­sem Abend er­klärt er nun end­lich, war­um. Das Leip­zi­ger Al­ler­lei ha­be schon der klei­ne Hel­ge gern ge­ges­sen und sich so­fort ver­liebt. „Ich woll­te im­mer in die Stadt, in der die­ses tol­le Ge­richt er­fun­den wur­de, das Kin­der es­sen kön­nen, oh­ne so­fort zu kot­zen.“So­so.

240 Jah­re, klar, dass da ei­ni­ge Klas­si­ker zu er­war­ten sind. „Ich bin der Wurst­fach, ja der Wurst­fach, ja der Wurst­fach­ver­käu­fe­rin“, träl­lert die knät­schi­ge Stim­me, die in wei­te­ren Rol­len den Te­le­fonund Mei­sen­mann mimt. Letz­te­ren in Be­glei­tung ei­ner ex­zel­lent di­let­tan­ti­schen Tanz­ein­la­ge von Sa­xo­pho­nist und Show­o­pa Ser­gej Gleith­mann. Der Voll­bart­misch­ling aus ZZ-TOP und Vet­ter Itt hüpft mit aus­schwei­fen­den Flat­ter­ar­men und krum­mem Rü­cken über die Büh­ne, wäh­rend Schnei­der ei­nen Non­sens-dia­log zwi­schen dem Mei­sen­mann und Ad­ler Horst ent­sinnt, der ei­gent­lich Gün­ther heißt.

Der Mei­sen­mann selbst bleibt na­men­los und wird zu gu­ter Letzt von sei­ner ei­ge­nen Frau ver­speist. „Maaa­gen­säu­re“, singt Schnei­der. „Ma­gen­säu­re!“ent­geg­net die Back­ground-band, was wie­der­um den Ma­e­s­tro zum La­chen bringt. Als Schnei­der beim Boo­gie-woo­gie dann auch noch sei­ne Ho­se ver­liert, ist klar: Heu­te kann al­les pas­sie­ren. „Tja, das kann sich nicht je­der Star leis­ten. Bei den meis­ten hängt dann ein Ei raus.“

Bei all den Gags ver­gisst man schnell, was für ein be­gna­de­ter Mu­si­ker Hel­ge Schnei­der ist, hat er doch ge­ra­de erst mit Jazz-drum­mer Pe­te York ein Al­bum her­aus­ge­bracht. Kla­vier­spie­ler seit 57 Jah­ren, da­zu Cel­lo, Trom­pe­te, Sa­xo­phon und Gi­tar­re. Schnei­der, das All­round-ta­lent, das so schnell ei­nen La­cher pro­vo­ziert, dass die gan­ze gu­te Mu­sik ge­le­gent­lich hin­ten run­ter fällt. Zum Glück hält der Abend auch für den Lai­en un­ver­kenn­ba­re Mo­men­te be­reit, in de­nen die­se Mu­sik ei­nen Schritt nach vorn ma­chen darf. Als Schnei­der mit der ei­nen Hand Sa­xo­phon spielt und mit der an­de­ren die Be­gleitak­kor­de am Flü­gel, zum Bei­spiel. Und auch das ob­li­ga­to­ri­sche So­lo be­kommt dann je­der Mu­si­ker ge­stat­tet: Pe­ter Thoms trom­melt lo­cker aus dem Hand­ge­lenk, Al­ters­prä­si­dent Ru­di Ol­brich lässt den Kon­tra­bass lau­fen, San­dro Giam­pie­tro saf­tet an der Gi­tar­re, Car­los Boes bläst in Qu­er­flö­te und Sa­xo­phon.

Lei­der greift der Ton­mann zwi­schen­drin im­mer wie­der kurz ins Kat­ze­klo, lässt Mi­kro­fo­ne fie­pen, Gi­tar­ren ste­chen und an­de­re In­stru­men­te im un­aus­ge­wo­ge­nen Sound un­ter­ge­hen. Zu­dem ist die Sicht für Men­schen jen­seits von 180 Zen­ti­me­tern Kör­per­grö­ße in den hin­te­ren Rei­hen mehr als ma­ger, da muss auch der Büh­nen­schrau­ber beim nächs­ten Mal den klei­nen Ex­tra­auf­wand ein­pla­nen.

In­halt­lich und mu­si­ka­lisch hin­ge­gen schmeißt Schnei­der ei­nen wun­der­bar wit­zi­gen und kurz­wei­li­gen Abend zu­sam­men, der Gang zum nächs­ten Ge­wand­haus-gig sei al­so wärms­tens emp­foh­len.

Noch exis­tiert kein Ter­min für Hel­ge Schnei­ders nächs­tes Ge­wand­haus-gast­spiel – aber es wird ei­nes ge­ben, so si­cher, wie er auf die Park­büh­ne zu­rück­keh­ren wird.

Fo­to: An­dré Kemp­ner

Ru­di Ol­brich, Pe­ter Thoms, San­dro Giam­pie­tro (hin­ten von links) und ei­ne Sin­gen­de Herrentorte: Hel­ge Schnei­der am Vor­abend sei­nes 62. Ge­burts­tags im Cla­ra-zet­kin-park.

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