Der Leis­tungs­wahn frisst sei­ne Kin­der

De­ge­ne­rier­te Eli­te: Ödön von Horváths Ro­man „Ju­gend oh­ne Gott“er­lebt ein Up­date

Leipziger Volkszeitung - - Film - VON STE­FAN STOSCH

Be­trof­fe­ne könn­ten die­se Ver­fil­mung durch­aus als Pro­vo­ka­ti­on auf­fas­sen, denn sie kom­men ziem­lich schlecht weg. Und be­trof­fen sind al­le, die sich auf dem Weg ins Er­wach­sen­sein be­fin­den und noch ih­ren Platz im Le­ben su­chen. Die Vor­la­ge, der Ro­man „Ju­gend oh­ne Gott“, han­delt schließ­lich von ei­ner ver­blen­de­ten Ju­gend im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land. Der ös­ter­rei­chi­sche Au­tor Ödön von Hor­váth er­zähl­te 1937 von Mit­läu­fern und Duck­mäu­sern, von Ge­dan­ken­und Lieb­lo­sig­keit. Und nun kom­men der Schwei­zer Re­gis­seur Alain Gsponer („Hei­di“) und sei­ne bei­den Dreh­buch­au­to­ren (Alex­an­der Bu­resch, Mat­thi­as Pacht) da­her und ver­pflan­zen die­se Ge­schich­te mal eben in ei­ne na­he Zu­kunft, die sich schon in un­se­rem All­tag ab­zu­zeich­nen scheint – Mi­kro­chips un­ter der Haut und Mi­ni­droh­nen zu Über­wa­chungs­zwe­cken gibt es schließ­lich schon heu­te. Fu­tu­ris­tisch sieht in die­sem Film we­nig aus.

Tat­säch­lich bie­tet sich die Ak­tua­li­sie­rung des Ro­mans ge­ra­de­zu an, die­ses Ki­no-up­date er­scheint lo­gisch: Der ver­schlos­se­ne Zach (Jan­nis Nie­wöh­ner), die über­eif­ri­ge Na­desch (Ali­cia von Ritt­berg), der hin­ter­fot­zi­ge Ti­tus (Jan­nik Schü­mann) und all die an­de­ren Schü­ler zie­hen ja auch nicht ins ab­ge­schie­de­ne Wald­camp, um Exer­zie­ren und Schie­ßen für den nächs­ten Welt­krieg zu üben, so wie sie es bei Hor­váth tun.

Sie al­le sind Teil­neh­mer ei­nes psy­cho­lo­gisch aus­ge­klü­gel­ten Aus­le­se­ver­fah­rens für ei­ne Eli­te-uni. Wenn sie Flüs­se über­win­den oder Fel­sen er­klim­men, dann ha­ben sie nur ein Ziel: Sie wol­len bes­ser sein als die an­de­ren. So­li­da­ri­sches Ver­hal­ten zie­hen sie nur dann in Be­tracht, wenn dies Punk­te für die in­di­vi­du­el­le Ge­samt­wer­tung bringt. Denn Uni-plät­ze sind knapp.

Das dürf­te heu­ti­gen Ju­gend­li­chen wo­mög­lich be­kannt vor­kom­men. Schließ­lich äh­nelt ihr All­tag ei­nem nim­mer en­den­den Wett­be­werb. Ir­gend­ein nächs- tes Sti­pen­di­um oder ein nächs­tes Prak­ti­kum muss im­mer er­gat­tert wer­den. Der Weg ins Er­wach­sen­sein ge­rät leicht zu ei­ner per­ma­nen­ten Cas­ting­show, bei der man sich selbst mög­lichst teu­er ver­kau­fen muss.

Es gibt al­ler­dings auch je­ne, die sich die­sem Aus­le­se­pro­zess ver­wei­gern. Der sen­si­ble Zach ge­hört da­zu. Er lei­det un­ter dem Selbst­mord sei­nes ge­schäft­lich er­folg­rei­chen Va­ters, über den wir im Film nichts wei­ter er­fah­ren. Im­mer ver­bis­se­ner ver­tei­digt Zach sei­nen ju­gend­li­chen Idea­lis­mus ge­gen den um sich grei­fen­den Kon­kur­renz­zwang. Sei­ne Träu­me von ei­ner ge­rech­ten Welt ver­traut er ei­nem Ta­ge­buch an. Auch die we­ni­ger Per­fek­ten sol­len ei­ne Chan­ce ha­ben, die Über­ge­wich­ti­gen oder die nicht ganz so In­tel­li­gen­ten. In sei­ner Ge­gen­wart wer­den die Ab­ge­häng­ten in Get­to-ähn­li­chen Sek­to­ren weg­ge­sperrt.

Aber dann ist das Ta­ge­buch weg, und ei­ne be­son­ders streb­sa­me Mit­schü­le­rin liegt tot im Wald. Des Mor­des ver­däch­tigt wird erst Zach und dann Ewa (Emi­lia Schü­le), ei­ne „Il­le­ga­le“, wie es hier heißt, ei­ne Her­um­trei­be­rin, die nicht der künf­ti­gen Eli­te an­ge­hört. Zach ist mehr­fach auf die­se Wald­fee im Zot­tel-look ge­sto­ßen, und weil dies ein Film über und für Ju­gend­li­che ist, kommt es auch zu nächt­li­chem Sex im Mon­den­schein.

Al­lein Zachs Leh­rer (Fah­ri Yar­dim) ahnt mehr von den Zu­sam­men­hän­gen. Er ist die heim­li­che Haupt­fi­gur, ei­gent­lich ein Idea­list wie Zach, doch hat er bei­na­he schon ka­pi­tu­liert vor dem Sys­tem. Der – na­men­lo­se – Leh­rer muss für sich ent­schei­den, ob er sich wei­ter ver­bie­gen las­sen will oder doch noch den Mut auf­bringt, zu sei­nen hu­ma­nis­ti­schen Über­zeu­gun­gen zu ste­hen. So liest sich das bei Ro­man­au­tor Hor­váth, und so ist es auch im Film zu se­hen.

Dra­ma­tur­gisch ha­pert es al­ler­dings bei der Um­set­zung: Re­gis­seur Gsponer er­zählt die Er­eig­nis­se im Berg­camp gleich zwei­mal, zu­nächst mit ei­ni­gen ent­schei­den­den Aus­las­sun­gen und dann noch ein­mal rund um die feh­len­den Puz­zle­tei­le. Das soll ele­gant er­schei­nen, birgt aber kei­ner­lei in­ne­re Not­wen­dig­keit und bringt auch kei­ne über­ra­schen­den Er­kennt­nis­se. Die­ses Dop­pel­gemop­pel geht klar auf Kos­ten der Span­nung. Über­haupt wird in die­sem Film die Bot­schaft all­zu ein­deu­tig rü­ber­ge­bracht.

Be­ein­dru­ckend da­ge­gen sind die en­ga­gier­ten Jung­s­chau­spie­ler. Jan­nis Nie­wöh­ner ver­kör­pert das Recht der Ju­gend auf Kom­pro­miss­lo­sig­keit, wenn er – be­schützt von den Kopf­hö­rern auf sei­nen Oh­ren – un­be­irrt sei­nen ei­ge­nen Weg geht. Und Jan­nik Schü­mann gibt sei­ner Fi­gur ei­nen ge­ra­de­zu dia­bo­li­schen, zeit­lo­sen Kick. Am En­de frisst die Leis­tungs­ge­sell­schaft ih­re Kin­der.

„Ju­gend oh­ne Gott“, Re­gie: Alain Gsponer, 110 Mi­nu­ten, FSK 12 Ci­ne­p­lex, Ci­nes­tar, Re­gi­na

Fo­to: Con­stan­tin

Läuft er wei­ter in Reih und Glied, oder geht er sei­nen ei­ge­nen Weg? Zach (Jan­nis Nie­wöh­ner, r.) im Eli­te­camp.

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