Be­gräb­nis­re­de für ein Meer­schwein­chen

Zu­rück zu den Wur­zeln im VW-BUS: Char­ly Hübner geht mit sei­nen Tech­no-kum­pels auf „Ma­gi­cal Mys­te­ry“-tour

Leipziger Volkszeitung - - Film - VON MAR­TIN SCHWICKERT

Tod durch den Strang, soll sie doch ih­ren Mann ver­gif­tet ha­ben. Scot­land-yard-in­spek­tor John Kilda­re (Bill Nig­hy) will sie ret­ten, in­dem er ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen dem Verb­li­che­nen und dem Mör­der kon­stru­iert.

Bis zur über­ra­schen­den Lö­sung des spek­ta­ku­lä­ren Falls legt das auf Pe­ter Ack­royds Ro­man „Der Go­lem von Li­me­hou­se“ba­sie­ren­de ma­ka­bre Dra­ma vie­le fal­sche Fähr­ten und er­zählt ge­fühl­voll die Sa­ga vom nai­ven Mäd­chen, das zum Star auf­stieg. Das Who­du­nit ent­puppt sich als rät­sel­haf­tes Spiel zwi­schen Fan­ta­sy und Rea­li­tät. Der wun­der­vol­le Bill Nig­hy ver­leiht der brü­chi­gen Fi­gur des Po­li­zis­ten die nö­ti­ge Ele­ganz und Me­lan­cho­lie. Gern taucht man mit ihm ein ins düs­te­re London.

„The Li­me­hou­se Go­lem“, Re­gie: Juan Car­los Me­di­na, 109 Mi­nu­ten, FSK 16 Ci­ne­p­lex, Re­gi­na M anch­mal be­wegt sich ei­ner nicht, aber des­halb ist er noch lan­ge nicht tot“, sagt Hob­by-zoo­lo­ge Char­lie. Da hat sein Al­li­ga­tor aus der Star­re her­aus ge­ra­de ganz plötz­lich nach ei­nem Fisch ge­schnappt. Aber ei­gent­lich spricht Char­lie hier über sich selbst. Char­lie (Char­ly Hübner) hat sich seit fünf Jah­ren nicht mehr aus sei­ner klar um­grenz­ten Welt der the­ra­peu­tisch be­treu­ten Dro­genwg raus­be­wegt. Ab und zu ris­kiert er ei­nen heim­li­chen Aus­flug in die Eis­die­le zwei Stra­ßen wei­ter, und selbst da­für muss er sich beim Plenum recht­fer­ti­gen.

Die Re­geln sind streng. Und die Angst­zu­stän­de, die mit Psy­cho­phar­ma­ka ge­ra­de so un­ter Kon­trol­le ge­bracht wur­den, sind ei­ne ste­te Be­dro­hung. Man kann sich kaum vor­stel­len, dass der schwe­re, gro­ße Lang­sam­spre­cher in der auf­kom­men­den Ber­li­ner Tech­no-sze­ne ein­mal ein Par­ty­ti­ger und viel­ver­spre­chen­der Künst­ler war. Mit den Dro­gen kam aus­ge­rech­net am Tag der Mau­er­öff­nung der Ab­sturz. Seit­dem lebt Char­lie ein Le­ben in der War­te- schlei­fe. Aber dann taucht Rai­mund (Marc Ho­se­mann) aus dem Nichts in der Eis­die­le auf. Der Kum­pel aus der Tech­no­sze­ne be­treibt zu­sam­men mit Freund Fer­di (Det­lev Buck) ei­nen Club und ein Plat­ten­la­bel, mit dem sie stin­k­reich ge­wor­den sind. Aber all der Er­folg, das vie­le Geld und das „Washington-post­mä­ßi­ge“Fir­men­bü­ro lang­wei­len die Tech­no-pio­nie­re. Sie wol­len zu­rück zu den Wur­zeln und mit ei­nem Klein­bus vol­ler be­freun­de­ter DJS auf „Ma­gi­cal Mys­te­ry“-tour ge­hen. Ih­nen fehlt nur noch ein Fah­rer, der kei­ne Dro­gen zu sich nimmt. Und so fährt Char­lie statt zur Kur in die Lü­ne­bur­ger Hei­de zu den Freun­den nach Ber­lin.

Kreuz und quer kurvt die Tech­no­com­bo durch Deutsch­land – von der Be­hin­der­ten-dis­co in Schran­ken­hu­sen­bors­tel bis zum Mes­se­hal­len-ra­ve in Es­sen. Pünkt­lich um 8 Uhr mor­gens zieht Char­lie den Ste­cker, schleppt die zu­ge­dröhn­te Dj-gang aus den Clubs, bringt sie ins Tour­ho­tel und chauf­fiert sie nach ein paar St­un­den Schlaf zum nächs­ten Gig.

„Ihr seid doch so Tech­no-ty­pen. Ihr steht doch drauf, wenn sich al­les wie­der­holt. Macht ihr ein­fach noch ein­mal Ha­fen­rund­fahrt und Fisch­es­sen“, rät ei­ne Ham­bur­ge­rin den ver­gnü­gungs­süch­ti­gen Mu­si­kern. Da­mit wird selbst­iro­nisch nicht nur das mu­si­ka­li­sche Su­jet cha­rak­te­ri- siert, son­dern auch das dra­ma­tur­gi­sche Pro­blem des Films be­nannt. In „Ma­gi­cal Mys­te­ry“setzt Re­gis­seur Ar­ne Feld­hu­sen („Strom­berg“, „Der Tat­ort-rei­ni­ger“), der hier Ro­man und Dreh­buch von Sven Reg­ner („Herr Leh­mann“) ver­filmt, auf Red­un­danz als Er­zähl­prin­zip. Das ist an­fangs noch ko­misch, wenn die Dj-ban­de gleich drei­mal hin­ter­ein­an­der den­sel­ben Weg zum sel­ben Chi­na-nu­del-la­den zu­rück­legt, führt aber im Ver­lauf der Tour von Stadt zu Stadt zu­neh­mend zu Lang­at­mig­keit. Es ist ein ver­brei­te­ter Irr­tum, dass es au­to­ma­tisch Spaß ma­chen muss, an­de­ren beim Spaß­ha­ben zu­zu­schau­en. Das gilt in be­son­de­rem Ma­ße, wenn Dro­gen zu Hil­fe ge­nom­men wer­den.

Ein se­hens­wer­ter Film ist „Ma­gi­cal Mys­te­ry“ein­zig und al­lein we­gen Char­ly Hübner. Er ist groß­ar­tig in der Rol­le des Psych­ia­trie­pa­ti­en­ten, der sich lang­sam ins Le­ben zu­rück­tas­tet. Mit fein re­du­zier­ter Mi­mik spielt er die me­di­ka­men­tös ab­ge­dämpf­ten Emo­tio­nen sei­ner Fi­gur und hält ei­ne Be­gräb­nis­re­de für ein Meer­schwein­chen, die ei­nem bei­na­he das Herz raus­reißt. Gern hät­te man mehr Zeit mit die­sem Char­lie ver­bracht und die zu­ge­dröhn­ten Freun­de ins Bett ge­schickt.

Der­zeit er­freut der ame­ri­ka­ni­sche Re­gie­meis­ter mit ei­ner neu­en Staf­fel der Mys­te­ry­thril­ler-se­rie „Twin Peaks“die Fans von Qua­li­täts­se­ri­en. Die Do­ku ist ein 90mi­nü­ti­ger Vor­trag Lynchs über sei­ne Kind­heit, Ju­gend und sein Werk bis zum Film­de­büt „Era­ser­head“. Pflicht für Lynch­ma­ni­acs. (Pas­sa­ge)

Drei in Deutsch­land auf­ge­wach­se­ne Kur­den set­zen sich nach dem Tod der Mut­ter mit ih­ren Wur­zeln aus­ein­an­der.

„Ma­gi­cal Mys­te­ry“, Re­gie: Ar­ne Feld­hu­sen, 111 Mi­nu­ten, FSK 12 Ci­nes­tar, Pas­sa­ge

Fo­to: Ver­leih

Be­wegt sich we­nig, ist des­we­gen aber noch lan­ge nicht tot: Char­lie (Char­ly Hübner) lässt sich als Fah­rer en­ga­gie­ren.

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