Mein Freund, der Flücht­ling

Mehr als ei­ne Do­ku: „Als Paul über das Meer kam“

Leipziger Volkszeitung - - Film - VON ERNST CORINTH

Ei­gent­lich woll­te Ja­kob Preuss ei­ne Re­por­ta­ge über Grenz­schutz­be­hör­den und Grenz­kon­trol­len rund um Me­lil­la dre­hen, der spa­ni­schen Ex­kla­ve an der ma­rok­ka­ni­schen Mit­tel­meer­küs­te. Doch dann lern­te der Ber­li­ner Paul ken­nen, ei­nen Ka­me­ru­ner, der in ei­nem Camp na­he dem Grenz­zaun leb­te und auf ei­ne von Schleu­sern or­ga­ni­sier­te Über­fahrt nach Spa­ni­en war­te­te.

Die­se Be­geg­nung hat­te für bei­de ein­schnei­den­de Fol­gen. Gut zwei Jah­re be­glei­te­te Preuss Paul mit der Ka­me­ra auf der stra­pa­ziö­sen Rei­se bis nach Ber­lin. Ent­stan­den ist kein klas­si­scher Do­ku­men­tar­film. Preuss ver­lässt die Rol­le des Be­ob­ach­ters und greift ins Ge­sche­hen ein. Die­sen Vor­gang the­ma­ti­siert er in sei­nem Film, re­flek­tiert da­bei ne­ben sei­nen Be­ob­ach­tun­gen aber auch aus­drück­lich sei­ne Ängs­te als Freund Pauls. So ist „Als Paul über das Meer kam“nicht nur der ge­lun­ge­ne Ver­such, den zahl­lo­sen an­ony­men Mi­gran­ten am Bei­spiel ei­nes Ein­zel­schick­sals ein Ge­sicht zu ge­ben, son­dern eben­so ein in­ter­es­san­ter Film über das do­ku­men­ta­ri­sche Ar­bei­ten.

Für ei­nen Fil­me­ma­cher ist der Ka­me­ru­ner ein Glücks­fall: Pauls Of­fen­heit, sein freund­li­ches We­sen und sein Gott­ver­trau­en sind an­ste­ckend. Zu­dem ver­fügt Paul über die in­tel­lek­tu­el­le Fä­hig­keit, sein Schick­sal zu re­flek­tie­ren – mit er­staun­li­chen Er­geb­nis­sen. So ent­puppt er sich als Ver­tei­di­ger ei­ner re­strik­ti­ven Ein­wan­de­rungs­po­li­tik der EU und nennt Ar­gu­men­te, die man sonst von kon­ser­va­ti­ven eu­ro­päi­schen Po­li­ti­kern hört. Was Preuss nicht nur über­rascht, son­dern auch ver­är­gert.

Bei En­de der Dreh­ar­bei­ten lebt Paul in Ber­lin. Er ar­bei­tet als Al­ten­pfle­ger und hofft auf sei­ne An­er­ken­nung als Asyl­su­chen­der. Und die wird ihm wohl je­der Zu­schau­er von Her­zen gön­nen.

„Als Paul über das Meer kam – Ta­ge­buch ei­ner Be­geg­nung“, Re­gie: Ja­kob Preuss, 97 Mi­nu­ten, FSK 6 Lu­ru

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